Portraits

"Psychos haben alle selber einen Knacks"

„Psychologiestudenten haben doch sowieso alle selber einen Knacks.“ Auf Partys, in der Familie, in Zeitschriften – überall begegnet man diesem Stereotyp. Was ist dran an dem Vorurteil? Wir haben mit Betroffenen gesprochen.
Psychologiestudierende
Psychologiestudierende in Therapie: Zu verrückt, um anderen zu helfen? Oder kann eigene Therapieerfahrung auch Vorteile haben?

„Psychologiestudenten haben doch sowieso alle selber einen Knacks.“

Irgendwann ist man es leid, diesen Satz ständig zu hören zu bekommen. Überall flöge einem dieses Vorurteil um die Ohren. Und nicht nur das allein, manch einer geht sogar soweit, zu sagen, man solle sich besser ein anderes Berufsfeld suchen, wenn man selber psychische Probleme habe: Wie soll man denn anderen helfen, wenn man so sehr mit sich selbst beschäftigt ist?

Paula Kittelmann hat über das Vorurteil "Psychos haben doch alle selber einen Knacks" mit Cornelia Exner, Professorin für Klinische Psychologie in Leipzig, und mit Betroffenen gesprochen:

Paula Kittelmann über das Vorurteil "Psychologen haben alle selber einen Knacks"
0407 Psychos

Erklärungen zur Untermauerung des Stereotyps werden zahlreich gefunden.

Allen voran natürlich: Man würden gar nicht im Interesse einer Berufsausbildung studieren, sondern um sich selber zu helfen. „Studieren statt Therapie“ so der Konsens.
Dann gibt es die umgekehrte Annahme: Das Studienfach habe Einfluss auf die Welt- und Eigensicht. Man wollen alles ganz genau wissen, setze sich konstant mit Problemen, Komplexen und Neurosen auseinander. Irgendwann könne man gar nicht mehr anders, als bei sich selber zu entdecken, was da eigentlich im Argen liegt. Fördert möglicherweise auch der geschulte Blick für die eigenen Schwächen eine gewisse Niedergeschlagenheit? Könne man gar nicht mehr einfach handeln, zwischenmenschliche Beziehungen eingehen, ohne das Augenmerk immer auf etwaige maladaptive Muster zu legen?

Der Anteil an psychischen Störungen, den man in der Normalbevölkerung findet, findet sich natürlich auch zu gleichem Anteil unter Psychologen.
Nur ist es eben bei Psychologen auffälliger, weil das Vorurteil beispielsweise durch Psychologiestudenten in Therapie bestärkt wird. Also wird das Augenmerk eher auf diejenigen gelegt, die die Annahme bestätigen als diejenigen, die es widerlegen. Stichwort: Konsistenztheorie.

Diejenigen Psychologiestudenten nun, die tatsächlich in Therapie sind oder es in Erwägung ziehen, stehen der Stigmatisierung gegenüber. Man hat das Gefühl, sich selbst stellvertretend für alle Psychologen, denen eben in der Gesellschaft gewisse Attribute zugeschrieben werden, ständig rechtfertigen zu müssen. Wie geht es einem in dieser Situation?

Redakteurin Paula Kittelmann hat mit Betroffenen gesprochen, um einige der bisher gestellten Fragen zu diskutieren. In kurzen Portraits werden ihre Geschichten dargestellt - und inwiefern sie das Thema betrifft.

Das Fazit

Der Konsens derer, die als Psychologiestudierende selber Betroffene sind, ist im Grunde sehr ähnlich: Das Studium trägt durchaus dazu bei, dass man sich selbst bewusster wahrnimmt und über innere Vorgänge reflektiert. Das geht aber unausweichlich mit dem Berufsfeld einher, denn letztlich ist die Aufmerksamkeit für bestimmte Prozesse der menschlichen Psyche ja das, was wir lernen. Und vielleicht liegt die Tatsache, dass man das Augenmerk verstärkt auf eigene innere Vorgänge richtet, auch daran, dass Menschen, die ohnehin sensibel im Empfinden und gegenüber dem Empfinden andere sind, sich eben auch eher für das Studienfach interessieren.

