Die Kolumne

Nur halb so viel

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Lars-Hendrik Setz über die Neuerfindung der Zeit, das alte neue Berlin und Lärmbelästigung in der Innenstadt.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Skandal! In der Probsteikirche ist die Glocke geklaut worden. Zumindest ein Teil davon. Die mutmaßlichen Täter hatten sie scheinbar in zwei Teile gesägt und einen mitgenommen. Was würdest du mit einer halben Glocke machen?

Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich romantisch. Wenn die Glocke nur noch einmal schlägt, statt wie gewohnt zwei Mal, fühlt es sich an, als würde die Zeit ein bisschen langsamer verstreichen. Einer Stadt wie Leipzig könnte das ganz gut tun. Sich einfach mal locker machen, einfach mal fünfe gerade sein lassen. Am Ende meinen die Diebe es einfach nur gut mit uns. Ich bin dafür, dass wir alle Glocken in Leipzig halbieren. Außerdem alle Uhren, Arbeitszeiten, Mietkosten, GEZ-Gebühren und Wartezeiten. Das käme ja fast einer Neuerfindung der Zeit gleich! Am Ende haben uns die Glockendiebe etwas ganz wichtiges gezeigt. Nämlich dass wir uns nicht länger vom Schlag der Glocke oder dem Ticken der Uhr unser leben diktieren lassen sollten. Oder die Jungs waren heiß auf die schnelle Kohle beim Schrotthändler. Das dürfen Sie jetzt entscheiden.

Leipzig wird sich nicht zur europäischen Kulturhauptstadt 2025 bewerben. Das hat uns die Kulturbürgermeisterin Skadi Jaennicke in einem Interview erzählt. Grund dafür, sei, dass nicht mehr genug Zeit wäre um eine qualitativ hochwertige Bewerbung zu formulieren. Kannst du das nicht mal machen?

Heiß oder kalt? Runter oder Rausch? Kolumnist Lars-Hendrik Setz ist das alles egal. Für ihn zählen Worte mehr als Taten.

Leipzig, 1001 Jahre alt. Dafür aber ziemlich gut in Schuss. Manche nennen es den feuchten Traum jedes Immobilien-Investors, andere heißen es liebevoll: das neue Berlin. Dabei war es Berlin, noch bevor Berlin Berlin war. In den 20er-Jahren hat man angeblich gesagt: Das Berliner Nachtleben ist der Nachtzug nach Leipzig. Seit dem hat sich das Verhältnis zwar etwas verändert. Drittes Reich, zweiter Weltkrieg, DDR. Sie kennen das. Trotzdem kann Leipzig mit jeder noch so geilen Großstadt mithalten. Na gut, hier und da ein brauner Fleck auf der Weste. Und ab und an laufen Menschen aus ganz Deutschland als Opfer verkleidet über den Ring, um „WIR SIND DAS VOLK!!!!!!“ zu grölen. Aber sonst: Blühende Landschaften. Und noch ein kleiner Tipp: Meiden Sie Leipzig in der Weihnachtszeit. Zumindest den Süden der Stadt. Da findet hier traditionell die antideutsche Anarchie-Meisterschaft statt. Aber das kann man alles getrost ignorieren. Die sächsische Landesregierung schafft das seit 25 Jahren.

Der Leipziger Stadtrat hat über Straßenmusiker diskutiert. Anwohner hatten sich beschwert, sogar von einer Zumutung soll die Rede gewesen sein. Dabei ist Straßenmusik doch eigentlich ganz schön. Oder?

Ich bin mir sicher, dass es für Straßenmusiker einen ganz besonderen Platz in der Hölle gibt. Warum? Weil man ihnen nicht aus dem Weg gehen kann. Die sind einfach überall! Ihre ungestimmten Gitarren und ihr ekelhaftes Allerweltsgekrächze lösen in mir ein Bedürfnis nach Schmerzmittel und starkem Alkohol aus. Der durchschnittliche Straßenmusiker hat unterdurchschnittlich viel Ahnung von seinem Instrument. Jeder noch so gute Song wird zuverlässig ruiniert. Dass jetzt aber ausgerechnet die Stadt dagegen vorgehen will, die für 1000 Jahre Leipzig verantwortlich ist? Wir erinnern uns an dieses Geschwür von einem Lied. Nein, das finde ich nicht fair. Deswegen springe ich über meinen Schatten und fordere hiermit alle Leipziger Lärmbelästiger auf: Fickt das System!

Und nächste Woche?

Stehen auf der Leipziger Herbstkleinmesse wieder die Autoscooter. Da weiß ich wenigstens, wo ich nicht bin.

Die Kolumne zum nachhören gibt es hier:

Nur halb so viel – Lars-Hendrik Setz über die Neuerfindung der Zeit, das alte neue Berlin und Lärmbelästigung in der Innenstadt.
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