Bewegungskunstfestival

Mitmach-Theater kann Spaß machen!

1. Regel: Komme beim Schlussapplaus auf die Bühne! - 2. Regel: Nimm jemanden mit! - Und dann rutscht dir das Herz erstmal in Hose. Ich soll auf die Bühne? Ich werde meine Komfortzone als Zuschauer verlassen!
Aktion schafft Reaktion! Die freie Szene feiert sich und begeisterte Besucher feiern mit.

Die ersten Gedanken, nachdem einem langsam klar wird, wo man da hineingeraten ist. Und, wie wird das bei den anderen beiden werden? Aber beginnen wir von vorne.

Freie Szene: Ein Festival fand statt. 3 Tage - 5 nominierte Inszenierungen - Ein Bewegungskunstpreis.

Gut, ich bin dabei. Theater ist eine Kunst zum Anschauen. 3 von 5 Stücken hatte ich mir vorgenommen anzuschauen.

Grenzen überwinden im Fightclub

Eingestiegen bin ich bin mit FIGHT! PALAST #membersonly im LOFFT. Eine Performance um das Thema der "Generation Y" unter Verschmelzungen der Kultromane Generation X und Fight Club! Schnell bekommt man als Zuschauer mit, dass die drei über sich reden und keine vorgefertigten Charaktertexte wiedergeben. Es braust, ist laut. Synchron und wieder individuell.
Vielleicht ist es hier und da doch etwas Überemotionalisiert!? Aber dafür stehen sie ja auf der Bühne! Improvisieren die gerade? Hat der das wirklich erlebt?
Einige beschriebene Situationen kommen mir bekannt vor. Beispielsweise wenn man versucht seinen Eltern die Kunst, die man ausübt nahe zu bringen und dabei selbst an seine Grenzen des Verständnisses von Kunst kommt. Generationsprobleme der Selbstfindung, und Selbstoptimierung unter dem schweren Mantel der Freiheit. Die drei verteilen sich ins Publikum und nehmen schwatzend platz. Hinter mir sitz Nina, wie ich erfahre. Sie redet mit einem jungen Mann über Schlafzustände. Ich höre mit einem Ohr zugewandt hin. Ich versuche zu verstehen. Träume, Verfolgungsträume! Sie tippt mich an und fragt ob ich das auch kennen würde. Wir kommen ins Gespräch und sie steckt mir einen Zettel zu, mit der Bitte, den Inhalt für mich zu behalten und das sie nach der Vorstellung gerne noch ein wenig mit mir über den Verfolgungs-Messerstecher-Traum plaudern möchte.

 

Ok. 2 Regeln stehen auf dem Zettelchen:
1. Regel: Komme beim Schlussapplause auf die Bühne! 
2. Regel: Nimm jemanden mit! Großartig.

Ich bin schnell mit einem Gefühl von Lähmung und Aufregung konfrontiert. 
Der Kickboxkampf beginnt. Betont wird, dass man im Zweikampf, ganze 100 % Aufmerksamkeit vom Gegenüber bekommt. Nach Aufforderung mache ich Fotos. Adden! Verlinken! Bei Facebook posten! Ich bin schon mittendrin wie einige andere Zuschauer auch und die Einheit wird am Ende mit drei stattfindenden Workshops verstärkt.  Am Ende des Abends habe ich kein Theaterstück besucht sondern war Teil eines Grenzen-überwindendes Happenings. Und ja, ich war auf der Bühne und habe mich mit den Protagonisten vorm Publikum verbeugt.

Ich finde das Alles schon einmal gut und freue mich auf den nächsten Tag, der mich schon früh aus dem Bett holen wird.

Feen und Motorsägen und ich mittendrin

10 Uhr beginnt die Performance Wald von Heike Hennig. Ein künstlerischer Streifzug durchs Grün von Leipzig. Ich schaffe es nicht pünktlich komme eine halbe Stunde später am Treffpunkt Sachsenbrücke an. Menschenleer. Aber die Route wurde veröffentlicht, ich begebe mich auf die Suche durch den Auwald. Ich überquere eine kleine Brücke und sehe einen älteren Mann im Dickicht stehen, der an irgendetwas baut. Ich frage ihn, ob ihm eine Performancegruppe begegnet sei. Bejahend schickt er mich den Weg entlang, den die Gruppe später wohl auch einschlagen würde, ich können ihnen entgegenlaufen. Bei der großen Wiese soll die Hauptvorstellung stattfinden. Ich laufe und lausche, bis ich zur großen Wiese komme - da sehe ich von Weitem eine Traube Menschen.

Euphorisiert davon, dass ich gerade tatsächlich im Wald entdeckt habe was ich gesucht habe, bin ich auch schon Teil davon. Ein Mädchen fragt mich ob ich schon mit jemanden gehe. Ich verneine und sie erklärt mir, dass wir uns pärchenweise zum nächsten Punkt bewegen sollen. Ich frage sie ein wenig darüber aus, was ich verpasst habe, da werden wir auch schon von unserer exotischen, feengleichen Reiseführerin unterbrochen. Von einem auf den nächsten Moment finde ich mich tanzend mit mir fremden Menschen im Kreis. Ich wandere in der Choreografie von einer Person zur nächsten. Die Schritte verwirren mich. Vier Schritte vor und zurück und drehen und rückwärts und unten durch! Plötzlich durchquert ein majästischer Kaltblüter unseren Tanzkreis. Immerwieder tauchen fabelhafte maskierte Kreaturen zwischen Sträuchern und Bäumen auf, untermalt von zauberhaften und unheimlichen Klängen verschiedenster Instrumente. Wenn ich Kind wäre hätte mir das Ganze stark Angst gemacht. Wir wandern, entdecken und staunen. Man ist herausgerissen aus Zeit und Raum. 

