Gespräche auf dem Roten Sofa

Pubertierende Republik

Mit seinem Roman über Liebe, Erwachsenwerden und linkem Terror hatte es Michael Wildenhain auf die Short List des Preises der Leipziger Buchmesse geschafft. Themen, die ihn schon länger interessieren. Er war auf der mephisto 97.6-Couch zu Gast.
Michael Wildenhain stellte seinen Roman auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt.
Michael Wildenhain stellte seinen Roman auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt.

Beinahe ruhig beginnt der Roman: Der jugendliche Protagonist Matthias ist mit seiner Mutter auf Sylt, der windigen, beinahe aus der Zeit gehobenen Nordseeinsel. Hier soll er seinen geistig behinderten Bruder Carsten besuchen. Obwohl er darauf nur wenig Lust hat, genießt er den Aufenthalt, denn er lernt auch die Pflegerin Marta kennen, in die er sich verliebt. Doch erst Jahre später an der Universität, kommt es zu einer Beziehung, die jedoch politische Hintergründe hat, wie Mathias feststellen muss.

Verstrickungen der Geschichte

Der Roman "Das Lächeln der Alligatoren" von Michael Wildenhain ist nur am Rande eine Geschichte über das Älterwerden und die Liebe. Letztlich geht es um Gewalt, Vertrauen und Schuld. Diesen Fragen müssen sich alle Figuren des Romans stellen. Auf die eine oder andere Weise hat jeder Charakter Schuld und in einer gewissen Weise Gewalt auf sich geladen und Vertrauen enttäuscht oder ausgenutzt. Wildenhain überhöht dieses Thema auch auf die politische Ebene: Es geht auch um die vererbte Schuld des dritten Reiches und die Gewalt, die die linke Revolution behindert hat. Der Roman vermittelt das Gefühl, dass diese Lasten auf jedem liegen. Er fragt jedoch nicht auf philosophischer Ebene woher sie kommt, es scheint vielmehr zum Menschen zu gehören.

Der Roman ist äußerst geschickt konstruiert. Der Leser kann sich äußerst gut mit dem Protagonisten Matthias mitfühlen, er kommt ihm nahe. Vor allem weil der Roman so ruhig und alltäglich beginnt. Wobei es allerdings bedauerlich ist, dass andere ebenso starke Figuren nur am Rande auftauchen. Ganz langsam nähert sich der Leser mit Matthias dem Kern des Romans – darin liegt seine Stärke. Wildenhain steigt nicht mit dieser schweren Thematik ein, sondern offenbart dem Leser erst nach und nach die Verstrickungen. Er lässt ihn ebenso in diese Beziehung zwischen Marta und Matthias rauschen und enthüllt immer zu richtigen Zeit neue Details. Er beschäftigt sich somit nicht mit einem gänzlich neuen Thema, auch nicht in neuer Konstellation, aber schafft ein lebendiges Bild eines Deutschland in den 70er Jahren zu entwerfen und die immer noch aktuelle Frage nach Schuld und Gewalt geschickt zu stellen.

Carina Fron hat Michael Wildenhain auf der Buchmesse interviewt

Redaktion: Thilo Körting, Amy Wittenberg

M19 mit Michael Wildenhain
 

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Thilo Körting
19.03.2015 - 20:37
  Kultur