Rotes Sofa: Tom Hillenbrand

Nichts ist mehr, was es zu sein scheint

Lebende Hologramme. Klone als Ausflugsgerät für den menschlichen Geist. Künstliche Intelligenzen als Menschenretter. Tom Hillenbrands Roman "Hologrammatica" erschafft eine wahre Sci-Fi-Opera. Spannend, facettenreich und überraschend bis zum Schluss.
Redakteur Dennis Blatt im Interview mit Autor Tom Hillenbrand

Paris 2088. Galahed Singh ist ein Quästor, in der Moderne eine neue Bezeichnung für einen Privatdetektiv. Seine neueste Vermisste heißt Juliette Perrott. Sie ist eine Programmiererin und arbeitet an der Verschlüsselung der privatesten Daten aller Zeiten: dem menschlichen Bewusstsein. Das kann seit einiger Zeit komplett ausgelesen und digital gespeichert werden. Im Zuge seiner Recherchen stößt Singh auf Geheimnisse, die alles verändern können. Nichts scheint mehr das zu sein, wonach es aussieht.

Willkommen im Holonet

Als erstes muss man Hillebrand Respekt für die Bandbreite seiner Ideen zollen. Andere Sci-Fi-Romane zeichnen sich mitunter durch genau eine wichtige Erneuerung aus, die gleichzeitig das zentrale Thema darstellt. Zum Beispiel die Entdeckung des überlichtschnellen Reisens oder der Besuch von Außerirdischen. Hillenbrand hält sich hier nicht mit einem Thema auf, sondern nimmt gleich derer drei: die Entwicklung der titelgebenden Holografie (also dreidimensionale Projektionen), die Digitalisierung des menschlichen Geistes und die Entwicklung einer eigenständig denkenden künstlichen Intelligenz (kurz KI).
Des Weiteren scheut sich Hillenbrand nicht, den Zeitsprung mit 70 Jahren relativ klein zu halten. Das macht die dargestellte Welt gleichzeitig fremd und dennoch nicht unwirklich.

In diese bunte, aber nicht abgehobene Welt schickt Hillenbrand seinen Protagonisten Galahad Singh. Ein homosexueller, leicht depressiver Privatdetektiv mit bengalischen Wurzeln, der in London lebt, seinem stinkreichen Vater aus dem Weg geht, und ein leidenschaftlicher Bluessaxophonist ist. In bester Art-noir-Manier berichtet der Detektiv aus der Ich-Perspektive. Er gibt Einblick in einen selbstbewussten, aber irgendwie auch schnoddrigen und emotional verwundeten Typen. Alles in allem ein Charakter, dem man von der ersten bis zur letzten Seite gut folgen kann.

Ich hatte es fast. In der Mitte gibt es diese Stelle, wo das Tenorsaxofon wie ein betrunkener Gigolo um die Trompete herumscharwenzelt, sich entfernend, sich heranpirschend. Wenn Trane die Passage spielt, hört man die blaue Lok förmlich durch die Nacht stampfen. Mein „Blue Train“ klingt, als ob der Heizer vor dem Ofen eingeschlafen wäre…

Galahad Singh, Protagonist

Nichts ist, was es zu sein scheint

Im Jahr 2088 kann der Schein trügen wie nie. Je länger man liest, desto mehr brechen vermeintliche Sicherheiten weg. Ein Effekt, den Hillebrand schon in seinem ersten Sci-Fi-Roman „Drohnenland“ genutzt hat. Hologramme sind allgegenwärtig. Sie ersetzen Straßenschilder, kaschieren Häuserfassaden, ersetzen sogar die Kleidung. Menschen verändern so ihre komplette Erscheinung. Man braucht erst spezielle Brillen um diese Hologramme NICHT mehr zu sehen.

Ich schaue nach oben. Die Decke des Ladens war ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Nun blicke ich auf eine hässliche, unverputzte Fläche voller Kabel und Lüftungsschächte. Das Holonet ist weg.

Galahad Singh, Protagonist

Die nächste Verunsicherung: Menschen können ihr Bewusstsein in andere Körper laden. Zwar nur für drei Wochen, aber vor allem die Reichen können so perfekt designte Körper tragen wie andere Leute Anzüge. Wenn dann Frauen in Männerkörpern rumlaufen oder umgekehrt, hat die Genderdebatte eine ganz neue Stufe erreicht.
Und dann schwebt über der Menschheit noch ein besonderer Schatten: die KI Ӕther. Mitte der 2040er entwickelt die UNO eine Computerintelligenz. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen machte sich die KI selbstständig. Der Welt musste der Stecker gezogen werden, aber ob die KI wirklich vernichtet wurde oder sich nur versteckt, weiß niemand genau.

Die richtige Mischung

Das ist noch nicht einmal alles, was in Hillenbrands Roman steckt. Trotzdem behält alles das richtige Maß. Hillenbrand schlägt nie über die Stränge oder erwartet von dem Leser Unmögliches hinzunehmen. Die technischen Revolutionen werden geschickt mit dem bunten, aufregenden aber irgendwie auch normalen Leben des Quästors Galahad Singh vermischt. So entsteht ein harmonisches Leseerlebnis, bei dem übrigens auch die feine Prise Humor nicht fehlt.
Gleichzeitig entwickelt sich die Handlung wie in einem guten Krimi. Fragen werden nur nach und nach, statt in einem großen Tusch gelöst. Die Spannung bleibt also bis zum Schluss garantiert.
Die Figur des Protagonisten Galahad Singh ist sehr gut angelegt. Man identifiziert sich mit dem Helden, ohne dass er automatisch ein solcher ist. Der Charakter wirkt vielschichtig, lebendig und doch verständlich. Leider bleiben unter anderem durch die Ich-Erzählweise andere Charaktere etwas flach. Selbst die vermisste Juliette Perrott - in deren Perspektive wir später immer wieder springen - wird einem nicht wirklich zugänglich.   

Ein Thriller der keine Wünsche offen lässt

Obwohl jetzt viel über Sci-Fi gesprochen wurde, steht auf dem Buchcover "Thriller". Und genau das ist "Hologrammatica" auch. Das heißt für Tom Hillenbrand aber nicht, dass er nicht auch noch einen Sci-Fi-Roman und eine Prise Krimi reinstopfen kann. Der Eindruck entsteht, dass Hillenbrand aus seinen Ideen locker zwei Bücher hätte machen können. Dass er alles in ein Werk gebracht hat, hat einen echten Knaller entstehen lassen, der praktisch keine Wünsche offenlässt. Wer nichts dagegen hat, sich ein wenig in die Zukunft entführen zu lassen, der wird mit "Hologrammatica" ein furioses Leseabenteuer erleben, das bis zur letzten Seite mitfiebern, staunen und schmunzeln lässt.

Das Interview mit Tom Hillenbrand zum Nachhören:

Ein Interview von Redakteur Dennis Blatt mit Autor Tom Hillenbrand
1703 BM IV Hillenbrand
 

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Tom Hillenbrand

Hologrammatica

2018, Kiepenheuer & Witsch Verlag (KiWi)

12,00 € (Taschenbuch)

ISBN 978-3-462-05149-0

 

Zum Autor:

Tom Hillenbrand, geboren 1972, studierte Europapolitik, volontierte an der Holtzbrinck-Journalistenschule und war Ressortleiter bei Spiegel Online. Seine Sachbücher und Romane sind in viele Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet. Für Drohnenland erhielt er den Glauser-Preis (bester Kriminalroman des Jahres).