Konzertbericht: Travis Scott

Nicht von dieser Welt

Kreischende Kinder, viel Weltraum und ein überlebensgroßer Travis Scott: Unser Redakteur Scott Heinrichs hat sich das Fortnite-Konzert des US-Superstars angeschaut.
Astronomical-Plakat
Ankündigungsplakat zum Live-Event "Astronomical"

Travis-Scott-Konzerte sind berühmt-berüchtigt: Für ihre Intensität, für das exzessive Bühnenbild, für die Riesen-Moshpits. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich so eine Show nicht gerne einmal selbst miterleben würde. Und es wäre fast soweit gewesen: Als der US-Rapper zuletzt in Deutschland tourte, hielt mich nur mein schmales Studentenbudget davon ab, das Konzert zu besuchen. Aber aufgrund des bösen C-Wortes hatte sich das mittelfristig eh erstmal erledigt. Und trotzdem befand ich mich heute auf einem Travis-Scott-Konzert. Nur eben nicht in der Mitte des Moshpits, sondern in einer Fortnite-Lobby mit meinen zwei kleinen Brüdern, die von Travis Scott noch nie etwas gehört haben.

Überlebensgroß

30 Minuten vor Konzertbeginn füllt sich die Lobby, etwa 20 Zuschauer sind anwesend - etwas dürftig, aber natürlich gibt es im selben Moment tausend andere Lobbys, das summiert sich. Meine Brüder, beide zehn Jahre alt, führen mich erst einmal auf der Map herum - oder zumindest versuchen sie es. Denn jeder Versuch, die Seebühne mit der riesigen Leinwand zu begutachten, scheitert kläglich: eine Horde an Spieler*innen in Deadpool-Kostümen zwingt uns dauerhaft zum Respawn. Daraufhin: wehleidiges Klagen meiner Brüder. Die Minuten zum Konzert verbringe ich deswegen versteckt in einem Busch, gleich in der Nähe einer der vielen aufblasbaren Travis-Scott-Köpfe, die auch schon das Cover seines letzten Studioalbums "ASTROWORLD" zierten. Um 16:00 Uhr geht es dann endlich los: Die Waffen werden deaktiviert, alle sammeln sich auf der Bühne. 

Um die eigene Begeisterung zu zeigen, gibt es genau drei Möglichkeiten: den klassischen Headbang, einen wippenden Finger (für die ruhigeren Zeitgenoss*innen) und das bekannte Meme, in welchem Travis Scott mit einen scheinbar brennenden Mikrofonständer über seinem Kopf wedelt. Einige oberkörperfreie Travis Scotts stehen auch schon auf der Bühne herum - einen Skin gibt es für 1.500 V-Bucks im Shop, umgerechnet ca. 15 Euro. Grundsätzlich ein fairer Preis für Merch. Dass er nur digital ist, nun gut. Der Countdown läuft herunter und ein Planet nähert sich der Map. Dann knallt's - ein überlebensgroßer Travis Scott erscheint, "ASTRONOMICAL" beginnt.

Quelle: YouTube/Faiz

Ready for take off?

Die ersten Töne des Überhits "SICKO MODE" erklingen, mein Controller vibriert im Rhythmus des harten Basses. Vom Song selbst höre ich nicht viel - meine Brüder kreischen und hüpfen unter dem riesigen virtuellen Travis Scott umher. Selten war man (s)einem Star so nah. Das war auch das letzte Mal, dass die beiden und ich die volle Kontrolle über unseren Controller haben. Denn mit dem harten Switch zum Song "STARGAZING" hüpfen wir unkontrolliert auf und ab. Schnell wird klar: Das hier hat nicht die anarchische Energie eines Livekonzerts. Alles ist durchorchestriert, jede Bewegung ist eingeplant. Die ultimative Verwirklichung der Künstlervision - komplette Kontrolle über das Geschehen, die Fans sind Teil der Choreografie. 

