Rediscovered: High Violet

Mit der Angst sind wir nie ganz fertig

Heute vor zehn Jahren erschien „High Violet“, das fünfte Studioalbum von The National. Musikredakteurin Ariane Seidl über die Entstehung, die Tücken und die aktuelle Relevanz der Platte.
The National
Ein Jahrzehnt nach seiner Veröffentlichung gilt ihr fünftes Album der US-Amerikaner als eines der wichtigsten ihrer Karriere.

Es ist 2020 und die Welt versinkt im kollektiven Unmut. Nicht mal mehr Musik scheint uns retten zu können: Wegen einer weltweiten Pandemie dürfen keine Konzerte stattfinden, die Releasedates ersehnter Alben verändern sich stündlich und Grimes’ neugeborener Sohn heißt wie ein verchromter Toaster für reiche Menschen.

Bei so vielen seltsamen Ereignissen bietet es sich an, sich für einen Moment den Blick vom aktuellen Zeitgeschehen abzuwenden und schwelgerisch in die Vergangenheit zu schauen. In vielleicht nicht bessere (irgendwas ist immer), aber andere, „einfachere“ Zeiten. Ich denke spontan an das Jahr 2010.

Damals bin ich 13 Jahre alt und habe bestimmt viele Probleme, denn ich bin 13 Jahre alt und das ist ein furchtbares Alter. Matt Berninger, Frontmann von The National ist damals 39 und wenn wir seiner gerade erschienenen Platte „High Violet“ Glauben schenken dürfen, dann ist 39 auch ein furchtbares Alter. Er ist seit zehn Jahren in einer Band, die sich ohne merklichen Erfolg abschuftet. Neben ihm besteht die Band aus zwei Brüderpaaren (Aaron und Bryce Dessner, wahlweise an Gitarre und Klavier; Scott und Bryan Devendorf an Bass und Schlagzeug), weshalb es andauernd zu zähen privaten und beruflichen Streitereien kommt. Außerdem ist er gerade Vater geworden und vom Leben als solches überfordert. Hervorragende Grundvoraussetzungen für ein sehr starkes, aber auch sehr trauriges Album.

Viel Druck, aber bloß keine Hits

„High Violet“ verdankt seinem Namen der Einstufung von Gefahrenstufen der New Yorker Behörden nach 9/11 („high orange“ wäre hier die größtmögliche Bedrohung) und sagt allein damit schon einiges aus über den Zustand seiner Verfasser. Es ist ein unruhiges und ängstliches Album. Es ist aber auch die Hoffnung auf eine langersehnte Spielwende.

In der Karriere The Nationals stellt es einen wichtigen Schritt dar: Ihre drei ersten Alben verschwanden weitestgehend unbemerkt in der Versenkung (Matt Berninger, sinngemäß: „weil sie scheiße waren!“). Der Groschen fällt langsam, auch oder vor allem dank Michael Stipe (R.E.M.), welcher ihnen folgenden Tipp gab: „Damit sich deine Band lange hält, musst du entweder viele Hits schreiben oder gar keinen“. Und The National haben keinen Hit, keine Singles tauglich für Apple-Werbespots. Entweder man nimmt sie ganz oder gar nicht. Mit dieser Einsicht geht es bergauf. „Boxer“ (2007) öffnet langsam die Tür zum nationalen und internationalen Erfolg. „High Violet“ ist danach der dringend benötigte Fuß in der Tür.

Das Album entsteht also unter dem Druck, gut sein zu müssen. Doch dann geht direkt zu Beginn alles schief: Die ersten Arbeiten an der Platte waren gerade erst gestartet, als sie zu einem abrupten Ende kommen. Berningers Großmutter stirbt. Als er von der Beerdigung nach Hause fliegt, reißt ihm (aufgrund einer unglücklichen Mischung aus Luftdruck und einer ernsten Grippeerkrankung) das Trommelfell. Für die vorhersehbare Zukunft ist er halbseitig taub und die Arbeiten an der Platte auf Eis gelegt. The National haben dadurch Zeit, das ganze Projekt nochmal zu durchdenken. Wollen wir dieses Album wirklich machen? Wollen wir wirklich noch in dieser Band sein? Glauben wir, dass wir das Zeug dazu haben? Nachdem sie alle Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten können, stellen sie das Projekt „High Violet“ mit etwas Verzögerung fertig.

Der Autor will sich tot sehen

„Terrible Love“, heute einer der bekanntesten und beliebtesten The-National-Songs, eröffnet die Platte nahezu prunkvoll. Die vollen Arrangements der Dessner-Zwillinge schwellen fluteartig und entladen sich schließlich zu Bryan Devendorfs preschendem Schlagzeug. Die Bandmitglieder bezeichnen viele ihrer Songs als „schnelle langsame Songs“, was hauptsächlich auf Devendorfs Fähigkeiten zurückzuführen ist. Er spielt schnelle, anspruchsvolle Schlagzeugsequenzen, welche jedoch in der oft bedächtigeren Grundstimmung vieler The-National-Stücke eingesetzt werden. Das hilft, die Musik so aufgewühlt klingen zu lassen, wie sich die Texte meist anfühlen. Und Bryan Devendorfs Einfluss hört da nicht auf: „Sorrow“ sei laut dem Rest der Band hauptsächlich durch ihren eigenbrödlerischen Drummer inspiriert worden.

