Albenrezension: Blond

Musik ist unser Leben

Drei junge Menschen, eine Haarfarbe und ein Longdrink. Die Formation Blond veröffentlicht mit „Martini Sprite“ ihr Debütalbum. Zum Glück.
Blond
Blond: Nina Kummer, Johann Bonitz, Lotta Kummer

Blond kommen aus Chemnitz. Die Armen. Eine Stadt, die an Schönheit und Reiz kaum zu untertreffen ist - und daraus nicht mal einen Hehl macht. Aber das Trio (bestehend aus den Schwestern Lotta und Nina Kummer sowie ihrem Sandgrubenfreund Johann Bonitz) versteht es, aus jeder Schmach eine Tugend zu machen. Ihre Devise: Wenn deine Eltern dich in einer erzöden Stadt aufziehen, mach das Beste draus. Gründe eine Band. Zieh Outfits mit Pailetten an. Werde außerordentlich lustig. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Sie hatten ja nichts. 

Ihr erstes Album„Martini Sprite“  ist jetzt also „die Bestandsaufnahme einer ostdeutschen Jugend“. Dabei beantwortet es viel eher die Frage: Was wird aus jungen Menschen, wenn eine Stadt wie Chemnitz mit ihnen fertig ist?

Jede Zeile ein Oberarmtattoo

Hallo, wir sind „Blond“
Musik ist unser Leben
Das ist unser Album
Wir haben uns Mühe gegeben

- Blond, „Intro“ 

Schon das Intro von „Martini Sprite“ macht zweifelsfrei klar – wer Blond zu ernst nimmt, ist selbst schuld. Das Trio schien bisher beständig, doch nicht übertrieben hell am deutschen Indie-Himmel. Ein Umstand, den es zu ändern gilt. Schließlich wollen die drei nach eigenen Angaben Superstars werden. Und irgendwo muss man ja anfangen.

Blond texten über das Alltägliche, sind dabei aber so unterhaltsam wie möglich. In „Es könnte grad' nicht schöner sein“ erzählt Nina Kummer, wie ihr Menstruationsbeschwerden den Tag versauen. „Kälberregen“ ist eine Auflistung abstruser Träume – in der sie vom Verspeisen ihrer Schwester bis hin zur Verwandlung in einen Affen nichts auslässt. Und „Las Vegas Glamour“ beleuchtet mit Zeilen wie „Für ein Konzert sechs Stunden Autobahn / Und Nina hat mal wieder Magen-Darm“ den oft ernüchternden Arbeitstag der jungen Rockstars.

Dickpicks und Thorsten

Die Band schafft es, mit einer Mischung aus klugem Humor und dem leicht überheblichen Charme prägnant zu texten. In „Match“ behandeln sie das ewig leidliche Thema Online-Dating – und kommen zu dem Schluss, dass man dank unerwünschter Dickpicks und viel zu hoher Ansprüche genauso gut Single bleiben kann. „Thorsten“ richtet sich gezielt an Männer, die glauben alles besser zu wissen. Und „Sie“ beschreibt eindrücklich die Angst einer Frau auf dem nächtlichen Heimweg:

Mein Herz macht Bumm-Bumm
Ich fahr eine weitere Station Bumm-Bumm
Wenn jemand aussteigt wo ich wohn' 
Mein Herz macht Bumm-Bumm
Ich hätte so gern meine Ruh'
Doch da warst du, da warst du
Mein Herz macht Bumm-Bumm

- Blond, „Sie“

Ballern muss es 

Keine Frage: Inhaltlich legen Blond ordentlich vor, musikalisch fehlt es ihnen hingegen oft an Vielfalt. Bass, Keys und Schlagzeug – die Heilige Dreifaltigkeit der Blond – tragen die Platte zwar fürs Erste. Hört man aber genauer oder öfter hin, werden die minimalistischen Melodien schnell redundant. Und auch, wenn sich die Band teilweise in milde Hip-Hop-Gefilde begibt oder schwere Gitarren tönen lässt. Am Gesamtbild der Platte ändert das wenig. Textlich schwächere Songs wie „Hit“ oder „Sanifair Millionär“ laufen Gefahr, auf Dauer etwas langweilig zu werden. Wirklich dramatisch ist das aber nicht. Denn: Auch die schwächste Zeile auf „Martini Sprite“ ist absolut mitsingbar. Zusätzlich tröstet der einnehmende Charakter der Band über viele mögliche Kritikpunkte hinweg.

„Martini Sprite“ ist also kein makelloses Debüt. Teilweise wirkt es noch etwas lose zusammengeflickt und lässt zumindest musikalisch Abwechslung vermissen. Viel wichtiger ist aber: Das Album funktioniert. Mit ihren süffisanten Texten, dem trockenen Humor und der einnehmenden Selbstironie formen Blond eine Marke. Ihr Debüt hat weitaus mehr Charakter als viele andere, glatt polierte Erstlingswerke – und ist ihnen damit ein ganzes Stück voraus. Ihre Songs gehören nach wie vor auf die Bühne. Wo sie nicht analysiert, sondern mitgesungen werden. Und auch wenn die Fans von „Martini Sprite“ wider Erwarten enttäuscht sind: Blond dürften es verkraften.

Den Beitrag zum Nachhören gibt's hier:

Musikredakteurin Ariane Seidl über „Martini Sprite“ von Blond. Moderiert von Maximilian Enderling.
Musikredakteurin Ariane Seidl über „Martini Sprite“ von Blond. Moderiert von Maximilian Enderling.

 

 

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Blond: Martini Sprite

Tracklist:

1) Intro
2) Autogen
3) Nah bei dir
4) Es könnte grad' nicht schöner sein
5) Las Vegas Glamour*
6) Thorsten*
7) Match
8) Sie*
9) Kälberregen
10) Hit
11) Sanifair Millionär
12) Outro

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 31.01.2020
Beton Klunker Tonträger

mephisto 97.6 präsentiert:

Wer? Blond · „MARTINI SPRITE 2020“
Wann? 6. März 2020 · Einlass: 19:00 Uhr · Beginn: 20:00 Uhr
Wo? Leipzig, Werk2
Support? Special Guest
Veranstalter? Landstreicher Konzerte

Den Link zur Facebook-Veranstaltung gibt's hier

Die Show in Leipzig ist mittlerweile ausverkauft. Die restlichen Tourdaten gibt's hier:

20.02. - Wien, Fluc
21.02. - München, Hansa 39
22.02. - Zürich, Exil
26.02. - Stuttgart, Im Wizemann
27.02. - Wiesbaden, Schlachthof
28.02. - Köln, Gebäude 9
29.02. - Bremen, Lagerhaus
03.03. - Hamburg, Molotow
04.03. - Hannover, Musikzentrum
05.03. - Berlin, Lido