Selbstverpflichtung des Handelsverbandes

Penunze für Plastiktüten

Meist schenkt man ihnen kaum Beachtung: Über 1 Billion Plastiktüten verbraucht jede Europäer pro Jahr. Eine EU-Richtlinie erfüllend will sich nun der deutsche Handelsverband eine Selbstverpflichtung auferlegen. Und verpasst prompt die eigene Frist.
Ab dem 1. April sollte es ein Plastiktütenembargo geben - kein Aprilscherz!

Im Supermarkt, beim Klamottenkauf oder in der Unibibliothek – ständig hat man sie in der Hand. Plastiktüten sind in unserem Alltag sehr präsent, selten nehmen wir sie jedoch wahr. Denn es gibt sie im Überfluss und fast überall kostenlos.

Ein Beitrag von Tim Vogel über die Selbstverpflichtung des Handelverbandes für Abgabe von Plastiktüten

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Selbstverpflichtung des Handelverbandes für Abgabe von Plastiktüten

Da so riesige Berge an Plastikmüll entstehen schritt die EU ein: Im April vergangenen Jahres beschloss das europäische Parlament eine Richtlinie um den jährlichen Pro-Kopf-Vebrauch von derzeit 200 schrittweise auf 90 Tüten 2020 bis auf 40 Tüten im Jahr 2026 zu senken. Normalerweise müssen EU-Richtlinien von den Mitgliedsstaaten nach einer gewissen Frist in nationale Gesetze überführt werden. Bei der Plastiktütenrichtlinie bleibt es den 28 Mitgliedsstaaten hingegen selbst überlassen, wie sie die Reduktion umsetzen.

In Deutschland hat sich der Handelsverband HDE für eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie, die Tüten kostenpflichtig auszugeben, stark gemacht. Diese Verpflichtung sollte eigentlich ab dem 1. April 2016 gelten. Doch die Verhandlungen mit dem Bundesumweltministerium haben zu einem Verstreichen der Frist geführt. Dr. Sabine Hübert, Sprecherin der AG Abfall und Recycling von den Ökolöwen Leipzig, ist enttäuscht, dass der Handelsverband seine eigenen Fristen nicht eingehalten habe.

Der Handel versucht auf diese Weise einer gesetzlichen Regelung zu entkommen. Nun denke ich ist es Zeit, dass er endlich seine Hausaufgaben macht.

Dr. Sabine Hübert, AG Abfall und Recycling, Ökolöwen Leipzig

In einer gestern veröffentlichten Stellungnahme räumt der Handelsverband die Verzögerung ein und entschuldigt dies mit den langwierigen Verhandlungen des Umweltministeriums mit anderen Branchenverbänden. Das Bundesumweltministerium hingegen erklärte auf Anfrage den heutigen Starttermin nie geplant zu haben. Das Verstreichen der Frist gehe vor allem auf die späte Reaktion des Handelsverbandes zurück.

Bereits im Januar hatte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) eine „Regelung per Ordnungsrecht“ angedroht, sollte die Selbstverpflichtung verschleppt werden. Das Umweltministerium rechnet nun mit einer Präsentation der Verhandlungsergebnisse Ende April. Da Plastiktüten häufig nur einmal benutzt werden, hofft Dr. Hübert von den Ökolöwen Leipzig auf eine schnelle Lösung.

Es werden Unmengen Ressourcen für Plastiktüten vergeudet, die 100 und mehr Jahre in der Landschaft rumliegen, ohne dass sie abgebaut werden. Diese Verschwendung und Verschmutzung gilt es in Zukunft stark einzuschränken.

Im EU-Vergleich steht Deutschland auf den ersten Blick nicht schlecht da: Jede_r von uns verbraucht 71 Tüten im Jahr. Spitzenreiter Irland kam vor einer Kostenpflicht für Plastiktüten auf über 300. Seitdem in Irland jede Plastiktüte 22 Cent kosten, sank dieser Wert rapide auf 16 Tüten für jeden Iren im Jahr. Trotz der im Vergleich zu anderen Mitgliedsstaaten geringen Pro-Kopf-Quote müsse auch in Deutschland deutlich reduziert werden, meint Dr. Hübert:

Selbst diese 71 Tüten ergeben für eine Stadt wie Leipzig mit 530.000 Einwohner 37 Millionen Tüten, die pro Jahr hier ausgegeben werden. Wo sollen die hin?

Lösungsvorschläge für das Tütenproblem gibt es viele: Der Naturschutzbund fordert beispielsweise eine Abgabe von 50 Cent pro Tüte, die dann dem Naturschutz zu Gute kommt. Andere Umweltverbände sprechen sich für Mehrwegtüten aus. Auch ein vollständiges Verbot von kostenfreien Plastiktüten können die EU-Staaten zur Erfüllung der Richtlinie in Betracht ziehen. Mit der aktuellen Lösung einer 20 Cent Abgabe, die aber beim Händler verbleibt, zeigt sich Dr. Hübert einverstanden:

Die Selbstverpflichtung des Handels ist eine gute Variante, die mit Blick auf Irland Erfolg verspricht - wenn sie denn konseqent umgesetzt wird. Einer gesetzliche Regelung stehe ich aufgrund der mangelnden Verbraucherfreundlichkeit skeptisch gegenüber.

Dennoch: Nicht nur Gesetze, Ordnungen oder das Verhalten der Industrie müssen sich ändern um weniger Plastikmüll zu produzieren. Auch das Bewusstsein der Bevölkerung müsse sich wandeln erklärt die promovierte Chemikerin. So starteten die Ökolöwen eine ganz besondere Tauschaktion: In der Petersstraße in der Leipziger Innenstadt boten sie den Passanten Stoffbeutel im Tausch gegen eine Plastiktüte an.

Die Resonanz der Bevölkerung war hierbei groß: In weniger als 4 Stunden konnte der Umweltverband über 1000 Beutel tauschen und dafür die Plastiktüten einsammeln. Dr. Hübert ist überzeugt: Solche Aktionen würden langfristig ebenso zu einer erfolgreichen Lösung des Müllproblems sorgen, wie die nun hoffentlich bald beginnende Selbstverpflichtung des deutschen Handelsverbandes. Die ertauschten Plastiktüten wurden übrigens dann einer geordneten Entsorgung zugeführt – der gelbe Tonne.

 

 

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