Das lange Interview mit zwei Fotografen

Mikrofon statt Kamera

M19 hat das Tonstudio gegen ein Fotostudio getauscht und die Fotografen Eric Kemnitz und Martin Neuhof in ihrem Atelier besucht. Dabei wurde viel erzählt – unter anderem über das fotogene Leipzig, die Fotografie an sich und ihre politische Seite.
Interview mit Fotografen Neuhof und Kemnitz
Moderatorin Lisa Tuttlies freut sich mit den Fotografen Eric Kemnitz (links) und Martin Neuhof auf das Interview.

Leipzigs Künstlerszene ist groß und vielseitig. Auch die zwei Fotografen Eric Kemnitz und Martin Neuhof leisten ihren Beitrag dazu. Die beiden betreiben zusammen mit anderen Fotografen ein Atelier im Zentrum Leipzigs. Dort arbeiten sie an Einzelaufträgen, aber auch gemeinsamen Projekten.

Wie die Männer zur Kamera kamen

Für beide ist die Fotografie eine Leidenschaft, die schon sehr früh entdeckt wurde. Bei Eric entstand über die Jahre die Idee eines festen Berufes – denn nur gute Bilder reichen nicht aus, man sollte auch Spaß am Erfüllen von Aufträgen haben. Dabei könne man immer das Beste aus den Aufträgen heraus holen und sich arbeitstechnisch auch weiterentwickeln. Martin hingegen ist mit der Fotografie aufgewachsen. Sein Großvater war Meisterfotograf in der DDR und so erinnere er sich immer wieder gerne zurück an die Zeit mit seinem Großvater in der Dunkelkammer. Auch seine ganze Jugend ist fotografisch dokumentiert, meinte Martin im Interview. Genau diese gemeinsame Leidenschaft sei ein Grund, warum die Zusammenarbeit so gut funktioniere.

Ich glaube, das ist es auch, was uns beide so stark miteinander vereint – dass wir so für die Fotografie brennen.

Martin Neuhof

Leipziger Bettgeschichten
Leipziger Bettgeschichten: Im Bett mit Anne

Zusammen haben sie im letzten Jahr das Projekt Leipziger Bettgeschichten gestaltet. Dafür porträtierten sie zuerst Freunde und Bekannte in ihren Schlafzimmern. Außerdem fotografierten sie deren Haustüren und einen persönlichen Gegenstand der Fotografierten. Dieser sollte deren Charakter genauer beschreiben. Später konnten sich Interessierte über eine Website bewerben. Für Martin und Eric war es eine Erfahrung der besonderen Art:

Das größte Kribbeln hat man gehabt, als wir bei der ersten Person waren, die wir wirklich gar nicht kannten.

Eric Kemnitz

Beide haben dadurch einen ganz neuen Eindruck von Leipzig bekommen und erkennen nun Straßen an ihren Bewohnern und Haustüren. Im Rahmen des Projektes haben sich auch viele Geschichten entwickelt, wie zum Beispiel nach einem Shooting auf ein Bier zu bleiben oder mit einem Frühstück empfangen zu werden.

Leipziger Bettgeschichten
Leipziger Bettgeschichten: Im Bett mit Ronja

Martin und Eric arbeiten gerne zusammen. Für beide sei das Studio eine gute Basis für einen kreativen Austausch. Dadurch können sie sich Rat und Input vom jeweils anderen holen, sowie Projekte gemeinsam gestalten. Eric meinte, dass beide in vielen Sachen gleich sind, aber auch in vielen Sachen verschieden und genau diese Mischung ermögliche ihnen eine gute Zusammenarbeit.

Eric weiß ganz genau, wie ich ticke. Ich bin schon manchmal sehr aufbrausend und kann unfair argumentieren und er kann es mit seiner ruhigen Art abfassen.

Martin Neuhof

Aus einer guten Gemeinschaft ist dann über die Jahre Freundschaft entstanden, so Martin weiter im Interview.

Alles eine Frage der Fotogenität?

Auf die Frage, ob jeder Mensch fotogen ist, antwortet Martin mit einem klaren "Nein". Aber das Wort fotogen ist, laut Eric, auch meist der Grund, warum viele Menschen sich unwohl vor der Kamera fühlen. Daher umgehe er lieber dieses Wort, damit manche lockerer vor der Kamera werden und somit schöne Bilder herauskommen. Aber Martin beruhigt auch:

Als Fotograf schafft man es schon, dass man Menschen fotogen aussehen lassen kann. Also man kennt die Tricks, eine spezielle Position wie der Mensch am besten steht und schon kriegt man auch ein gutes Bild hin.