Die Map färbt sich derweil feuerrot, alles steht in Flammen, aus dem See steigt ein Freizeitpark auf, das Gesicht Travis Scotts schmilzt zur Hälfte und entblößt ein Roboterantlitz. Dann schon wieder ein Cut nach gut einer Minute, der nächste Song, "goosebumps". Alles wird zunächst dunkel, bevor neonfarbene Schleier am Himmel auftauchen. Eine Lichtshow der Träume. Während Travis Scott zum "Stage"dive auf einen Berg ansetzt, schießt mir die Frage in den Kopf: Was hat das eigentlich noch mit dem Konzert zu tun, dass wir normalerweise? Meinen Brüdern gefällt es nach wie vor, zumindest werte ich ihr Schreien so. Ob die Begeisterung von der Musik oder der augenblicklichen Schwerelosigkeit ihres Fortnite-Charakters stammt - ich weiß es nicht. Dennoch ist das alles ziemlich beeindruckend.  

Screenshot
Screenshot vom Event   

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein Großer für Travis Scott

Im Höchsttempo geht es weiter: Zu "HIGHEST IN THE ROOM" schwimmen wir mit Travis Scott (natürlich im Taucher-Skin, erhältlich im Fortnite-Shop) durch die Tiefsee, bevor plötzlich wieder "SICKO MODE" ertönt - diesmal der Drake-Part, diesmal kippt die Map, alles schief, alles fällt. Dann die große Weltpremiere: "THE SCOTTS", die brandneue Kollaboration von Travis Scott und Kid Cudi, läuft sogar mal länger als nur eine Minute. Alle Zuschauer*innen fliegen dazu durch den Weltraum, während Travis Scott entspannt auf einem Planeten sitzt. Auf dem Bildschirm taucht ein weißer Schmetterling auf, eine Reminiszenz an ein vergangenes Fortnite-Liveevent. Dann wird schließlich der ganze Bildschirm weiß.

Nach etwa zehn Minuten ist schließlich alles vorbei. Mit einem Konzert, wie es viele von uns kennen, hatte das zwar wenig zu tun. Keine Live-Performance, keine Mitmenschen um uns, der Charme des Unperfekten, er fehlt. Vielleicht auch deswegen wurde „ASTRONOMICAL“ auch als „Event“ angeteasert. Aber dennoch: Das Ganze war eine beeindruckende, visuell-musikalische Weltraumorgie, die das Team um Travis Scott mit den Fortnite-Machern geschaffen hatte. Es war das ideale Konzert mit grenzenlosen Möglichkeiten, Superkräfte inklusive. Und irgendwie ist alles irritierend schlüssig: Natürlich kann das quietschbunte Battle-Royale-Spiel die quietschbunte Weltall- und Freizeitparkromantik Travis Scotts perfekt umsetzen, die er nun schon seit mehreren Jahren in die Welt trägt. Alles ist High Energy, schnell, überdimensioniert. Genau das macht den Reiz eines Travis-Scott-Konzerts aus und exakt dieses Gefühl vermittelt das Event, wenn auch nur in einer Lite-Version.

Neben all den tollen Grafiken ist es vor allem eines gelungener Publicity-Stunt, den es in dieser Dimension vielleicht noch nie gab; ein Popkultur-Crossover der höchsten Sorte. Das beliebteste Videospiel einer ganzen Generation und einer der größten Hip-Hop-Künstler der letzten Jahre - es wird seine Spuren hinterlassen. Nicht auszudenken, wie viele Rapper*innen jetzt Ähnliches planen werden. Und was das für den Berühmtheitsgrad eines Travis Scotts bedeutet, der durch seine Musik und Beziehung zu Kylie Jenner schon unfassbar bekannt ist, ist auch klar: Weltweite Bekanntheit, jetzt sogar bei den Kleinsten. Er schraubt weiter an seinem Superstarstatus.

Mitten in der Corona-Krise also doch mein erstes Travis-Scott-Konzert, irgendwie zumindest. Als alles vorbei ist, frage ich meine Brüder, wie es ihnen gefallen hat. "Ganz okay", kommt als erstaunlich nüchterne Antwort. Aber: Während ich gerade diesen Satz tippe, tönt aus dem Kinderzimmer die neue Travis-Scott-Single "THE SCOTTS", und zwar im Loop. Mission accomplished.

 

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Die neue Travis-Scott-Single mit Kid Cudi findet ihr hier und in unserer Spotify-Playlist faust aufs auge.

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Alle Infos auf einen Blick:

Wer? Travis Scott

Wann? 24. - 26. April 2020

Wo? Fortnite

 

Setlist:

1. SICKO MODE

2. STARGAZING

3. GOOSEBUMPS

4. HIGHEST IN THE ROOM

5. SICKO MODE

6. THE SCOTTS