Sich selbst zu therapieren, das funktioniert eigentlich nicht so richtig, eher im Subtext. In alltäglichen, oberflächlichen Situationen kann man schon einiges des Gelernten anwenden. Tatsächlich aber seine eigene Störung therapieren, das funktioniert nicht. Und das sollte jeden Psychologiestudenten ohnehin nach den Einführungsveranstaltungen im Bachelor klar sein, da wird nämlich explizit betont, dass man Psychologie nicht für Selbstzwecke studieren sollte.

Aber, so die Empfindung der "Psychos" in therapeutischer Behandlung, die Tatsache, dass sie selbst Patenten sind oder waren, bringe keinen Nachteil für ihr späteres Berufsleben mit sich, eher im Gegenteil. Möglicherweise ergibt sich sogar ein Mehrwert, weil man empathischer auf seine Patienten eingehen könne.

Letztendlich ist es eben ein Stereotyp, was zum Teil richtig, zum Teil blödsinnig ist. Und wie jedes gesellschaftliche Stigmata braucht es Zeit und Mut aufzubrechen. Und vermutlich geht es Hand in Hand damit, dass Psychotherapie im Allgemeinen nach und nach mehr Akzeptanz in der Gesellschaft findet und die allgemeinen Stigmata, die es diesbezüglich gibt, abgebaut werden müssen.

Die Portraits

(Anmerkung: *Namen von der Redaktion zum Schutz der Betroffenen geändert.)

Katharina

Zuerst habe ich mit Katharina* gesprochen. Sie begann ihre Therapie bereits vor dem Studium im Rahmen einer Mutter-Kind-Kur, zu der sie mit ihrem Sohn fuhr. Das war ihr erster Kontakt zu Therapeuten, dann führte sie die Therapie ambulant im Rahmen einer systemischen Therapie fort. Anlass war eine depressive Symptomatik. Sie zog als alleinerziehende Mutter in eine andere Stadt, und war vielen Belastungsfaktoren ausgesetzt. Das Studium sei, so sagt sie, nicht aufgrund der Therapie zustande gekommen, aber dank dieser. Denn erst dadurch habe sie ihre Energie zurück erlangt und habe das Interesse zum Studieninhalt entwickeln können. Dabei sei ihr Ziel in die arbeitstherapeutische Richtung zu gehen.

Später während des Studiums seien die Symptome zurückgekehrt, sie begann eine zweite Therapie. Hier habe sie einen Unterschied gespürt:

Es war schon ein anderes Arbeiten. Ich denke, dass es leichter war und bin schneller auf den richtigen Weg gekommen.

Und außerhalb der Therapie, hat sich ihre Selbstwahrnehmung und Interaktion mit anderen durch das Studium verändert? „Wenn sich bei mir so eine Phase wieder anbahnt, erkenne ich das früher und dann kann ich mit den gelernten Strategien sofort gegensteuern. Bei mir selbst also auf jeden Fall, bei anderen bin ich dafür noch zu unsicher. Und ich kann es erstaunlicherweise doch ganz gut trennen. Es ist schon manchmal so, dass ich auf bestimmte Dinge aufmerksam werde. Bei meinem Sohn frage ich mich dann, ob das jetzt normal ist oder ein Symptom. Dann versuche ich aber mich runterzubringen und es unter einem nicht-fachlichen Blick zu betrachten. Im Freundeskreis schaffe ich es auch gut, mich davon zu distanzieren und da nicht die Psychologenrolle einzunehmen.“ Wenn sie über sich nachdenke, Gelerntes auf sich anwende, dann geschehe das eher auf einer basalen Ebene, zugrundeliegende Prozesse seien ihr klarer, vermutlich sowohl aus der Therapie als auch aus dem Studium.

