Musik-Highlights: KW 28

Monotone Straßen, luxuriöse B-Seiten

Ein ganz normaler Releasefreitag? Mitnichten! Die Musikhighlights halten widersprüchlichen Indierock, mittelmäßige Comebacks und B-Seiten-Unverschämtheiten bereit. Herzlich Willkommen!
KW 28
Die Musikhighlights in dieser Woche

Unser Album der Woche kommt von HAIM und trägt den Titel "Women In Music Pt. III". Unsere ausführliche Rezension findet ihr hier.

The Streets – None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive

Mixtape-VÖ: 10.07.2020

Mike Skinner ist zurück! Mit seiner Gruppe The Streets veröffentlicht er nach neun Jahren das erste Mixtape mit dem langen Titel: „None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“.

Und auf diesem kommt Skinner ab und zu fast schon anachronistisch herüber. Der Mainstream-Hip-Hop hat sich inzwischen an Künstler mit Größenwahnsinn und vielen Autos gewöhnt - so kommen einem die Texte von The Streets auf dem neuen Album fast schon ein bisschen langweilig vor, wie sie einfach von ganz alltäglichen Problemen und klingelnden Telefonen erzählen. Die altbekannte Monotonie in Mikes Stimme und Flow verstärkt diesen Eindruck nur.

The phone is ringing, the phone is ringing
Can't use it 'til it stops
I moan and listen, the tone emits
The only man in black, hi-viz jackets in the cab

Mike Skinner in "Call My Phone Thinking I'm Doing Nothing Better"

Dafür sind die Hooks sehr viel melodischer geworden und fast alle gesungen, meist von einem der vielen Featurekünstlern, wie zum Beispiel Tame Impala. Zum Glück, denn wenn sich Mike Skinner selbst dran versucht, klingt das leider gar nicht mal so gut, wie man auf dem Song „Take Me As I Am“ gut hören kann.

Doch das neue Album ist nicht komplett eintönig, denn das was bei Skinners Rap fehlt, wurde doppelt und dreifach in die Beats reingesteckt. Von mehr oder weniger passenden Off-Beats zu 808s und ganz verrückten Melodien ist alles dabei. Außerdem wurden hier und da R’n’B-Einflüsse eingefügt, um noch mehr Abwechslung reinzubringen.

„None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive“ ist ungefähr so anstrengend, wie es ist, seinen Titel auszusprechen. Obwohl die Platte sehr gut anfängt, lässt sie im Verlauf der 12 Tracks immer mehr nach. Doch für The-Streets-Fans ist das neue Mixtapes trotzdem empfehlenswert, auch wenn sich der Sound ein wenig verändert hat.

Emma Dressel

The Beths - Jump Rope Gazers

Album-VÖ: 10.07.2020

Die neuseeländische Band The Beths hat ein Händchen für Widersprüche. Schon auf ihrem Debütalbum „Future Me Hates Me“ gelang es der Band und insbesondere Frontfrau Elizabeth Stokes, introspektive Texte mit treibendem Indierock zu verbinden. Während das Debüt manchmal Schwierigkeiten hatte, sich in den richtigen Momenten etwas zurückzunehmen, ist der Nachfolger „Jump Rope Gazers“ etwas reifer geworden. Dafür sprechen unter anderem der Song „You Are A Beam Of Light“, eine tragische Ballade über das Ausgelaugt sein.

‘Cause we live in darker times
Open my eyes so I can see brighter
You are a beam of light
Maybe that’s why your battery runs dry

The Beths in "You Are A Beam Of Light"

Dass dabei nicht die Balance verloren geht, ist eine der größten Stärken der Platte. Denn obwohl der melancholische Ton der Texte nie verloren geht, behält es sich die Band vor, an einigen Stellen aufs Gaspedal zu treten. Bestes Beispiel hierfür ist „Dying to Believe“, das in der Bridge eher an einen gut gelaunten Surf-Rock-Song erinnert, zu welchem nicht unbedingt eine zerfleischende Selbstanalyse Stokes‘ passt.

