Konzertbericht

Oh my God

Münster – Halboffenes Hemd, erotisch schwingende Hüften, der Zeigefinger gleitet langsam über die Zunge. Wir haben keinen Ausflug in einen westfälischen Swinger-Club gemacht, sondern waren am 12. Juli beim Charles Bradley-Konzert im Skaters Palace.
Charles Bradley
The Screaming Eagle of Soul - Charles Bradley

Erwartungen

1962 war der 14-jährige Charles Bradley mit seiner Schwester auf einem James Brown Konzert. Danach wusste er eines ganz sicher: Soul-Musik ist sein Leben. Er begann zu singen und imitierte James Brown mit seinem Kamm im Badezimmer. Doch bis zu seiner ersten professionellen Studioaufnahme hat es lange gedauert. Zunächst macht Bradley eine Ausbildung zum Koch und wird Küchenchef in einem Krankenhaus. Nebenbei singt er und beschäftigt sich mit Soul-Musik. Irgendwann ist es soweit: Er beschließt, durch die USA zu trampen und sein Geld mit seinen Gesangs- und Kochkünsten zu verdienen. Diese Reise dauert 20 Jahre. 2001 wird er zufällig von den Dunham-Records entdeckt. Nach seinem Auftritt im Rahmen einer James-Brown-Tribute-Show in Brooklyn bekommt Charles Bradley sofort einen Vertrag. Sein Debüt-Album „No Time For Dreaming“ kommt 2011 auf den Markt. Mittlerweile ist Charles Bradley 67 Jahre alt. In diesem Frühling veröffentlichte er sein neues Album „Changes“. In seiner gesamten Laufbahn ist Charles Bradley seiner Linie treu geblieben – er macht Soul wie James Brown und Otis Redding. Inzwischen wird er sogar „Screaming Eagle of Soul“ genannt. Dementsprechend habe ich mich auf das volle Soul-Programm eingestellt: sanfte Bläser, Gitarren mit Wow-Effekten, Hammond-Orgel-Sound und kreischenden Gesang.

 

Erster Eindruck

Das Publikum im Skaters Palace ist bunt gemischt – junge Studenten stehen neben grauhaarigen Mittfünfzigern. Dass sich die Industriehalle, in der normalerweise junge Skater rumfahren, in einen Soul-Tempel verwandeln wird, scheint vor dem Konzert noch nicht ganz glaubwürdig. Doch als die Band die Bühne betritt und die Orgel den Saal mit ihrem vollen Sound erfüllt, hat man den Eindruck, dass sich ein musikalischer Gottesdienst anbahnt. Der Prediger – Charles Bradley – erscheint mit einem mit Glitzersteinen verzierten, violetten Overall. Die Messe zu Ehren des Souls kann beginnen.

 

Musik

Die Erwartungen an die Musik wurden voll und ganz erfüllt. Charles Bradley bringt Soul, der aus den 60ern stammen könnte. Sein Gesang geht oft ins Kreischen über, wie man es von Soulgrößen wie James Brown kennt. Dabei bleibt seine Stimme allerdings melodisch. Trompete und Saxophon begleiten ihn meist dezent im Hintergrund. Die Gitarren werden fast ausschließlich mit Wow-Effekten gespielt. Begleitgesang bekommt Bradley von allen Musikern der Band. Er untermalt seine eindrückliche Stimme mit anrüchigen Bewegungen. Langsam kreist er seine Hüften und reibt diese an den Mikrophonständer. Und das bei jedem seiner Songs. Das Rausstrecken seiner Zunge und Ablecken des Zeigefingers wird schnell als Signature-Move von Bradley deutlich. Der Prediger zieht seine Gemeinde in den Bann des Souls. Für große Unterhaltung sorgen auch die Umzugspausen. In diesen spielt die Band absolut tanzbaren Funk. Jedes Mal, bevor der „Screaming Eagle of Soul“ auf die Bühne kommt, bringt der Organist eine stürmische Call-and-Response-Ankündigung. „Do you want to hear one more song of Charles Bradley?“, fragt er das Publikum. Mit großem Applaus wird der neue Dress von Bradley begrüßt. Die höchst diverse Kleiderauswahl von Bradley hat ein Gemeinsamkeit: Glitzer. Egal ob Overall oder Anzug, alles glitzert. Hauptattraktion der Garderobe ist allerdings ein liturgisches Gewand. Spätestens hier wird deutlich, dass dies kein Konzert mehr ist, sondern eine Messe. Das Skaters Palace ist kein Konzertsaal, sondern der Tempel von Charles Bradley.

 

Charles Bradley - Why Is It So Hard

 

Fazit

Zwischen den Songs wird Bradley zum Prediger. „We are all one under the sun and our blood has the same colour“ – diese und ähnliche Worte richtet er an die Gemeinde auf seiner religiös-musikalischen Feier. Jeder seiner Songs hat für Bradley eine emotionale Bedeutung. Während er singt, hat man oft das Gefühl, dass er kurz davor ist, Tränen zu zeigen. Er ist ein leidenschaftlicher Man of Soul. Beim Höhepunkt und Abschluss des Abends steht Bradley im Publikum und wirft Rosen zu seinem Gefolge. Dies erinnert stark an das Besprengen mit Weihwasser mit einem Aspergill. Die Gemeinde streckt die Arme zum Prediger aus und versucht, eine Rose zu ergattern. Nach dem Konzert umarmen sich die Zuschauer. Alle sind befreit vom Kummer des Alltags. Jeder ist erfüllt vom Soul des Charles Bradley. Der Prediger hat seine Mission voll und ganz erfüllt.

 

 

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Charles Bradley: Changes

Tracklist:

1. God Bless America

2. Good to Be Back Home

3. Nobody But You

4. Ain't Gonna Give It Up

5. Changes 

6. Ain't It a Sin

7. Things We Do for Love

8. Crazy for Your Love

9. You Think I Don't Know (But I Know)

10. Change for the World

11. Slow Love