Konzertbericht

Neuer Wind im Westen

Sein neues Album, aber auch viele Klassiker feierte Prinz Pi mit seiner wachsenden Fangemeinde im Haus Auensee - Judith Fliehmann war dabei. Ein Konzertbericht zum Mitsingen.
Prinz Pi
Prinz Pi überzeugte nicht nur unsere Redakteurin im Haus Auensee

Unter Menschen schwimmen, im Nachtleben tauchen

Was für ein Abturn, was für ein abgefuckter Tag, in einem abgefuckten Monat, in einem abgefuckten Jahr – den Abend kann nur noch ein echter Prinz retten. Und wer wäre in der Woche der Leipziger Buchmesse ein besserer Gast im Haus Auensee als der rappende Poet Prinz Pi?

Erwartungen

Zwischen mir und Friedrich Kautz liegt ein langer weg. Ganze 30 Minuten fährt man mit der Tram zum Haus Auensee, Zeit war nie so zäh wie warten darauf, ihn wiederzusehen! Seine Alben „Teenage Mutant Horror Show 2“ und „Rebell ohne Grund“ haben mich durch meine tiefsten Pubertäts-Stunden begleitetet. Dann konnte ich mich glücklicherweise vom Grunde des Brunnens aufrappeln – seine neueren Alben „Kompass ohne Norden“, „pp = mc²“ und „Im Westen nix Neues“ zogen unbeachtet an mir vorbei. Doch wenn der Prinz persönlich sich nach Leipzig begibt, kann ich mir das natürlich nicht entgehen lassen!

Nie zuvor war ich so weit im Nordwesten Leipzigs, aber das zeigt mir nur wie beschränkt ich bin, und was du alles noch nicht kenn'. Schmale, schöne, bleiche Menschen schweben aus der Bahn und scheinen den Weg zum Konzert zu kennen – dann mal ihnen hinterher!

Endlich am Haus Auensee angekommen, fühle ich mich in meine Teenie-Zeiten zurückversetzt - beste Zeiten, blass erinnert, ist mir auch heut' nicht peinlich, jede Zeile passt für immer. Da trug noch nicht jeder das Standard-Cap, da waren die Zeilen noch nicht tätowiert.

Ich reihe mich ein in die Schlange wartender 15-jähriger Mädchen: Nerd-Chick-Brille im Gesicht, enge Leggins, tiefer Ausschnitt, bisschen fett, bieder, nett, runde Rädchen im System. Ich will nicht wissen, wie lange für Konzertkarten bei Mutti und Daddy betteln mussten. Für fünf, sechs Jahre, da vergisst man, dass man altern kann - dann realisiert man, dass die Generation Porno von der Generation Glitzerleggins abgelöst wurde. Sind die guten alten Zeiten vorbei oder wird Friedrichs neues Überich Prinz Pi, Prinz Porno und den Typen mit dem Marx-Bart übertreffen?

Erster Eindruck

Wie auf jedem Konzert muss man sich vor der großen Party noch mit der Vorband herumschlagen. Der Rapper aus Köln, dessen Namen man sogleich wieder vergisst, findet nie die richtigen Worte, auch dieses Mal ist alles nicht perfekt genug.

In Trainingsanzug und mit vorm Spiegel einstudierten Eminem-Posen erntet er zwar ein wenig hormongesteueretes Girlie-Geschrei, doch gelingt es ihm nicht, die Masse so richtig in Fahrt zu bringen. Schon im ersten Song hat er die Heimat verflucht, sie zweimal verflucht, sie dreimal verflucht. Er jammert gern, so sind wir Deutschen. Statt Feierlaune verbreitet er depressive Stimmung, keine Liebe, Miese-Brise-Songs.

Doch ich weiß: Alles wird perfekt ab hier!

Dann ist sie da, die traurige, rauchige Stimme meiner Jugend. Stolz fängt es an, ganz klein hört es auf, sein Gesicht in der Mitte vom Rauch. Jetzt ist die Bühne größer, Licht ist heller, Sound ist breiter, das Klima auf der ganzen Welt drei Zehntel Grad wärmer.

Show

Der Raum ist voll, sie drehen sich um sich selbst, die schlafende Welt der Nacht wird unser Spielplatz. Mit „Du Bist“ verschafft Prinz Pi der Menge eine Gänsehaut, doch schon beim nächsten Song zieht sein Sound uns aus. Die Natur meinte es gut mit ihm, sie hat ihm Unmengen Talent ins Blut gerührt: In dieser Hood hat niemand krasser gerappt! Denn Pi ist unberechenbar: Gekonnt zieht er abwechselnd mit seinen deepen Songs das Publikum in die Tiefe, nur um es Sekunden später abpogen zu lassen. Auf Schreien folgt Liebe, auf weinen folgt ein Song, der traurig und süchtig zugleich macht. Mit Klassikern wie „Laura“ und „Du Hure“ erinnert er die gleichen Leute wie am Anfang, warum sie hier sind, mit „1,40“ und „Schwermetall“ bringt er die paar tausend mehr zum Mitgröhlen.

Die Nächte sind gegen Ende intensiver denn je, sein dunkler Zauber lenkt die Zeit darum fließt sie so schnell. Trotz etlicher Zugaben ist das Konzert irgendwann vorbei.

Das Karussell hält an, dafür dreht sich der Schädel weiter, sie applaudieren immer noch für den lächelnden Clown.

Alles entfärbt sich, wir kommen aus dem Blau und gehen ins Schwarz, die Stadt ist ein paar Grade kälter, so treibe ich verloren in ein unbekanntes Morgen - doch er rotiert noch die ganze Nacht in meinem iPod, dieser Friedrich Kautz.

Was in Erinnerung bleibt

Wenn Friedrich Kauz in Leipzig ist, wird selbst aus einer Tragödie ein Grund zum Feiern. Sein Lichttechniker Brian hat sich beim Bühnenaufbau den Finger amputiert, lässt seinen Prinzen jedoch nicht im Stich – die Bühne erstrahlt in Morgenrot, Tagesgelb und einem Blau, blauer als die Farbe selbst. Klingt unglaublich was Friedrich da erzählt, aber ich weiß, alle seine komischen Geschichten sind wahr!

Am Ende werden nur Narben bleiben, Prinz Pi stimmt 'Generation Porno' an und lässt die Wunde verstummen. Nichts tut noch weh, Brian spürt schon lang nichts mehr, gibt trotz fehlendem Finger alles, dem neongrünen Affen Zucker und liefert noch dazu die passende Lichtshow. Die Menge feiert ihn – TOI TOI TOI!

 

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Judith Fliehmann
15.04.2016 - 19:09
  Kultur