I'm sorry for the way that I can't hold conversations
It's such a fragile thing to try support the weight of
It's not that I don't think that my point of view is valid
It's just that I can't stand the sound of my own patterns

The Beths in "Dying to Believe"

Andererseits ist die Platte keine musikalische Erleuchtung. So gelungen die Songs teilweise auch sind, unfassbare Innovation ist hier nicht zu erwarten. Nichtsdestotrotz: „Jump Rope Gazers“ ist ein Fortschritt für die Neuseeländer*innen, denn endlich hat die Band ein gutes Pacing gefunden. Wenn jetzt noch ein markanterer Sound kommt, kann es für die Band eigentlich nur noch aufwärts gehen.

Scott Heinrichs

NZCA Lines - Pure Luxury

Album-VÖ: 10.07.2020

Der Brite Michael Lovett wirkt, als wäre er der spannendste Gast auf jeder Cocktailparty. Zum einen, weil er mit seinen schrillen Outfits und dem kühlen Blick jene Art von Look perfektioniert hat, die man wohl „Chic“ bezeichnet. Zum anderen, weil er sicher einige Geschichten zu erzählen hat. Als Session-Musiker für Christine and the Queens und Tour-Mitglied von Metronomy hat er schon mit einigen extrem hippen Künstlerpersönlichkeiten zusammengearbeitet. Aber auch als Mastermind seiner eigenen Gruppe NZCA/LINES hat er bereits seine eigene (Kopf-)Stimme etabliert.

Mit deren dritten Album „Pure Luxury“ könnte auch ein größeres Publikum mit Lovetts Falsett Bekanntschaft machen. Darauf zeigen NZCA/LINES astreinen Gute-Laune-Pop, eine schwer ansteckende Mischung aus basslastigem 70s-Disco, Funk und modernem Synthie-Pop, der wiederum an musikalische Paradiesvögel wie Everything Everything und die bereits erwähnten Metronomy erinnert. Das Ganze klingt mit Streichern und Chorarrangements nicht selten jenseits von Kitsch, macht aber einfach richtig viel Spaß. Groovy Baby!

Martin Pfingstl

Sufjan Stevens - My Rajneesh

Single-VÖ: 10.07.2020

Für die Folk-Ikone Sufjan Stevens war 2020 bis jetzt ein äußerst geschäftiges Jahr. Ende März erschien das etwas unterkühlte Ambient-Album „Aporia“ zusammen mit seinem Stiefvater Lowell Brams, für September hat er bereits die nächste Platte „The Ascension“ angekündigt. Und nicht nur das: Letzte Woche veröffentlichte er die 12-Minuten-Mammut-Single „America“, nur um jetzt mit dem 10-Minuten-Track „My Rajneesh“ nachzulegen.

Und Letzterer ist Sufjan Stevens in absoluter Hochform. Denn in den 10 Minuten Laufzeit erfindet sich der Song faszinierenderweise immer wieder neu und das, ohne willkürlich oder durcheinander zu klingen. Melancholische, aber verspielte Gitarren à la „Mystery Of Love“ steigern sich langsam in ein monumentales Crescendo; darauf folgt abrupt ein glitchy Interlude, ein erneutes Bläsercrescendo und schließlich ein warmes Ambient-Outro. Dass der Song an einigen Stellen an das 2010er-Album „The Age of Adz“ erinnern, ist kein Zufall: Stevens sampelt sich selbst, indem er die Chöre aus „Vesuvius“ recycelt.

Trotzdem ist „My Rajneesh“ die größte Dekadenz des Jahres. Denn so gut der Song auch ist: Er ist nicht auf dem nächsten Album des Detroiters, sondern lediglich eine B-Seite zur Single „America“. Das ist schade, denn „My Rajneesh“ ist einer der besten Songs der neueren Sufjan-Stevens-Diskografie. Man ist also geneigt davon auszugehen, dass „The Ascension“ einfach noch bessere Songs auf Lager hat. Mit solchen B-Seiten muss sich Stevens jedenfalls nicht für ein musikalisch langweiliges 2020 verantwortlich fühlen.

Scott Heinrichs

 

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The Streets - "None Of Us Are Getting Out Of This Life Alive​"

 

The Beths - "Jump Rope Gazers"

 

NZCA Lines - Pure Luxury

 

Sufjan Stevens - My Rajneesh

 

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