Musik-Podcasts

Musik-Podcasts: Empfehlungen

Wenn die Entscheidung zwischen Musik und Podcasts mal schwerfällt: Warum nicht einfach beides? Um euch den Weg durch den schier endlosen Dschungel der Musik-Podcasts zu ebnen, hat unsere Musikredaktion einige ihrer Favoriten zusammengesucht.
Musik-Podcasts: Empfehlungen der Redaktion
Musik-Podcasts: Empfehlungen der Redaktion

"Machiavelli – Rap und Politik"

Rap und Politik - Zwei Themen, die auf den ersten Blick kaum weiter voneinander entfernt sein könnten. Jan Kawelke und Vassili Golod, die Stimmen hinter dem Cosmo Podcast „Machiavelli”, sehen das allerdings anders. 

Rap liebt Politik. Und Politik liebt Rap.

„Machiavelli - Rap und Politik“

Eine verbotene Romanze wie man sie nur in kitschigen Liebesfilmen findet. „Machiavelli“, benannt nach dem Politikphilosophen Niccolò Machiavelli, wird im August 2018 ins Leben gerufen. Von Anfang an mit dabei: Jan, Musikjournalist mit einer Vorliebe für HipHop und Vassili, ARD-Reporter und Politikexperte. In rund anderthalbstündigen Folgen erörtern sie die wichtigen Fragen des Lebens. Wäre der Rapper Kanye West ein guter US-Präsident? Kann Grime, ein Subgenre des HipHop’s, den Brexit stoppen? 

Schnell fällt auf, dass Rap und Politik doch gar nicht so verschiedene Welten sind. Ganz im Gegenteil, Machiavelli schafft es, die Parallelen zwischen den beiden Branchen aufzuzeigen - sei es eine offensichtliche Unterrepräsentation von Frauen oder ein Problem mit Antisemitismus. 

Dabei laden sich Jan und Vassili regelmäßig Gäste ein, die sonst wohl nie aufeinander treffen würden. So ist fast schon normal, wenn der ehemalige SPD-Parteivorsitz Martin Schulz und Deutschrapper Yassin an einem Tisch sitzen und über Europa plaudern. Mit der Moderatorin Salwa Houmsi, einem bekannten Namen im deutschen Rapjournalismus, kommt Anfang 2020 dann ein weiteres Format zu „Machiavelli“: „PUSH“, ein wöchentliches Update über die Geschehnisse in Musik und Politik. 

„Machiavelli“ ist ein Podcast für all Jene, die sich gerne in beiden Welten bewegen. Jan und Vassili schaffen es, komplexe Themen wie das US-Wahlsystem oder die Geschichte des HipHops verständlich herunterzubrechen. Die unheimlich sympathische Dynamik der beiden Moderatoren und die großartigen Gäste sind dabei die Kirsche on top und vollenden die süße Romanze zwischen zwei vermeintlich verschiedenen Welten. 

Episoden-Empfehlung: "Felix Lobrecht & Olaf Scholz: Eine Frage des Geldes""Größe oder Wahn: Kanye West und Donald Trump""Immer wieder - Antisemitismus"

Emma Lübbert

"Reflektor"

Jan Müller kennt sich so gut mit Musik und der Musikbranche aus, wie wahrscheinlich die wenigstens Personen in Deutschland. Denn seit 25 Jahren ist er Mitglied von Tocotronic und hat alles mindestens einmal erlebt: das mühevolle Finden eines gemeinsamen Sounds, undankbare Auftritte und harte Proben. Aber Jan Müller kennt auch den großen Erfolg, ausverkaufte berauschende Konzerte und das nervige Medien-Karussell, das nun mal dazu gehört. Vielleicht macht ihn all das zu einem idealen Podcast-Host. In „Reflektor“ (produziert vom Podcastlabel Viertausendhertz) spricht er mit Musikerinnen und Musikern aus dem deutschsprachigen Raum über ihre Anfänge, Werdegänge, Skandälchen und musikalische Vorlieben. Dabei hangelt er sich meistens an der chronologischen Diskografie seiner Gäste entlang und das immer mit ehrlicher Neugier. Das führt auch oft dazu, dass er Anekdoten aus seinem eigenen Musikerleben preisgibt.

Für „Reflektor“ lädt Jan Müller Künstler*innen ein, die er schon seit Ewigkeiten kennt, oder, die ihn erst seit kurzem faszinieren. Neben einer gesunden Prise Nerd-Talk, spürt man in jeder Folge deswegen auch den gegenseitigen Respekt füreinander. Dabei spielt es keine Rolle, ob Jan Müller alte Musikhasen, wie Sebastian Krumbiegel oder Annett Louisan oder untergründigere Acts, wie Haiyti und Xatar zu Gast hat. In Begleitung zum Podcast, gibt es eine von ihm und seinen Gästen kuratierte Playlist.

Episoden-Empfehlung: "Haiyti - Wärst du in einem anderen Land ein Star?", "Sascha Utech (Swutscher) - Warum willst du nicht von deiner Musik leben?", "Sebastian Krumbiegel - Wie politisch darf Musik sein?", "Thees Uhlmann - Was bedeutet Erfolg für dich?" 

