Berlinale 2020

MY SALINGER YEAR eröffnet 70. Berlinale

Zum 70. Jubiläum der Internationalen Filmfestspiele Berlin übernehmen Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek das Zepter von Ex-Festivalchef Dieter Kosslick. Eröffnet wird die Berlinale von dem Drama "My Salinger Year". Ein enttäuschender Auftakt!
My Salinger Year
Sigourney Weaver und Margaret Qualley im Berlinale-Eröffnungsfilm

Man will ja nicht voreingenommen sein! Schon gar nicht, wenn für ein riesiges Festival, wie die Berlinale eines ist, so eine Änderung bevorsteht. Und doch steht dieser Auftakt der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin unter keinem guten Stern. Nicht nur, dass die neuen Führungskräfte Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian während der feierlichen Eröffnungsgala irgendwie auf den kurz zuvor geschehenen Terroranschlag in Hanau reagieren mussten, auch das Filmprogramm lässt nach diesem ersten Festivaltag zumindest in einer Hinsicht Dunkles erahnen. "Hätte es denn keine bessere Alternative gegeben?", will man fast schreien. Na klar, so ein Eröffnungsfilm muss alle besänftigt ins Boot holen. Große Experimente braucht man da gar nicht erst zu erwarten. Dass nach dem ernüchternd dümmlichen Episodendrama THE KINDNESS OF STRANGERS im Vorjahr aber erneut auf ein New Yorker Großstadtmärchen zurückgreift, ist doch etwas entsetzlich. Reizend gespielt ist MY SALINGER YEAR durchweg. Mit Margaret Qualley (ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD) und Sigourney Weaver (ALIEN) hat Philippe Falardeau zwei wunderbare Schauspielerinnen in den Hauptrollen vereint. Schade nur, dass die beiden so altbackene und abgegriffene Rollen spielen müssen.

Die eine die abgebrühte Grand Dame, eine mächtige Literaturagentin, die andere das naive Dummerchen, das lernt, zur emanzipierten Frau und zur erfolgreichen Schriftstellerin zu werden. Bis dahin muss sie im New York der 90er Jahre Fanbriefe an den Autor J.D.Salinger (DER FÄNGER IM ROGGEN) beantworten. Das hat grundsätzlich interessante Fragestellungen rund um Autorschaft, um Prominenz und prominente Aura, von der die Öffentlichkeit immer ein Stück abhaben möchte. Auch der Ermächtigungsprozess der jungen Protagonistin ist gut gemeint und einigermaßen routiniert runtererzählt, doch alle größeren Ebenen werden regelrecht geschreddert, wie es auch mit dem Fanbriefen im Literaturbüro getan wird. Stattdessen gibt´s ganz viel Gefühlskitsch, große Tanzszene inklusive. Und dass es besonders dramatisch wird, wenn die mächtige Chefin plötzlich ganz ungeschminkt und damit verletzlich vor einem sitzt, ist nicht erst seit DER TEUFEL TRÄGT PRADA bekannt. Das ist so nett, so brav, so frei von jeglichen Ambivalenzen, so vorhersehbar und generisch, dass diese Berlinale-Eröffnung schnell vergessen ist. Es gibt eine Szene, da sagt Margaret Qualley, sie wolle nicht nur unterhalten, sondern auch herausgefordert werden. Ja, gerne!

Frischer Wind im neuen Wettbewerb

Genauer hinschauen sollte man lieber in der von Carlo Chatrian neu eingeführten Encounters-Sektion, zumindest gelingt der Auftakt dieses neuen Wettbewerbs für besonders innovative und einzigartige Filme mit einem echten Paukenschlag. MALMKROG, so der Titel dieses regelrecht monströsen Eröffnungsfilms. Basierend auf einem Text des Philosophen Wladimir Solowjow versammelt Regisseur Christi Puiu eine Gruppe aristokratischer Edelmänner und -frauen in einem rumänischen Herrenhaus. Über die Weihnachtsfeiertage genießt man die Geselligkeit und diskutiert über die großen Fragen des Lebens: Vergänglichkeit, Politik, Militär, Kultur, Europa, Hygiene, Gott und Antichrist und das ist quasi auch alles, was in diesem Film geschieht. Ganze 200 Minuten und 6 Kapitel umfasst dieses virtuos inszenierte Kammerspiel. Endlos lange Einstellungen, perfekt durchchoreografierte Wortgefechte. Die Kamera steht, genau so starr und angespannt wie die Figuren, in den Ecken, schwenkt nur selten den Blick hin und her. Bemerkenswert, wie das alles trotz seiner extremen Länge und Widerspenstigkeit, immer wieder das Erzähltempo variiert. Vom hitzigen Gespräch, das sich in seiner Anspannung immer wieder steigert, bis zum slow cinema, in dem das Leben im Haus gezeigt wird. Das Decken der Tische, das Ausführen der Befehle, das Pflegen des alten Herren, der oben im Bett liegt. Und dann diese plötzlichen Kontrollverluste, die das perfekte Machtgefüge ins Wanken bringen. Zunächst ist es ein plötzlicher Ohnmachtsanfall, dann eine Ohrfeige, später werden Schüsse fallen. 

Es ist unmöglich, die Komplexität dieser tief philosophischen Dialoge bei der ersten Sichtung vollends zu erfassen. Und doch ist das in all seiner Anstrengung fast schon mit einer gewissen Komik versehen. Da gibt es Momente, in denen über mehrere Minuten aus der Bibel und anderen Texten vorgelesen wird, ohne Rücksicht auf die Geduld des Publikums. Die nächste Lesestunde wird fast sarkastisch angekündigt. Was genau da geschieht, das bleibt im Unklaren, die Erwartungen werden immer wieder unterlaufen. In seiner Zuspitzung fast antiklimaktisch, bis man schließlich bei purer Zivilisationsmüdigkeit angekommen ist. Deutlich wird allerdings recht schnell, dass diese Historienstunde über das Rumänien des 19. Jahrhunderts in Wirklichkeit unser gegenwärtiges Kultur- und Völkerverständnis diskutiert. Und wie soll es auch anders sein? Am Ende werden diese Geschichten und Fragen nur von den Mächtigen erörtert, während die, über die sie sprechen, die Arbeit um sie herum erledigen. Und die Revolution? Ja, sie kommt in einem nachhaltig verstörenden Kippmoment. Oder etwa doch nicht? 

 

Kommentieren

Die 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 20.02. bis 01.03.2020 statt.

"My Salinger Year" (Kinostart voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2020) läuft in der Sektion Berlinale Special Gala, "Malmkrog" als Eröffnungsfilm für die Encounters-Sektion.