Dabei ist beiden wichtig, dass der Mensch er selbst sein kann und dies auch bleiben soll. Es ist eher selten, dass man schon nach zehn Sekunden das perfekte Bild hat, erklärt Eric. Daher sei eine Angst vor dem Fotografen eher unbegründet und "nicht der schlimmste Termin in der Woche", wie Eric im Interview von einer Erfahrung mit einem Kunde berichtete.

Das fotogene Leipzig

Leipzig sei eine fotogene Stadt – darüber waren sich die beiden einig. Als Fotografen bekommen sie die Chance den Wandel der Stadt und somit auch ein kleines Stück der Stadtgeschichte abzubilden. Durch ihre Projekte Leipziger Bettgeschichten haben sie sich Leipzig selbst näher gebracht. Für die beiden Ur-Leipziger eine schöne Sache. Leipzig biete auch eine breit gefächerte Kulisse: Von dem Altstadtcharme über den grünen Kern Leipzigs bis hin zu Strand und Seen, bietet Leipzig die verschiedensten Szenerien. "Nur durch die Alpen können wir nicht wandern", erwähnte Eric im Interview scherzhaft. Dennoch ist über die Zeit ein kleiner Nachteil für Martin entstanden. Er kenne die Stadt mittlerweile schon so gut, dass er sich nun mehr im Leipziger Umfeld herumtreibt. Bei ihrem Projekt Leipziger Bettgeschichten ist es ihnen besonders aufgefallen, dass der Ur-Leipziger immer mehr verschwindet. Einige der Menschen, die sie besuchten, erzählten, dass sie keinen einzigen Ur-Leipziger kennen würden.

Das Politische im Bild

Neben der Arbeit als Fotograf an sich haben wir auch über die Rolle der Fotografie in der Politik gesprochen. Vor allem Martin engagiert sich in politischen Projekte. Für ihn sei es wichtig, sich als Künstler zu positionieren und klar Stellung zu beziehen. Daher hat er ein Projekt gegen Fremdenfeindlichkeit verwirklicht, wofür er verschiedene Leipziger und ihre Meinung zu Rassismus porträtierte. Unter dem Namen Zeig Dich! Gegen Hetze und Rassismus. hat er einen Bildband mit den Porträts veröffentlicht.

Zeig dich. Zeig dich gegen Rassismus, gegen Homophobie, gegen allmöglichen Dreck, den es da draußen gibt und der leider mittlerweile immer mehr salonfähig wird.

Martin Neuhof

Mit dem Projekt hat Martin ein Ventil gefunden, um kreativ ein Statement abzugeben. Die Arbeit mit den Menschen habe ihm "ein gutes Leipzig-Gefühl gegeben" und so wird der Betrachter der Bilder auch mit dem Problem der Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. Allgemein habe Fotografie eine Auswirkung auf die politische Meinungsbildung, da sie den Menschen verdeutliche, was eigentlich passiert.

Ich glaube, dass ein einzelnes Foto enorme Power entwickeln kann, wenn es echt ist.

Martin Neuhof

So auch im Fall des Bildes vom Trauermarsch in Paris zu Gedenken an die Opfer des Anschlages auf das Satiremagazin Charlie Hebdo. Scheinbar führten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreich Präsident Francois Hollande den Trauermarsch mit verschiedenen Politikern an. Aufgrund von Sicherheitsbedingungen wurde das Bild jedoch separat vom öffentlichen Trauermarsch aufgenommen. Von vielen wurde dieses Foto fehlinterpretiert. Neben Fehlinterpretationen machen auch manipulierte Bilder in den Medien die Runde. Daher sei es wichtig, dass man verschiedene Quellen benutze, um ein Gesamtbild zu bekommen, meinte Eric in diesem Zusammenhang. Dabei solle man immer skeptisch und neugierig bleiben.

Und was steht sonst noch an?

Martin erzählte uns, dass schon ein Flug nach Israel gebucht ist. Dort wird er 14 Tage lang ein Auto mieten und das Land erkunden. Natürlich nicht ohne seine Kamera, um damit viele Momente und Eindrücke einzufangen. Eric freut sich schon auf jeden Auftrag, der dieses Jahr noch ansteht, und geht auch auf Reisen. Für ihn stehe mal wieder eine USA-Reise an, bei der er diesmal der einzige Fotograf sein wird.

Das komplette Interview mit den Fotografen Martin Neuhof und Eric Kemnitz gibt es hier zum Nachhören:

mephisto 97.6-Moderatorin Lisa Tuttlies im Gespräch mit den Leipziger Fotografen Eric Kemnitz und Martin Neuhof

Redaktion: Sophie Rauch, Kaja Weber

 
 

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