Marie Jainta

"Da muss man dabei gewesen sein"

Wir alle kennen sie: diese unangenehme Stille, die entsteht, wenn auf Teufel komm raus kein Gesprächsthema gefunden wird. Worüber kann ich bloß reden? Schon wieder über das Wetter? Lieber nicht. Auch Nina und Lotta von der Band Blond kennen diese Momente gut. Und genau deswegen haben sie sich etwas ausgedacht, um aus dem peinlichen Schweigen herauszuhelfen.

In ihrem Podcast „Da muss man dabei gewesen sein“ erzählen die Schwestern aus Chemnitz kurze persönliche Geschichten, die die Zuhörenden dann als ihre eigenen ausgeben können, um Beliebtheitspunkte zu sammeln. Klingt erstmal ein wenig bizarr, ist aber auch ziemlich amüsant. Voller Witz erzählen die Musikerinnen von Erfahrungen in ihrem Job an der Bar, plaudern über das Touren als Band oder sprechen über ihre Kindheit. Von absurden Stories bis zu lustigen Situationen, in denen sich jede*r mal wiederfindet, ist in den etwa einstündigen Episoden alles dabei. Dass Nina und Lotta sich in ihrem Podcast, wie gewohnt, nicht allzu ernst nehmen, zeigen auch die Folgen-Cover – wahre Photoshop-Meisterwerke, immer bunt und sympathisch kitschig.

Wie anwenderfreundlich das Ganze tatsächlich ist, lässt sich debattieren. Wenn aber mal ein bisschen Humor her muss oder das eigene Leben gerade nicht die spannendsten Geschichten bringt, dann ist „Da muss man dabei gewesen sein“ auf jeden Fall die richtige Podcast-Wahl. 

Episoden-Empfehlung: "Folge 27: Kindheit", "Folge 21: Bar", "Folge 18: Kunst", "Folge 4: Festivals"

Lina Kordes

"Bad Hotel"

Der Titel lässt eine Zusammenfassung der schlimmsten Bruchbuden auf Tour vermuten, dennoch verbirgt sich hinter „Bad Hotel“ etwas ganz anderes. Getreu dem Leitspruch „Am besten lernt man voneinander“ laden Singer-Songwriter Will Joseph Cook und Kumpel Daniel Huddlestone (selbst Songwriter und Illustrator) in ihren Podcast befreundete Gäste, die selbst in der Kreativbranche tätig sind. Ob Roadie Dan Wild, Radiomoderator Jack Saunders oder Musikfotografin Phoebe Fox – alle ermöglichen dem Publikum, aber auch den Moderatoren aufschlussreiche Einblicke in ihren Beruf, aber auch ihre persönliche Geschichte.    

Was zunächst nach belangenlosem Laberpodcast klingt, entpuppt sich schnell als spannendes Portrait begehrter, aber oft wenig transparenter Berufe. Cook und Huddlestone stellen als neugierige Gastgeber die richtigen Fragen, weshalb die meisten Folgen fast schon Ratgeber-Charakter haben - für junge Menschen mit dem Wunsch nach einem kreativen Job, aber auch für die beiden Moderatoren.

Episoden-Empfehlung: "Episode 4: 'A Body For Radio' - With Jack Saunders", "Episode 3: 'Shot by Phox' - With Phoebe Fox", "Episode 2: 'I Had a Good Time at The Rock Show' - With Dan Wild"

Ariane Seidl

"Homegirls"

Zu wenig weibliche Expertise in Rap-Deutschland? Derartige Thesen sollten spätestens nach dem Hören dieses Podcasts nochmal deutlich überdacht werden!  

In ihrem Podcast „Homegirls“ verbinden die beiden Ur-Leipzigerinnen Helen Fares und Josi Miller geballte Musik-Kompetenz mit wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen. Jeden zweiten Sonntag wird zusammen mit ausgewählten Gäst*innen über HipHop-Geschehen und Pop-Kultur diskutiert, philosophiert und geschmunzelt. Die Gästeliste der Beiden ist mittlerweile ziemlich lang und umfasst Persönlichkeiten aus allen möglichen Ecken der Musikbranche, seien es Moderator*innen, Journalist*innen oder Künstler*innen.

Josi glänzt im Podcast nicht nur durch ihr technisches Know-How, sondern auch durch ihre Connection zu zahlreichen Rapper*innen. Kein Wunder, denn seit 2017 tourt sie als DJ mit Rapper Trettmann durch die Republik. Den nächsten Schritt hin zu eigens produzierter Musik wagte Josi im Frühjahr 2020. Helen ist neben ihrer Arbeit als Journalistin und Moderatorin, zum Beispiel auf Festivals wie Splash! und Frauenfeld Openair, auch studierte Psychologin. Das kommt im Gespräch mit den geladenen Künstler*innen häufig in Form von tiefgehenden Fragen zum Hintergrund deren Arbeit zutage.