Clara

Clara* studiert ebenfalls seit 2012 Psychologie. Das erste Mal in Therapie war sie 2013 – Verhaltenstherapie. Die Symptome, die der Anlass dafür waren, hatte sie schon während der Abizeit: Niedergeschlagenheit und Schwindel – im Nachhinein reflektiert sie das als Paniksymptome. Als sie 2015 in eine depressive Episode kam, hat sie eine psychoanalytische Therapie begonnen.

Die Entscheidung, Psychologie zu studieren, habe damit allerdings nichts zu tun. Das Interesse käme daher, dass sie einige Psychologen in der Familie habe und daher schon früh mit dem Fachgebiet in Berührung kam.  Auch die Symptome seien ihr schon eher aufgefallen, schon während der Schulzeit. Nur habe sie damals noch nicht in Kategorien wie „Depression“ oder „Angststörung“ gedacht: „Da habe ich nur gemerkt: Irgendetwas ist komisch mit mir, irgendetwas stimmt nicht. Als wir im Studium dann das klinische Modul mit den einzelnen Störungen hatten, da hab ich mir schon ab und zu gedacht: Mh, hast du das nicht vielleicht. Das Studium hat also schon irgendwie dafür eine Rolle gespielt, dass ich den Schritt gewagt habe, die Therapie anzufangen. Aber das Problem war auf jeden Fall schon vorher da.“

Ob das Studium ihren Blick für das eigene Innere verändert habe, könne sie nicht so genau sagen. Für sie sei es schwer zu trennen, ob das nur durchs Studium oder auch generell durch die vergangene Zeit bedingt sei - das junge Erwachsenenalter mit all seinen Veränderungen: von zu Hause wegziehen, studieren, selbstständig werden.  „Ich glaube, auch wenn ich etwas Anderes studiert hätte, hätte ich jetzt  einen besseren Blick auf mein Inneres, würde mich besser verstehen und kennen. Ich denke, dass das in unserem Alter eh passiert, und dass das Psychologiestudium dann noch einen kleinen Teil dazu beiträgt.“

Die Therapie und ihr privates Empfinden, versuche sie von den Studieninhalten zu trennen. Nicht alles, was man lerne, solle man gleich auf sich beziehen. Die Bereiche „beruflicher Weg“ und „Privates“ hätten für sie nichts miteinander zu tun. Obwohl sie auch der Meinung sei, dass die Therapie ihr durchaus nützlich sein könne: „Ich denke schon, dass mir die Therapie vielleicht helfen könnte, später, wenn ich selber Therapeutin bin. Daran muss ich manchmal denken, dass es ganz schön ist, mal die andere Seite kennenzulernen. Nicht nur weil ich meine psychischen Probleme aufarbeiten kann, sondern auch, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, auf der Patientenseite zu sein.“

Ihr Fazit zum Thema:

Ich bin der Meinung, im Grunde kann jeder von einer Therapie profitieren. Und es heißt nicht, dass man nicht später eine gute Psychologin oder Therapeutin sein kann, eher im Gegenteil.

