Rotes Sofa: Jaroslav Rudiš

Nach der Hoffnung Frust

Damals war er ganz vorne mit dabei. Bei den Demos auf der Nationalstraße. Als es den großen Umsturz für Freiheit und Demokratie gab. Heute hockt er in seiner Platte und prügelt sich aus Geltungsdrang, Stolz und Langeweile. Vom Typus des Enttäuschten.
Felix Krause und Jaroslav Rudiš
Redakteur Felix Krause im Gespräch mit Autor Jaroslav Rudiš.

In der Severka steht der Zigarettenrauch in der Luft. Die Spielautomaten blinken, man trinkt Bier und isst blasse Würstchen, die Wasserleichen genannt werden. In der Kneipe sitzen hauptsächlich Männer jenseits der vierzig. Stammtisch.

Und einer sagt: Scheißpolitik. Kotzt mich sowas von an.

Und ich sage: Ist doch überall dasselbe.

Und ein anderer sagt: Mit den Frauen war's auch mal besser. Bevor sie zu diesen Ökobiofeministinnen wurde.

Noch ein anderer: Keine Ahnung, warum meine Olle ständig mit mir kämpfen muss. Statt mit mir durch die Matratze zu ballern.

Nationalstraße, S. 36

In der Severka, zu deutsch: Polarstern, treffen sich Vandam, Froster und all die Anderen Tag für Tag. Vandam, das ist der Protagonist in „Nationalstraße“ von Jaroslav Rudiš. Er nennt sich so wegen seinem Vorbild, dem Actionschauspieler Jean-Claude Van Damme. Aber im Gegensatz zu seinem Vorbild besteht Vandams Leben nicht aus Glamour und Geld, sondern aus Frust, Gewalt und Alkohol. Er ist einer der sogenannten Wendeverlierer, „Nationalstraße“ handelt von seinem Alltag im Prager Platten-Ghetto, lange nach der Samtenen Revolution. Die Revolution, die Vandam und seine Generation maßgeblich mitgetragen haben.

Der Geist der Freiheit ist passé

Nach eigenen Aussagen hat Vandam beim Aufstand auf der Nationalstraße sogar den ersten Schlag getan. Heute, wenn er sich mit seinen Freunden zum Raufen trifft, ist von dem revolutionären Geist nur noch Enttäuschung übrig: auf Politiker, Bonzen und Fremde. Obwohl Vandam, wie er zig mal betont „kein Nazi“ ist, wird man in der Severka ja manche Dinge noch sagen dürfen:

Und noch ein anderer sagt: Heil dem Volk!

Und Froster sagt: Richtig! Heil dem Volk!

 

Wie ein Mann springen wir hoch und schreien:

Heil dem Volk!

 

Heil dem Volk!!

Heil dem Volk!!!

 

Und einer hebt die Hand zum Hitlergruß.

Und ein anderer sagt: Hört mal, das nicht, das will ich nicht.

Und ich sage: Mann, reg dich ab, ist halt tschechischer Humor, oder? Die ganze Welt liebt tschechisches Bier und tschechischen Humor.

Nationalstraße, S. 65

Am Ich-Erzähler Vandam ist man ganz nah dran. An seinen Erzählungen über seine Familie, den Selbstmord des Vaters, den Neid auf den Bruder, der es geschafft hat, der Trennung mit der eigenen Frau, der Angst, der Sohn könnte „verweichlichen“. Vandam ist ein patriarchalischer, gewalttätiger Macho-Typ, aber trotzdem nicht unsympathisch. Dem Autoren Jaroslav Rudiš gelingt es, glaubhaft und empathisch die Motivation für Vandams Frust zu zeigen. Er hört dem Abgehängten zu und gibt ihm eine Stimme. Die ist irgendwo zwischen kunstvoll und absolut alltäglich angesiedelt:

Mich stören Penner nicht, solange sie kein Remmidemmi machen.

Mich stören Zigos nicht, solange sie kein Remmidemmi machen.

 

Mich stören Punks nicht, solange sie kein Remmidemmi machen.

Mich stören Junkies nicht, solange sie kein Remmidemmi machen.

Mich stören Sozialschmarotzer nicht, solange sie kein Remmidemmi machen.

Nationalstraße, S. 26

Zwischen Sozialstudie und Mystik

Das alles erklärt Vandam seinem Sohn. Er will ihn zum starken Mann erziehen. Die beiden sitzen in dem Wald, der für die Plattensiedlung größtenteils abgeholzt wurde. Von diesem Gespräch springt das Buch immer wieder zurück in die Erzählungen Vandams. Je nach Ort verändert sich auch der Stil des Buches. Spricht Vandam von der Severka, von Prügeleien, gleicht der Roman einer realistischen Sozialstudie. Im Wald bekommt das Buch einen fast schon mystischen Touch.

Hörst du die Stille? Die dumpfe Stille von unserem Wald? Die gespenstische Stille?

Sperr die Ohren auf und hör zu.

Hörst du, wie die Äste rauschen? Vielleicht sind es keine Bäume. Sondern alte Krieger.

Sie kommen näher.

Mir ist kalt.

Nationalstraße, S. 10

Als Leser wird man von „Nationalstraße“ alles andere als kalt gelassen. Die explizit beschriebene Gewalt, die Einsamkeit der einzelnen Figuren, das geht nahe. Vor allem weil Vandam „eigentlich“ ein ganz Normaler ist. Ein Typus, wie es ihn überall geben könnte. Jaroslav Rudiš zeichnet absolut lesenswert nach, was gerne verdrängt wird. Nämlich, dass es auch im Herzen Europas Menschen gibt, die abgehängt und von allen im Stich gelassen sind. Ein extrem wichtiges Buch von Jaroslav Rudis, der mit dem Preis der Literaturhäuser 2018 ausgezeichnet wird.

Multitalent Jaroslav Rudiš war während der Buchmesse zu Gast auf dem roten Sofa von mephisto 97.6 und zeigte sich überrascht über den Preis der Literaturhäuser. Außerdem sprach er über seinen Roman "Nationalstraße" und dessen unterschiedliche Rezeption in verschiedenen Ländern, sowie über die Entstehung der Geschichte und Menschen, die sich abgehängt fühlen. Zu guter Letzt erzählte er von der Verbindung von Literatur und Musik mit seiner "Kafka Band". Das Interview mit Jaroslav Rudiš auf der Buchmesse finden Sie hier zum Nachhören:

Redakteur Felix Krause im Gespräch mit Autor Jaroslav Rudiš.
1603 Interview Jaroslav Rudis
 

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"Nationalstraße" von Jaroslav Rudiš

erschienen im Luchterhandverlag

160 Seiten

Preis: 14,99 Euro

Jaroslav Rudiš wird mit dem Preis der Literaturhäuser 2018 ausgezeichnet.