Der Höhepunkt sind jaulende Motorsägen. Der Herr, den ich nach dem Weg gefragt hatte, lässt sie aufjaulen. Der Besuch im Wald ist ganz plötzlich zu einer phantastischen Reise geworden und ich habe das Gefühl, keiner von uns möchte, dass dieses Schauspiel mit dem Applaus sein Ende findet. 

Was unsere Reporterin im Wald so erlebt hat..
Bewegungskunstpreis Wald Athmo und Gespräch
 

Erzählungen hautnah

Die dritte Vorstellung noch am Abend des gleichen Tages: Camus in der Schaubühne Lindenfels. Eine Inszenierung des Schau-Ensambles lässt Camus Sisyphos Triologie und autobiografische Romanfragmente "Der erste Mensch" lebendig werden.
Am Eingang warten noch einige Leute auf Karten und Plätze. Es ist begrenzt und ich solle mich auch noch etwas gedulden. Ich werde von einer jungen Frau mit aufgeregtem Blick beiseite genommen und sie gibt mir Instruktionen, wie ich mich verhalten soll. Die Plätze sind abgezählt. Das Publikum wird in 3 Gruppen aufgeteilt. Wir beginnen im Saal und wandern durch die Hinterräume der Schaubühne. Wir begegnen Camus' Erzählungen aus den verschiedensten Blickwinkeln von ganz nah bis hin zu weit distanziert und wechseln die Örtlichkeiten, gezählt sieben mal. Im Kinoraum beobachten wir die Schauspieler, umgekehrte Perspektiven: wir sitzen auf der Seite der Leinwand, die Schauspieler auf den Sitzplätzen. Intimitäten in einer circa 15m²-Wohnzimmersituation im 50er Jahre Stil, wir belauschen ein Männergespräch über Verehrung, Persönlichkeit und Zweifel bei Wein, Trauben, Käse und schwerer Luft.

Die Bewegung macht es leichter dieser intelektuellen Lektüre zu folgen. Sie macht es möglich, dass jede Szenerie für sich wirken kann. Der Geist des Zuschauers wird mit jedem Wandel entstaubt, frei gemacht. Das verbirgt sich nun also hinter dem Titel der "Bewegungskunst" in der Freien Szene.

Bei der Gruppenzuteilung erfährt unsere Reporterin, was sie bei den unterschiedlichen Stationen von "Camus" erwartet
Bewegungskunstpreis camus gespräch

Preisverleihung

Ein charmant aufgeregter Moderator und eine dreiköpfige Band mit Kontrabass, Gitarre und diversen Schlaginstrumenten. Die fünf Nominierten werden nochmal nacheinander auf die Bühne geholt und vom Moderator kurz um ihre Befindlichkeit interviewt. Auf einer Leinwand werden alle 25 Bewerber vorgestellt. Vergeben werden eine Hauptpreist und ein Sonderpreis.

 

And the winner is...

DARK STAR FIGHT THE BOMB FIGHT THE CRISIS.

Der Sonderpreis ging an Abgänge. Nach Markus Werner.

Leider ausgerechnet die, die ich nicht sehen konnte. Die Jurybegründung hat mich dann noch neugieriger gemacht.

 

Und was bleibt hängen?

Jetzt fängt es bei mir resümierend an zu rattern. Bei jedem besuchten Stück wurde das Publikum aufgefordert mitzumachen. Bei dem einen mehr und dem anderen weniger. Die Bewegungskunst war zu einem großem Ganzen geworden. Vom ursprünglichen Gedanken, mich berieseln zu lassen, der Kunst der Bewegung sitzend zuzuschauen, wurde ich herausgerissen. Es ist ein Gedanke der mir gefällt: Die Grenzen der Bühne, die Grenze der Schauspieler zum Publikum verwischen und greifbarer zu machen! Dabei auch als Zuschauer zu erkennen, dass es dem Ausdruck der Kunst keinen Abbruch tut, wenn man sich den Protagonisten annähert, eine Spannung entsteht, die aber jede Berechtigung besitzt. Man ist als Zuschauer meistens eh schon sehr sensibel und fast übervorsichtig, weil man ja nichts "kaputt" machen möchte. Also, herausgetreten!
 

Für alle die, die sich auf überraschende Reisen-"Der Weg ist das Ziel" einlassen können und gewohnte Theater-Konventionen verlassen möchten. Die nächste Preisverleihung findet am ersten Samstag im Februar 2017 statt, dann mit Stücken aus der Spielzeit 2015/16. Ich trage es mir schon mal in den Kalender ein.

 

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Christin Raschke
11.02.2016 - 12:59
  Kultur

mephisto97.6-Reporterin Christin Raschke berichtet über ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen beim Bewegungskunstpreis-Festival.