Melanie

Ein interessantes Gespräch hatte ich mit Melanie*, da sie nicht in psychotherapeutischer Behandlung ist, sondern Psychopharmaka einnimmt. Ihr Vater ist Psychiater, ihre Mutter Psychologin. Sie sei schon immer ein überängstliches Kind gewesen und habe mit 13 Jahren das erste Mal Tabletten genommen. Sie habe auch gute Phasen gehabt, in denen keine Medikation notwendig gewesen sei. Momentan nehme sie niedrigdosiert Venlafaxin, seit dem Amoklauf in München im vergangenen Jahr. Eine zu ihren Symptomen passende Diagnose wäre wohl, so Melanie, „Angststörung nicht näher bezeichnet“. In ängstlichen Phasen erlebe sie auch Hypnagogien, ab und zu habe sie depressive Symptome. Eine Psychotherapie wolle sie eigentlich auch machen, aus Zeitgründen sei sie dazu bisher aber nicht gekommen.
Sie wollte schon immer mit Kindern arbeiten und da ihre Eltern beide im psychologischen Bereich tätig sind, hat sie sich für das Psychologiestudium entschieden. Inzwischen ist sie in ihrem vierten Mastersemester. Zwischendurch habe sie immer mal Zweifel gehabt, ob die Entscheidung die richtige gewesen sei. Doch dadurch, dass sie vieles selbst kenne und erfahren habe, gelinge ihr ein ganz anderer Zugang zu den Studieninhalten, was sie selbst als positiv einschätzt. Durch das Studium habe sie außerdem gelernt, die Angst als eben solche zu erkennen. Sie könne einige der Methoden und Techniken wie beispielsweise kognitive Umstrukturierung auf sich selbst anwenden. Generell habe sie durch das Studium ein Konzept dafür bekommen, gut zu sich selbst zu sein. Das Studium sei für sie durchaus recht therapeutisch. „Es war früh klar, dass ich diese Angstzustände habe, es gehört eben dazu und ich kann es mir gar nicht anders vorstellen. Ich identifiziere mich stark als Betroffene, das ist ein Teil von mir. Wenn im Studium von irgendwelchen abstrakten Patienten gesprochen wird, dann fühle ich mich dieser Gruppe zugehörig, andererseits auch der Gruppe der Psychologen.“

Momentan arbeitet sie als Integrationshilfe im Kindergarten und mit geistig behinderten Menschen. Außerdem ist sie als Psychologin im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit tätig. Im Kontakt mit den Klienten erkenne sie sich oft selbst wieder. Diese Arbeit sei sehr stressig, abgrenzen könnte sie sich schon. Sorgen und Vorwürfe würde sie sich trotzdem machen, es würde sie viel mehr Energie kosten, wäre sie nicht in Behandlung.

Wenn ich nicht in Behandlung wäre, sähe das vielleicht anders aus. Dann wäre ich zu sehr durch mich selbst und meine Probleme belastet.

Generell findet sie, solle man die Problematik der Psychologen, die selbst auch von einer psychischen Erkrankung betroffen sein, sehr viel differenzierter betrachten: „Ich glaube, es hat Vor- und Nachteile. Es macht mich empathisch und sensibel. Ich habe auch nicht diese Hierarchiegrenze ‚Ich bin Ärztin und du der Patient‘. Ich habe das Verständnis, dass die meisten Menschen irgendwie krank sind.“

Sabrina

Sabrina*hat sich tatsächlich erst zu einem recht späten Zeitpunkt ihres Studiums, nämlich im 2. Mastersemester, zu einer Therapie entschlossen. Sie ist seit drei Monaten in tiefenpsychologischer Behandlung. Anlass war eine depressive Symptomatik einhergehend mit starken Selbstzweifeln.

Das Studium habe sie, so sagt sie, im Umgang mit sich selbst durchaus geprägt. Sie ist der Meinung, man würde letztlich doch durch jedes Studium in eine bestimmte Richtung getrieben. Man setze sich schwerpunktmäßig mit Theorien auseinander, Herangehensweisen und diese seien dann omnipräsent und man könne sich nur schwer davon lösen. „Ich glaube, man bekommt durch das Studium als Psychologe schon einen Blick auf gewisse Dinge, und ich denke schon, dass es hinderlich für das eigene Wohlbefinden sein kann, wenn man sich Tag ein Tag aus nur mit Störungen auseinandersetzt und mit Störungskonzepten. Dass sich der Blick aufs eigene Innere dahingehend verändert, kann sowohl positiv als auch negativ sein. Man ist schneller in Selbstdiagnosen und einem bestimmten Stempel, den man sich aufdrückt, was sich negativ auswirken kann. Andererseits lernt man total viel, was einem im Alltag hilft. Man unterteilt sein Leben in Ressourcen und Stressoren und weiß, was einem gut tut. Das kann auch positive Auswirkungen haben.“

Durch die Konfrontation mit bestimmten Theorien habe sie bestimmte Aspekte bei sich erkannt und Dinge, die sie selber so schon erlebt hatte. Sie konnte sich damit identifizieren und das habe ihr geholfen, sich selbst ernster zu nehmen. Durch das Studium habe sie bestimmte Stigmatisierungen gegenüber einer Therapie nicht empfunden und das habe ihr die Entscheidung erleichtert.

