Frisch Gepresst: Run The Jewels

Mitten im Jetzt

Die aktuell vielleicht politischste Gruppe im Hiphop veröffentlicht ihr heißerwartetes viertes Album auf dem vorläufigen Höhepunkt der Protestbewegung gegen Polizeigewalt in den USA. Schon lange klang Musik nicht so sehr nach dem Moment wie hier.
Run the Jewels, RTJ4
Killer Mike + El-P = Run The Jewels

Das atemlose Video zum Song „Close Your Eyes (And Count to Fuck)“ aus dem Jahr 2014 zeigt einen jungen Afroamerikaner und einen weißen Polizisten, die sich auf offener Straße einen scheinbar sinnlosen, brutalen Ringkampf liefern. Das Video verleiht den Spannungen zwischen der US-amerikanischen Polizei und besonders dem schwarzen Teil der Bevölkerung eindrucksvolle Bilder. Dabei entstand der Song zu einer Zeit, als die zahlreichen Übergriffe von Mitgliedern der Polizei auf Angehörige von Minderheiten zu ersten nationalen Protestaktionen und dem Beginn der Black Lives Matter Bewegung geführt hatten. Was damals medial häufig noch kleingeredet wurde, hat sich inzwischen zu einem Lauffeuer entfacht. Anderthalb Wochen nach der brutalen Tötung des 46-jährigen George Floyd durch einen Polizisten, kommt es in sämtlichen US-Bundesstaaten zu Massendemonstrationen, infolge derer es wiederum zu zahlreichen gewaltsamen Übergriffen durch die Polizei kommt. Auf den Straßen und im Internet wächst die Wut über Polizeigewalt zunehmend. Genau in diesem Moment veröffentlichen Killer Mike und El-P, die beiden Köpfe hinter der Hiphop-Gruppe Run The Jewels und dem oben erwähnten Song, nun ihr heißersehntes viertes Album.

Texte wie ein Molotov-Cocktail

Dass das Album nicht nur den Erwartungen ihrer Fans, sondern auch dem politischen Moment gerecht wird, beweisen Run The Jewels gleich im ersten Song. „Yankee and the Brave“ öffnet mit einer wilden Stakkato-Beat-Salve, über der die beiden Rapper nicht nur angemessen großspurig ihre Rückkehr verkünden, sondern auch gleich Platz für folgende aggressive Zeile finden:

I got one round left, a hunnid cops outside

I could shoot at them or put one between my eyes

Chose the latter, it don't matter, it ain't suicide

And if the news say it was that's a goddamn lie

I can't let the pigs kill me, I got too much pride

And I meant it when I said it, never take me alive

Yankee and the Brave

Solche Zeilen erinnern einerseits an die längst vergangene Hochzeit des Gangstarap, der die beiden Oldschoold-Veteranen gerne Tribut zollen. Andererseits machen El-P und Killer Mike aber auch hier schon klar: am Ende gewinnt immer der Polizeiapparat. Dem Album insgesamt gelingt der Drahtseilakt zwischen prahlerischer Selbstbehauptung und nachdenklichen politischen Statements. So findet man beispielsweise in „Walking in the Snow“ unter der Oberfläche eines Headbanger-Tracks einiges an hartem Tobak. Killer Mike nimmt hier Bezug auf den durch Polizeigewalt verursachten Tod von Eric Garner im Jahr 2014, inklusive dessen berühmt gewordenem Hilferuf „I can’t breathe“. Die noch 2019 geschriebene Zeile hat nach dem Tod George Floyds wieder an unangenehmer Aktualität dazugewonnen. Noch expliziter wird die Aussage, wenn El-P im selben Song zu gruppenübergreifender Solidarität aufruft:

Funny fact about a cage, they're never built for just one group

So when that cage is done with them and you're still poor, it come for you

The newest lowest on the totem, well golly gee, you have been used

You helped to fuel the death machine that down the line will kill you too

Walking in the Snow

Harte Ehrlichkeit, gänzlich ohne gespielte Sentimentalität und gemischt mit einer gesunden Portion Agitprop lassen Run The Jewels solche Zeilen wie selbstverständlich zwischen ihren sonst oft großspurigen Lyrics unterbringen, ohne dabei ins Stolpern zu kommen. Dabei haben die beiden Brüder im Geiste aber auch immer ein gesundes Maß an Humor vorzuweisen. So solidarisiert sich Killer Mike im Song „The Ground Below“ mit Sexarbeitenden im Kampf für finanzielle Selbstbestimmung, ohne dabei sein Augenzwinkern zu vergessen:

Not a holy man but I'm moral in my perverseness

So I support the sex workers unionizing their services.

