Konzertbericht

Nie wieder Evelyn

Stilwechsel auf dem zweiten Album? Kein Problem für die klassisch-veranlagte Band Abby. Die sind gerade mit "Hexagon" auf Tour und waren auch im Täubchenthal zu Gast. Wie der Band der Spagat zwischen Indie-Rock und Elektro-Pop live gelingt:
Abby auf der Bühne
Erscheinen gerne im bläulichen Licht: Abby

Erwartungen

Merkmale einer klassischen Indieband: 1) Name: Irgendwas, das mit „The“ anfängt. 2) Heimatstadt: London oder Brooklyn und Umgebung 3) Musik: eingängige Songs, zu denen man gut tanzen kann.

Das Ganze ist natürlich ein bisschen klischeehaft, trifft aber schon auf ziemlich viele Bands zu. Dass gute Indie-Musik aber nicht aus den Künstlerhochburgen London und Brooklyn kommen muss, hat die deutsche Band Abby (und NICHT „The“ Abby) mit ihrem ersten Album bewiesen. Auf „Friends & Enemies“ (2013) befinden sich zahlreiche tanzbare Indie-Pop-Songs mit einem kleinen Hang zu Elektro-Elementen. Allen voran der Gute-Laune-Hit „Evelyn“. Auf ihrem zweiten Album „Hexagon“ (2015) entfernten sich Abby dann musikalisch vom Debütalbum. Die inzwischen Wahl-Berliner tauchen in tiefe, elektronische Sphären ein – und werden damit eigentlich mehr Indie, als es viele Klischee-Bands jemals sein werden. Mit „Hexagon“ ist das Quartett nun auf Tour und besucht das Clubzimmer im Täubchenthal. Man durfte sich auf jeden Fall fragen, wie Abby den Spagat zwischen den beiden Alben live umsetzen.

Erster Eindruck

Ganz schön voll ist es im Clubzimmer um 20 Uhr. Und die Musik ist irgendwie auch schon ziemlich laut. Achja, da spielt ja schon die Vorband. Die hat sich tatsächlich aus Platzgründen dafür entschieden, ihre Instrumente vor der Bühne aufzubauen. Deswegen ist es von Anfang an ziemlich kuschelig, dafür sieht aber auch nur die erste Reihe was. JATA machen elektronischen Indie-Pop, eigentlich ganz ähnlich wie Abby. Unter der Stimme von Sänger Jakob hätte allerdings genauso gut ein RnB Beat liegen können. Ein bisschen schade, dass man leider auch als großer Mensch nichts sieht. Natürlich steht im Täubchenthal auch gefühlt immer eine Säule im Weg. Trotzdem schunkeln ca. 200 Leute lässig mit. Nach 30 Minuten beenden JATA ihr Set und räumen den Platz vor der Bühne. Vom Publikum bekommen sie (wohl verdient) einen ziemlich hörbaren Applaus. Unter sphärischen Pausenmusik-Klängen pirscht das Publikum nach vorne und freut sich auf Abby. Die lassen auch gar nicht lange auf sich warten. Mit „Time Is Golden“ startet das Quartett direkt mit dem bekanntesten Song auf „Hexagon“.

Musik

Von Anfang an machen Abby klar, dass sie die Gute-Laune-Indie-Rock Zeiten hinter sich gelassen haben. Auf „Time Is Golden“ folgt das schöne „Hush“. Es gelingt den vier Jungs auffallend gut, die elektronischen Sounds auf der Bühne umzusetzen. Das Schlagzeug ist, vor allem für so einen kleinen Raum sehr mächtig und klingt voll. Für die elektronischen Sounds sorgt vor allem Lorenzo an den Tasten. Gleichzeitig macht Tilly am linken Bühnenrand mit seiner Stimme einige Laute, die mit Effekten versehen werden und sich in die elektronischen Klangwelten einpflegen. Die tragende Stimme der Band kommt von Sänger Filou, der zudem hin und wieder an seiner cleanen E-Gitarre zupft. Generell sind die Instrumentenrollen bei Abby jedoch nicht festgelegt. Die Vier besitzen alle eine klassische Ausbildung – das merkt man zum Beispiel auch daran, dass Tilly immer wieder zum Cello greift. Im dritten Stück überzeugen Abby mit einem ausufernden Instrumental-Teil. Sie bieten vor allem Songs von „Hexagon“ dar. Die Songs von ihrem Debütalbum präsentiert das Quartett passenderweise ebenfalls in einem eher elektronischen Gewand – wie zum Beispiel die letzte Zugabe „Monsters“. So wirkt das Set wie aus einem Guss.

Publikum

Wie irgendwie ein bisschen befürchtet hat das Publikum durchaus unterschiedliche Erwartungen an Abby. Vor allem zu Beginn herrscht Uneinigkeit. Zum Zuhören wird zu viel gequatscht und zum Tanzen stehen dann doch ein bisschen zu viele Leute still herum. Vor allem hinter den Säulen und im hinteren Bereich des Raumes ist es häufig sehr laut. Leider scheint es da doch ein bisschen zum Verhängnis zu werden, dass selbst große Menschen eigentlich nur Sänger Filou und Tilly sehen können. Die sitzenden Lorenzo und Henne gehen auf der niedrigen Bühne fast unter. Deswegen fragt zum Beispiel eine Besucherin nach einer halben Stunde „Wie viele sind da eigentlich auf der Bühne?“. Trotzdem schaffen Abby es, das Publikum dann doch mitzureißen. Zwischendurch ist es tatsächlich auch mal sehr still. Das fällt auch Filou auf, der sich gleich dafür bedankt. Gegen Ende des Sets bewegt sich das Publikum dank vermehrten Stroboskop-Einsatzes dann auch noch ein bisschen mehr. Der Bann wurde doch noch gebrochen.

Was in Erinnerung bleibt

Als Tilly und Filou alleine zur ersten Zugabe wieder auf die Bühne kommen, verlangen gleich mehrere Leute im Publikum nach dem Gute-Laune-Hit „Evelyn“. Filou entschuldigt sich und meint, dass sie nach acht Jahren einfach keine Lust mehr auf den Song und vor allem dessen Sound haben. Er bittet um Entschuldigung und Verständnis. So ganz zufrieden sind manche Fans damit im Publikum nicht – aber die Entscheidung ist absolut berechtigt und auch sinnvoll. Abby gelingt es mit ihrer Live-Show das Publikum in elektronische Klangwelten eintauchen zu lassen. Die klingen nochmal deutlich intensiver und auch klarer als auf ihrem Album „Hexagon“. Das zeigt, dass der Band diese Musikrichtung und dieser Sound einfach viel mehr liegt. Abby schaffen es auch ohne Gute-Laune-Songs knapp eineinhalb Stunden lang zu überzeugen. Da braucht man keine „Evelyn“, nur vielleicht ein etwas verständnisvolleres Publikum und eine größere Bühne. 

 

Schöne Holzbühne
 
 

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Till Bärwaldt
25.02.2016 - 14:24
  Kultur