Selbsthilfe könne man sich, so Sabrina, nicht selber leisten. Sie habe aus Theorien durchaus Antworten auf Fragen gefunden, die sie hatte. Retrospektiv denkt sie sogar, unterbewusst hätten früher Mechanismen gewirkt, die sie zum Studium gebracht hätten. Sie wollte Psychologie explizit nicht studieren, um sich selber zu „therapieren“. Das würde gar nicht gehen, schon allein aus dem Grund, dass man sich selbst ja nur bis zu einem gewissen Punkt reflektieren könne. Allerdings hatte sie eben viele Fragen, und keine Antworten darauf.
Und sie konnte theoretische Inhalte in ihren Alltag implementieren. Das alles sei aber eher oberflächlich gewesen. „Denn es kann auch eine Gefahr sein, mit Theorien herumzuhantieren, ohne die praktischen Mittel zu haben und explizite Techniken gelernt zu haben, die man erst in der Ausbildung kennenlernt. Lerntheoretische Inhalte wälzt man auf sich um, kann sich aber damit auch überfordern, weil man keine Möglichkeit hat, das einzugrenzen. Da muss man ein bisschen aufpassen.“

Negative Gefühle habe sie bezüglich ihrer Entscheidung, eine Therapie zu beginnen, nicht empfunden.

Ich sehe das als Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln. Ich habe dank des Studiums den Zugang und konnte gewisse Erfahrungen sammeln. Viele Andere haben da eine größere Hemmschwelle.

Zum anderen findet sie allerdings, schwingt unter Psychologiestudenten ein gewisser Konsens von „Wir sind alle Normal“ mit: „In einem Modul, bei dem wir schon sehr nah am Therapeutenalltag dran sind und Techniken üben meinte ein Kommilitone: 'Jetzt können wir mal sehen, wie das ist. Wir selber sind ja alle eigentlich psychisch gesund.' Diese Verallgemeinerung hat mir dann schon erst mal zugesetzt, weil ich dachte: 'Ok, das ist jetzt das allgemeine Kredo, dass es allen hier gut geht. Aber das weiß man ja eigentlich nicht.' "

Sie sieht allerdings kein Problem, als Therapeutin zu arbeiten, obwohl man selber in Behandlung war oder gegebenenfalls ist. „Ich denke, jeder hat irgendwie ein Problem, was man therapiewürdig angehen könnte. Wenn die Menschen sich etwas ernster nehmen würden, denke ich, könnten viele erkennen, dass es oft um banale Probleme und Ängste geht, die jeder hat. Klar, wenn man zu viel in der eigenen Psyche herumwühlt, kann es einen destabilisieren. Eine verallgemeinernde Aussage finde ich da schwierig. Wie alles hat das Vor- und Nachteile. Ich glaube, was Therapien häufig herbeiführen, sind Einsichten: Introspektion und Reflektion. Eine Sensibilität für das eigene Innere und soziale Situationen herzustellen. Und gerade in sozialen Berufen ist das doch das A und O. Es ist eine Kompetenz, es kann nie schaden, die zu erlangen. Außerdem denke ich, tut es mir persönlich gut, weil man mal eine Außeninstanz hat, die einen korrigiert und gewisse Ängste aufheben kann. Ich denke, man hat gewisse Erwartungen daran, wie man wird, was man dafür mitbringen soll, aber man weiß es gar nicht, weil einem einfach die Erfahrung fehlt. Wir lernen super viel Theorie. Man trifft total viele theoretische Annahmen darüber, wie es praktisch sein könnte, die Praxis sieht dann aber vermutlich  ganz anders aus. Da kann eine Rückversicherung durch den Therapeuten auch sehr heilsam sein. Die eigenen Unzulänglichkeiten annehmen und darauf vertrauen, dass man damit umgehen lernt. Das hat dazu geführt, dass ich dem Therapeutenberuf schon entspannter entgegenblicke.“