The Ground Below

Die pointierten Texte sind aber bei weitem nicht das einzige As, welches RTJ auf ihrem vierten Album im Ärmel haben. Auch musikalisch zeigt sich das Duo von seiner besten Seite. El-P, der neben seinen Rap-Parts wie immer auch die Produktion übernommen hat, hat für RTJ4 die vielleicht besten Beats seiner bisherigen Karriere gebastelt. War die Produktion auf dem Vorgänger RTJ3 von 2017 noch stark von kalten, schweren Industrial-Sounds beeinflusst, zeigt sich das neue Album bei aller Aggressivität bunt und verspielt wie nie zuvor. Klavier, Gitarre und Blasinstrumente, mal live eingespielt oder in Sample-Form, tummeln sich gut vermischt in der gesamten Trackliste, im Hintergrund verstecken sich überall kleine aber feine Details. Kurzgeschnittene Chor-Samples sind ebenso ein effektiv genutztes Stilmittel und lassen beispielsweise den heftigen Beat auf „Out of Sight“ wie eine Links-Rechts-Kombo mitten ins Gesicht wirken. Die wabernden Synths auf „Never Look Back“ schaffen eine echte Sci-Fi-Atmosphäre und der Subbass auf „JU$T“ lässt garantiert niemanden kalt.

Apropos „JU$T“: Auch die Features auf „RTJ4“ sind fein ausgewählt. Hier gehört das Rampenlicht nicht nur Superstar Pharrell, sondern vor allem RATM-Frontmann Zack De La Rocha. Dieser hatte Run The Jewels schon auf dem oben besprochenen „Close Your Eyes (And Count to Fuck)“ zu ihrem vorläufig größten Erfolg verholfen. Hier beweist er aufs Neue, warum seine zuletzt selten gewordenen Auftritte immer noch ein Ereignis bleiben, wenn mit voller Brust die Hook herausschreit und dabei die beißende Kapitalismuskritik des Songs auf den Punkt bringt:

 Look at all these slave masters posin' on yo' dollar!

JU$T

Ebenso beeindruckend ist der Auftritt der 80-jährigen Soul-Legende Mavis Staples, die auf „Pulling the Pin“ den epischen Refrain intoniert. Einzig Queens-of-the-Stone-Age-Frontmann Josh Homme, der auf dem gleichen Song Gitarre spielt, bleibt im Mix hier ungewohnt anonym.

 

Fazit:

Auf ihrem vierten Album fängt das Duo Killer Mike und El-P nicht nur den politischen Moment ihrer Heimat perfekt ein; sie schaffen dabei auch ihr bisher bestes Album. RTJ4 strotz nur so voller Kraft, mit jederzeit pointierten Texten und einem epischen Sound. Die Trackliste ist dabei absolut konzise und frei von überflüssigem Ballast; die Stücke fließen regelrecht ineinander. Trotz der schweren Thematik ist das Album in keinem Moment sperrig; Humor und Leichtigkeit finden sich fast überall. So wirkt RTJ4 wie der logische Endpunkt im bisherigen Schaffen des Hiphop-Duos. Zudem haben El‑P und Killer Mike der Welt hiermit im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschenk gemacht: das Album lässt sich nicht nur wie üblich im Handel kaufen, sondern auch kostenlos auf der Run‑The‑Jewels‑Homepage herunterladen (Link unten). Die Widmung verpacken Run The Jewels auch gleich in den letzten Worten des Schlusstracks:

This is for the do-gooders that the no-gooders used and then abused

For the truth tellers tied to the whippin' post, left beaten, battered, bruised

For the ones whose body hung from a tree like a piece of strange fruit

Go hard, last words to the firing squad was, "Fuck you too"

A Few Words for the Firing Squad

 

Downloadlink: https://uk-preorder.runthejewels.com/products/rtj4-download

 

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Martin Pfingstl
09.06.2020 - 11:25
  Kultur

Run The Jewels: RTJ4

Tracklist:

01. Yankee And The Brave*
02. Ooh LALA (Feat. Greg Nice and DJ Premier)
03. Out Of Sight (Ft. 2 Chainz)*
04. Holy Calamafuck
05. Goonies Vs. ET
06. Walking In The Snow *
07. Ju$t (Feat. Pharrell Williams and Zack De La Rocha)*
08. Never Look Back
09. The Ground Below
10. Pulling The Pin (Feat. Mavis Staples and Josh Homme)*
11. A Few Words For The Firing Squad (Radiation)

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 03.06.2020
Jewel Runners / BMG