The National schaffen mit ihrer Musik oft Dinge, die in der Theorie widersprüchlich klingen, in der Praxis aber wunderbar funktionieren. Ihre Songs sind gleichzeitig langsam und schnell, ihre Texte vage und eindeutig. Berninger schreibt seine Lyrics seit Jahren gemeinsam mit seiner Ehefrau Carin Besser. Beiden seien Fans von jeder Kunst, bei der man die Schaffenden zwar noch erkennt, aber genauso gut selbst mit ihr verschmelzen und die Geschichte zur eigenen machen kann. So ist „Sorrow“ sicherlich auf eine Art das skizzierte Portrait des Schlagzeugers, für Außenstehende aber eben auch eine fantastische Beschreibung zermürbender Angst und Traurigkeit, bis hin zur Depression:

Sorrow found me when I was young
Sorrow waited, sorrow won
Sorrow, they put me on the pill
It’s in my honey, it’s in my milk

– The National, „Sorrow“

„Afraid Of Everyone“ ist das harsche Zusammentreffen zweier Ängste, die Berninger in dieser Zeit besonders begleitet haben: die lähmende, durch die Medien befeuerte Angst um den aktuellen Stand der Welt („Venom radio and / Venom television“) und die erdrückende Panik, die seine Verantwortung als frischgebackener Vater mit sich bringt („With my kid on my shoulders I try / Not to hurt anybody I like“). Gehüllt in ein beunruhigendes, gespenstisches Gewand werden diese Sorgen – besonders in Krisenzeit – nachvollziehbarer denn je. (Ein Teil des Lobs verdient hier auch Sufjan Stevens, der deutliche Impulse für den Song gegeben habe.) „Bloodbuzz Ohio“ ist eine schleierhafte Auseinandersetzung mit einem früheren Ich und der eigenen Kindheit und „England“ erzählt mit der verletzten Sturheit eines enttäuschten Kindes vom Verlust einer geliebten Person:

Someone send a runner
Through the weather that I’m under
For the feeling that I lost today?
Can someone send a runner
For the feeling that I lost today?
You must be somewhere in London
You must be loving your life in the rain
You must be somewhere in London
Walking Abbey Lane

– The National, „England“

Aber nicht alle Texte sind (mehr oder weniger) autobiografisch. Auf dem verzehrend schweren „Lemonworld“ besingt Berninger wunderschön bebildert einen fiktiven Rückzugsort im hektischen New York: 

So happy I was invited
Gave me a reason to get out of the city
See you inside watching swarms on TV
Livin’ and dyin’ in New York, it means nothing to me
I gave my heart to the Army
The only sentimental thing I could think of
With cousins, and colours and somewhere overseas
But it’ll take a better war to kill a college man like me
I’m too tired to drive anywhere, anyway right now
Do you care if I stay?
You can put on your bathing suits
And I’ll try to find somethin’ on this thing that means nothin’

– The National, „Lemonworld“

Verbundenheit durch Anonymität

Es steckt immer genug von Berninger und Besser in den Zeilen, um dem Ganzen eine verständliche Richtung zu geben, aber eben so wenig, dass wir unsere eigenen und persönlichen Geschichten hineindichten können. Dadurch entsteht ein Gefühl der Verbundenheit, aber auch die Sicherheit, einen Teil ganz für sich zu behalten. Es entsteht die seltene Möglichkeit, sich auf eine Art verstanden und getröstet zu fühlen, ohne die vorgekaute Geschichte des Erzählers nachspielen zu müssen. Befragt man zehn The-National-Fans zu ihrer Interpretation eines beliebigen Songs, erhält man wahrscheinlich zehn verschiedene – und fragt man die Band, dann kommt noch eine dazu. Einer der wenigen Momente vollständiger Einigkeit bringt „Vanderlyle Crybaby Geeks“. Der abschließende Song auf „High Violet“ ist inzwischen eine heiß geliebte Zugabe auf Konzerten, wo die Band akustisch performt und ihnen mittlerweile tausende Menschen die markante Zeile „All the very best of us / String ourselves up for love“ entgegen schmettern.

Der verkappte Optimismus 

Die zehn Songs lassen einen (selbst für The-National-Verhältnisse) gebeutelt zurück. Es ist eine sehr gut ausgestattete Geisterbahnfahrt durch alle möglichen menschlichen Ängste: Einsamkeit, Verlust, Ungewissheit, Versagen, Machtlosigkeit. Dadurch scheinen die Songs, gerade jetzt, zunächst schwer zu ertragen. Doch das Gegenteil ist der Fall: „High Violet“ ist die tröstliche Erkenntnis, dass irgendwo ein anderer Mensch schon mal dasselbe gefühlt hat wie ich. Seine Person und seine Situation waren eine gänzlich andere, aber die Gefühle den meinen gleich oder zumindest ähnlich. Das hilft in einer Zeit, in der es keine klaren Antworten gibt.

Und für The National selbst ist der Ton der Platte auch ein hoffnungsvoller: Die Songs sind zu Tode betrübt, klar. Aber sie sind geschrieben und haben ihren Platz in der Welt, also müssen die Menschen dahinter es nicht mehr sein. Und „High Violet“ erzähle eben auch viel über die eigene Entwicklung und die Anpassungsfähigkeit der Menschen in schwierigen Umständen. Zwischen dem ganzen Verlust und der Panik steht eben auch die Botschaft, dass wir Krisen überleben und immer noch sein können, wer wir versuchen zu sein. Das dauert vielleicht, aber im Moment bewegt sich ja eh nicht so viel.

 

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The National: High Violet

Tracklist:

1) Terrible Love
2) Sorrow*
3) Anyone’s Ghost
4) Little Faith
5) Afraid Of Everyone*
6) Bloodbuzz Ohio*
7) Lemonworld*
8) Runaway
9) Conversation 16
10) England
11) Vanderlyle Crybaby Geeks*

Erscheinungsdatum: 07.05.2010
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