Musikalische Komödie

Piraten, Pflichtgefühl und Polizisten

Am Samstagabend startete die Musikalische Komödie Lindenau ihre Spielzeit mit Arthur Sullivans und William Schwenck Gilberts komischer Oper "Die Piraten von Penzance oder Der Sklave der Pflicht" unter der musikalischen Leitung von Tobias Engeli.
Der Generalmajor und die Piraten
Die Piraten machen Jagd auf die Töchter des Generalmajors (Patrick Rohbeck)

Die Musikalischen Komödie wartet in der Spielzeit 2016/ 2017 mit allerhand Entdeckungen und Erstaufführungen auf, so zählen auch "Die Piraten" des britischen Erfolgsduos Gilbert und Sullivan zu einem Geheimtipp des Genres. Denn obwohl die zahlreichen gemeinsamen Bühnenwerke des Duos im englischsprachigen Raum für volle Häuser sorgen, sind sie hierzulande alles andere als populär. Das liegt zum einen sicher an der Schwierigkeit, eine adäquate Librettoübersetzung zu erstellen, die auch den bissigen britischen Humor zu transportieren weiß, als auch an der Tatsache, dass man hier vor allem auf Strauß´ sche Walzerseligkeit oder Offenbach´sche Spritzigkeit setzt. Gilbert und Sullivans "Die Piraten" zeigen aber, dass eine very British wirkende Komödie auch hier gut ankommen kann.

Parodie von Stereotypen

Die Zutaten dieser komischen Oper, welche die viktorianische Zeit und ihre Erscheinungsformen parodiert, sind ein überaus pflichtbewusster junger Mann, ein etwas abgedrehter Piratenkönig samt Entourage, feige Polizisten und ein rauschebärtiger Generalmajor, der eigentlich Pazifist ist. Im Mittelpunkt der Handlung steht Frederic, der soeben seine Ausbildung bei den Piraten beendet hat und nun zum Pfad der Tugend zurückkehren will und seinerseits den Piraten das Handwerk legen möchte. Doch seine Lehrmeister sind alles andere als blutrünstige Gesellen: Schwächere greifen sie nicht an und Waisen sind für sie sowieso tabu. Aus Rührung und Mitgefühl fließen schon mal Tränen. Als der frischgebackene Pirat wider Willen und trotz heftigen Protests seines Chefs von Bord geht, trifft er auf Mabel und ihre Schwestern. Der unbedarfte Frederic, der außer seiner Amme Ruth noch nie ein weibliches Wesen zu Gesicht bekommen hat, verliebt sich sofort in Mabel, die ebenfalls von ihm angetan ist. Auch die Piraten finden Gefallen an den hübschen Mädchen. Sogleich schicken sie sich an, in näheren Kontakt mit ihnen zu treten, als der Vater der Töchter, Generalmajor Stanley, erscheint und Weiteres verhindert.

Die Piraten- Musikalische Komödie

Mit einem Trick gelingt es dem Piratenkönig, an Frederics Pflichtgefühl zu appellieren, und ihn so zur Rückkehr zur Piraterie zu bewegen. Die Polizei wird gerufen, um gegen die wilden Freibeuter vorzugehen, doch die Hüter des Gesetzes stellen sich als tollpatschig- ängstliche "bobbies" heraus, die nach vollendeter Tanzeinlage angesichts der Piraten schnell das Weite suchen. Es kommt zu einem wilden Handgemenge als plötzlich die Queen höchstpersönlich erscheint und mit der Erklärung, die Piraten seien eigentlich Lords, für ein Happy End sorgt.

Der Sergeant und seine motivierte Truppe
Hard at work: Der Sergeant (Milko Milev) und seine motivierte Truppe

Aberwitzig und überdreht

Chefregisseur Cusch Jung, der in dieser Produktion auch für die Choreografie zuständig ist und die Rolle des vergesslichen Piratenkönigs übernimmt, inszeniert diese absurd- abgedrehte Piratenkomödie erfreulicherweise ohne aufgesetzte Tiefsinnigkeit oder Pseudo- Ernsthaftigkeit– sondern mit viel Spaß an der Übertreibung und am Ironischen. Schließlich geht es hier darum, gute Unterhaltung zu bieten und nicht tiefschürfende Fragen zu klären. Dank der großen Spielfreude des Ensembles gelingt dieser Ansatz bestens, sodass man gar nicht nach der tieferen Logik dieses unterhaltsamen Stücks fragt. Beate Zoffs Bühnenbild ist dezent, aber dennoch klar. Es zeigt andeutungsweise die Steilküste Cornwalls mit schräger Sonnenuhr- Drehbühne als Piratenschiff, sowie den unheimlichen Friedhof samt Ahnengräbern. Die Kostüme (ebenfalls von Beate Zoff) sind schön pittoresk und sehen "echt viktorianisch" aus. Die Töchterschar trägt mit Schleifen besetzte Reifröcke, die Herren Piraten Dreispitze und ausgefranste Hemden.

