Frisch gepresst: Amyl and The Sniffers

Punk ´s not Dead

Punk hat seine besten Zeiten bereits erlebt? Die Band Amyl and The Sniffers beweisen mit ihrer neuen Platte “Comfort To Me” das Gegenteil.
Amyl and The Sniffers

Wer sich schon mal verschwitzt durch einen Moshpit geschubst hat, könnte beim Hören von “Comfort to Me” direkt Flashbacks an dieses Gefühl des extatischen Kontrollverlustes bekommen. Denn die neue Platte der Band rund um Frontfrau Amy Taylor ist quasi ein vertonter, rauer Moshpit. 

Mit dem Opener “Guided by Angels” und dem dazugehörigen Musikvideo wird klar, dass Amy Taylor sauer ist und diese Wut lässt sich in jeder Note raushören. Zum Glück macht sie Punk, denn das Genre erlaubt ihr, verlangt sogar allem Ärger Luft zu machen: 

Punk allows me to get out my anger”

I’m an angry person. I’m not going to apologise for that, that’s just who I am. It’s a bit like being a champagne bottle; if you don’t pop the lid off every now and then, the whole thing will eventually explode.Growing up, almost everyone I met was so calm and positive and shit. I don’t know what it’s like for dudes, but if you’re a chick and you’re angry all you get is ‘you need to chill; you’re being hysterical’. (...)For example, when people go, ‘you’re only up there because you’re wearing short shorts’, or when people don’t listen to you because you’re a girl or whatever. Like, try dealing with casual sexism all the time without getting a bit fucking aggro.

https://www.loudandquiet.com/interview/amyl-and-the-sniffers-amy-taylor-in-her-own-words/

Die Lyrics, welche aus der Feder der Frontfrau stammen, sind noch politischer und feministischer als auf ihrer Debutplatte “Amyl and the Sniffers”. Im Track “Choices” macht sie klar, dass sie keinen Bock mehr hat ungefragt Ratschläge und Meinungen zu bekommen und hebt damit einen musikalischen Mittelfinger an alle Männer, die denken einer Frau* mal wieder die Welt erklären zu müssen. Der Track “Knifey” beginnt zunächst friedlich: Amy Taylor beschreibt einen idyllischen Nachtspaziergang durch den Park, bei dem sie sich sicher fühlt und ganz in Ruhe  den Sternenhimmel und die nächtliche Ruhe genießt. Aber schnell wird klar, dass das eine Wunschvorstellung ist, denn dieses Privileg ist Flinta* Personen leider vorenthalten. Der Titel “Knifey” ist also keine Metapher oder hat keine Metaebene. Es geht schlichtweg um das Messer, dass Amy Taylor zumindest auf dem Track bei sich trägt, wenn sie nachts unterwegs ist.

Vertonte Kapitalismuskritik

Wütend ist sie auch auf “Capital”. Zu hören ist eine vertonte Kapitalismuskritik, in der Amy Taylor auch persönlich wird. Denn es geht um ihre eigene Politisierung und der gleichzeitig einhergehenden Apathie aktiv zu werden, weil vieles irgendwie schon aussichtslos scheint. Dabei bezieht sie sich auf die Ereignisse, die während der Entstehung von “Comfort to Me” geschahen und immer noch geschehen, so wie die Coronapandemie, Buschbrände und Überschwemmungen in Australien. Musikalisch ist der Song passend zum Text alles andere als geschmeidig. Zu hören sind straight forward Hardcore Elemente gemischt mit oldschool Rock und Amy Taylors wütender, schriller Stimme, welche die Musik fast einzuholen scheint. 

Comfort to me, what does that even mean? One reason, do we persevere?
Existing for the sake of existing, meaning disappears
Meanwhile, I only just started learning basic politics
Meanwhile, they sexualise my body and get mad when I exploit it

It’s just for capital
Am I an animal?
It’s just for capital, capital, capital
But do I care at all?

"Capital"

Come on put your maggots in me

Unter all der ganzen Wut, finden sich hier und da tatsächlich auch Liebessongs, auch wenn sie sich unter dem Deckmantel von 70s Rock´n´Roll und Punk Rock verstecken. So wie im Track “Maggots”. Der lässt jede Form von Kitsch beiseite und klingt eher nach Pub als nach Romanze, aber das ist eben Romantik à la Amyl and the Sniffers. Wer sich jetzt fragt was Maggots, also Maden mit Verliebtheit zu tun haben? Für Amy Taylor ganz viel:

it´s just straight up a love song (...) gets filled up with maggots and it starts wiggling … it’s a whole new life. It gets possessed.

https://www.theguardian.com/music/2021/sep/04/amyl-and-the-sniffers-amy-taylor-i-wanna-punch-stuff-and-yell-but-not-all-the-time

Nach einer halben Stunde ist dann schon Schluss. Die Musik klingelt immer noch in den Ohren und irgendwie fühlt man sich nach der Platte, als wäre man eben vom Moshpit ausgespuckt worden. Dreckig, verschwitzt, wütend und energiegeladen. “Comfort to me” zeigt, dass Amyl and the Sniffers zurecht nicht mehr nur Down Under, sondern inzwischen internationale Genre Größen sind. Im Vergleich zum Debutalbum ist die Instrumentierung detallierter, die verschiedenen Elemente aus 70s Rock, oldschool Hardcore und klassischen Punk besser ausbalanciert. Insgesamt ist die Band und vor allem Frontfrau Amy Taylor ernster geworden. Sie trauen sich erstmals auch an persönlichere Themen ran und zeigen damit eine neue Seite von sich, auch wenn die ganz großen Veränderungen ausbleiben. Aber warum was verändern, wenn es doch so gut funktioniert. Alerta.

 

 

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Wiebke Stark
18.09.2021 - 07:11
  Kultur

Amyl and The Sniffers: Comfort To Me

Tracklist:
  1. Guided by Angels
  2. Freaks to the Front
  3. Choices
  4. Security
  5. Hertz
  6. No More Tears
  7. Maggot
  8. Capital
  9. Don´t Fence Me
  10. Knifey
  11. Don´t Need a Cunt (Like You to Love Me)
  12. Laughing
  13. Snakes
Erscheinungsdatum: 10.09.2021
Rough Trade Records