Konzertbericht

Ohne Worte

Alle Songs der Grandbrothers sind Instrumentalstücke. Trotzdem erzeugen Erol Sari und Lukas Vogel mit ihrer Musik eine enorme emotionale Kraft. Das haben sie am vergangenen Mittwoch im Horns Erben mehr als nur unter Beweis gestellt.
Der Flügel
Grandbrothers - zwei Männer und ihr Flügel.

Erwartungen

Die Musik der Grandbrothers wird als "kontemporäre Klaviermusik" beschrieben. Übersetzt bedeutet das wohl klassisches Piano, kombiniert mit elektronischen Sounds. Ganz so einfach ist das allerdings nicht. Erol Sarp und Lukas Vogel haben sich ihr eigenes Instrument erschaffen: einen Flügel mit einer riesigen Apparatur elektronisch gesteuerter Hämmerchen, die durch kleine Schläge auf die Saiten des Flügels zusätzliche Töne erzeugen. Dass die beiden ihren Flügel nicht mit auf Europatour nehmen können erscheint fast logisch, aber es bedeutet auch, dass jeder geliehene Flügel neu vorbereitet und gestimmt werden muss. Wie das funktioniert und wie das ganze Konzept letzendlich live umgesetzt wird, ist unglaublich spannend.

Erster Eindruck

Das Horns Erben erinnert an einen kuscheligen Jazz Club. Stilvoll eingerichtet, eine Mischung aus Geheimnis und Gemütlichkeit. Das Konzert findet in einem separaten Raum im zweiten Stock statt. Der Raum ist sehr gut gefüllt, eigentlich eher unüblich fürs Horns Erben. Trotzdem hat jeder noch genug Platz um sich halbwegs unverkrampft bewegen zu können und niemandem auf die Füße zu treten. Es ist fast dunkel, die einzige Lichtquelle bilden ca. ein Dutzend Glühbirnen, die um den Flügel herum auf der Bühne verteilt sind. Viel sehen kann man aus den hinteren Reihen nicht - das ist aber unwichtig, denn sobald Erol und Lukas loslegen schließt man ohnehin die Augen.

Show

Die Grandbrothers begrüßen in ihrer zurückhaltend sympathischen Art ihre Zuhörer und dann geht es auch schon los. Gespielt wird eine Mischung aus Stücken vom Album "Dilation" und neueren, unveröffentlichten Songs. An ein oder zwei Stellen improvisieren Erol und Lukas auch. Davor wird das Publikum aber gleich vorgewarnt, es wird etwas experimenteller. Das stimmt, fügt sich aber hervorragend in das Programm ein. Zwischendurch erklärt Lukas, zumindest im Ansatz, die Technik, die er verwendet. Er sagt, er will niemanden langweilen. Einige Menschen im Publikum lachen kurz, doch dann hören die meisten gespannt zu. Die Installation und der Klang, den die beiden damit erzeugen ist beeindruckend. Ab und zu schwingen de Töne durch den nächsten Hammerschlag nicht ganz aus und durch ein verlegenes Lachen in Lukas Gesicht erkennt man sofort, dass irgendetwas nicht so klang wie gewollt. Das wertet die Show aber keinesfalls ab - es macht sie noch authentischer.

Publikum

Das Publikum an diesem Abend ist ziemlich gemischt. Man trifft viele Studenten aber auch einige Bekanntheiten der Leipziger Musikszene, wie zum Beispiel Elektromusiker "The Micronaut". Auffällig ist, dass das Publikum fast das ganze Konzert lang sehr unruhig ist. Viele Menschen unterhalten sich, klirren mit ihren Gläsern oder verlassen den Raum, um sich neue Getränke zu holen. Die knarrenden Holzdielen auf dem Boden tragen ihr übriges zur Geräuschkulisse bei. Das trügt die Atmosphäre ein wenig. Erol und Lukas scheinen von der Unruhe aber wenig mitzubekommen. Sie scheinen völlig versunken in ihrer Musik.

Was in Erinnerung bleibt

Die Mischung aus dem Klang des Flügels und dem Schlagen der elektronisch gesteuerten Hämmerchen ist einzigartig und erzeugt sehr volle Melodien, die gerade in einem so kleinen Raum sehr gut zur Geltung kommen. In Erinnerung bleibt vor allem die spürbare Emotionalität der Stücke. Die Grandbrothers machen zwar ausschließlich Instrumental Musik, trotzdem trägt jedes der Stücke eine unglaubliche Fülle an Emotionen in sich. Schließt man an diesem Abend die Augen, fühlt man sich, trotz der Unruhe im Raum, als stünde man alleine vor der Bühne.

 

 

 

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