 

Weitere Informationen zur Premiere von "Die Piraten können Sie heir nachhören:

Theaterredakteurin Eva Hauk im Gespräch mit Moderator Nico von Capelle über die Premiere von "Die Piraten von Penzance"
Studiogespräch zur Premiere von "Die Piraten"

"Ich bin der typisch englische moderne Generalmajor"

Arthur Sullivans Musik ist ebenso bunt und witzig wie das Libretto und bietet stilistisch so einiges, ist aber weit entfernt vom Csárdás und Walzer der Goldenen und Silbernen Operettenära. Angefangen bei heroischen Seemannschören, über wilde Koloraturen à la Donizetti und flotte Couplets, bis hin zur Parodie des Oratoriums ist alles vertreten. Doch es gibt auch Augenblicke der melodischen Innigkeit– etwa beim Liebesduett zwischen Mabel und Frederic. Unter der Leitung von Tobias Engeli bringt das Orchester die musikalische Leichtigkeit und Vielfalt der Partitur temporeich zum Klingen, ohne dass dabei die Textverständlichkeit in Gefahr wäre. Die Hauptfigur des Frederic gibt Jeffery Krueger stimmlich und optisch als Traum aller Töchter und Schwiegermütter mit schön geführtem Tenor und sympathischer Ausstrahlung. Anne- Kathrin Fischer ist in einer Doppelrolle als liebenswerte Amme Ruth, die sie mit viel komischem Potenzial spielt, ohne dabei in das Klischee der "komischen Alten" abzurutschen zu sehen. Außerdem spielt sie die echt distinguierte Queen mitsamt stilechtem rosa Kostüm. Cusch Jung verfügt zwar nicht über den in der Partitur geforderten Bassbariton, doch sein Piratenkönig punktet mit schön übertriebenem Säbelgefuchtel und komisch- herrischem Gebaren. Ihm zur Seite steht der vielversprechende Neuzugang Hinrich Horn, welcher der Nebenrolle des Samuel mit präsentem Bariton entsprechend Geltung als echte Type verschafft. Einen herrlich karikierten, bei jeder Gelegenheit die Hacken zusammenschlagenden Generalmajor bietet Patrick Rohbeck, der mit Tropenhelm und Sonnenschirmchen in der Hand schon mal den Dirigenten mit einem "Mach doch mal mit!" auffordert und in aberwitziger Geschwindigkeit seine sämtlichen Kenntnisse herunterbetet. Mirjam Neururer ist eine recht forsche Mabel, deren Belcanto- artige Koloraturen auch dem Solo- Wettstreit mit der Querflöte standhalten. Obwohl ihre Schwestern Edith und Kate nur kleine Rollen darstellen, schaffen es Nora Lentner, als temperamentvolle Wortführerin der Töchter, und Manon Blanc- Delsalle, die nötigen Akzente zu setzten. Die größten Lacher des Abends ernten die Hüter des Gesetzes, die mit übertrieben graziösen Tanz- und allerhand Slapstickeinlagen alles andere als ehrfurchtsgebietend wirken. Insbesondere Milko Milev als Sergeant, der mit ausgestopftem Bauch und schwarzem Bärtchen aussieht wie ein Double von Oliver Hardy, schießt hier in puncto Komik nochmal den Vogel ab. Besonders gefordert ist diesmal auch das Ballett, das zusätzlich noch singen muss und diese Aufgabe bestens meistert. Das Publikum ließ sich alsbald von dem ausgelassenen Geschehen auf der Bühne anstecken und quittierte es mit Szenenapplaus und viel Gelächter.

Fazit

Die Spielzeit nimmt mit dieser skurrilen Piratenkomödie volle Fahrt auf und man darf auf weitere Neuheiten gespannt sein.

Dreamteam Mabel und Frederic
Dreamteam: Frederic (Jeffery Krueger) und Mabel (Mirjam Neururer)

 

 

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Weitere Aufführungen:

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