Ein kritischer Blick auf problematische Inhalte im HipHop sind bei den Homegirls genauso zentral wie eine lockere Gesprächskultur. Mit Moderatorin Hadnet Tesfai besprechen die Beiden zum Beispiel die Hürden aktivistischer Arbeit, während im Gespräch mit Zugezogen Maskulin skurrile Delfin-Videos analysiert werden. Immer mit dabei: Eine Schnellfragerunde aus dem Homegirls-Freundebuch, ein kurioser Wissenschaftsfakt und eine Playlist mit aktuellen Musiktipps. Im Juli 2020 droppte sogar ihre eigene, nachhaltig produzierte Merch-Kollektion.

Die „Homegirls“ erfüllen alles, was man sich von einem guten Musik-Podcast wünscht. Ein Gespräch mit diversen Gästen auf Augenhöhe, Authentizität und natürlich ganz viel guter HipHop-Input.

Vergangenen Sonntag erschien bereits die 115. Folge der „Homegirls“, zu Gast waren die Podcast-Kollegen von der „Wundersamen Rapwoche“. Die Folgen dauern meist zwischen 45 und 90 Minuten und sind auf Spotify, iTunes, MixCloud und Podigee zu hören.

Episoden-Empfehlung: "#110 Homegirls ft Zugezogen Maskulin","#108 Homegirls ft Hadnet Tesfai", "#97 Homegirls ft DISARSTAR"

Nelly Brändle

"Mental Mall"

Wie sähe ein Shopping-Trip durch die eigene Psyche aus? Laut den Musiker*innen Search Yiu und Mia Morgan mal locker-leicht, mal einsam, mal überfordernd. In ihrem Podcast „Mental Mall“ (produziert von DIFFUS) machen die beiden einen metaphorischen Spaziergang durch die gedankliche Einkaufspassage. Nur zu zweit oder mit Gästen spricht das Duo über mentale Gesundheit und alles drumherum. „Mental Mall“ ist ein ehrliches Gespräch unter Freund*innen, über kleine und große Probleme und die Freuden des Lebens. Indem Search Yiu und Mia Morgan von ihren eigenen Erfahrungen mit Depression, Borderline oder Essstörungen sprechen, machen sie Themen der mentalen Gesundheit für die Zuhörenden zugänglich und laden zum Spaziergang durch die eigene Mental Mall ein.

Episoden-Empfehlung: "Mentale Gesundheit in der Musikindustrie feat. Anne Löhr", "Depression feat. Miriam Davoudvandi", "Gestörte Wahrnehmung & Okkulte Festivals"

Lina Kordes

"Coffee & Flowers: A Podcast about The National"

Ausschweifend über die eigene Lieblingsband reden, ist für deren Die-Hard-Fans meistens keine allzu schwere Aufgabe – besonders, wenn man ein ähnlich enthusiastisches Gegenüber hat. Bei Christopher Hooton und David Rapson kamen neben ihrer Liebe zu den Alt-Rockern The National weitere glückliche Faktoren zusammen, um ihren Podcast „Coffee & Flowers“ zu starten. Die beiden verfügen einerseits über viel Fingerspitzengefühl und Fachwissen, um sich detailverliebt mit den Texten auseinanderzusetzen. Gleichzeitig helfen ihnen die richtigen Kontakte (Rapson arbeitet unter anderem als Musikjournalist), um andere spannende Stimmen zu Wort kommen zu lassen: die Bandmitglieder selbst, enge Freunde der Musiker und auch Kollaborateure, die sonst nur selten zu Wort kommen – allen voran Leadsänger Matt Bernigers Frau Carin Besser, die seit Jahren mit ihm die gelobten Texte The National‘s schreibt.

Eine Staffel ist dabei immer einem Album und eine Folge einem Song gewidmet. Rapson und Hooton spielen den Song ab, unterbrechen ihn aber regelmäßig, um über textliche oder musikalische Inhalte zu diskutieren. Ergänzt werden sie dann durch das Hintergrundwissen der Insider. Die leidenschaftliche, aber ruhige Gesprächskultur der Moderatoren, die Geschichten von Band & Co. sowie die Zeile-für-Zeile-Besprechungen ermöglichen dem Podcast deutlich mehr Zeit und Intensität, die einem Album in einem Interview nicht eingeräumt werden könnte.

Sicherlich setzt „Coffee & Flowers“ eine gewisses Grundinteresse für The National voraus, jedoch ist der Podcast abwechslungsreich und spannend gestaltet, weshalb es zu keiner plumpen Beweihräucherung wird. Da Recherche und Produktion sehr aufwendig sind, gibt es bisher nur eine Staffel zu The Nationals Breakthrough-Album „Boxer“. Viele Fans dürften die nächste Podcast-Staffel aber genauso sehnsüchtig erwarten, wie sonst nur ein neues The-National-Album.

Episoden-Empfehlung: "S1 Ep2: 'Mistaken For Strangers'", "S1Ep0: Welcome & Why", Season 1 Teaser

Ariane Seidl

 

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