Jasmin

Das Gespräch mit Jasmin* beleuchtete die Problematik nochmal von einer ganz anderen Seite. Sie war noch vor Studienbeginn, in der zehnten/elften Klasse, aufgrund einer Essstörung in Behandlung, zuerst stationär, später ambulant. 
Die Therapie hat ihr Interesse für Psychologie geweckt. In strukturierter Art und Weise etwas über sich selbst zu erfahren und ganz anders über sich selbst nachzudenken und über sich zu reflektieren, das habe sie gereizt.

Manchmal spüre sie die Auswirkungen der Patientenperspektive im Studium schon, nämlich dann, wenn es um Themen geht, die sie selbst im Privaten betreffen. „Tatsächlich habe ich mich in manchen Seminaren auch wie erwischt gefühlt. Und dachte dann: ‘Man geht das jetzt nur mir so?‘ Manchmal sitze ich dann da und könnte eigentlich etwas zu dem sagen, was gerade theoretisch abgehandelt wird. Aber ich frage mich dann immer: Passt das? In der Klinik habe ich so viele Mitpatienten kennengelernt, auf die die üblichen Kriterien nicht anwendbar waren. Gerade was Essstörungen angeht, bin ich überhaupt nicht d’accord mit Kategorien. Manchmal würde ich mir wünschen, dass ich dann den Mut habe, etwas zu sagen.“

Allerdings denkt Jasmin, dass es schon ein recht großes Tabuthema sei. Sie sagt, sie habe das Gefühl, dass es eine Art geteilte unausgesprochene Annahme oder Voraussetzung unter Psychologiestudenten ist, dass alle psychisch gesund sind.

Der Konsens in den Modulen der klinischen Psychologie, dass die Psychologiestudenten das Fachpersonal seien, mache es manchmal schwer, wenn man sich eben beiden Seiten zugehörig fühle, der der Psychologen und auch der der Patienten. Besonders, wenn man darüber so theoretisch spreche, "wir Gesunden, und die, die wir behandeln, die armen Patienten."

Sie ist allerdings der Meinung, die Ansicht man solle, wenn man selber einmal in Behandlung war, nicht therapieren, sei nicht unbedingt sinnvoll. Wichtig wäre, unabhängig davon, ob man selber nun psychische Probleme habe oder nicht, immer die Psychohygiene des Therapeuten.  „Man hofft vielleicht, dass die gesunden Therapeuten einem besser helfen können. Wobei, ich persönlich zum Beispiel habe aus dem Therapieprozess unheimlich viel gelernt. Die Perspektivübernahme dem Patienten gegenüber ist, denke ich, wesentlich leichter, wenn man selber mal Patient war. Dann ist natürlich die Frage, ob man vielleicht zu empathisch ist. Man bringt sich vielleicht selbst in Gefahr. Meine Therapeutin hatte das mir gegenüber thematisiert, als ich ihr erzählt habe, dass ich Psychologie studieren will. Denn gerade damals fand ich es sehr schwer, mich davon zu distanzieren. Aber sie sagte zu mir, man kann ja auch entscheiden, mit welchen Krankheitsbildern man arbeiten will. Da muss man eben einfach auf sich Acht geben. In der Psychologie muss ohnehin mehr geschaut werden, dass es den Therapeuten gut geht. Wie kann man dafür sorgen, dass es einen weniger belastet. Das betrifft eben jeden Therapeuten. Nur weil man eine psychische Erkrankung hat und emotional instabil sein könnte, ist es ja genauso wichtig, auf sich zu achten. Vielleicht geht jemand, der sich schon mal Hilfe geholt hat, sogar sensibler mit sich selbst um, weil man die Erfahrung schon gemacht hat."

 

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Neben den Gesprächen mit Betroffenen haben wir mit Prof. Dr. Cornelia Exner über das Thema gesprochen. Sie ist Professorin für Klinische Psychologie an der Universität Leipzig sowie Studiendekanin.