Musik-Highlights: KW 26

Menschen, Lieder, Emotionen

Auch diese Woche hat die unsere Musikredaktion wieder die spannendsten Releases der Woche zusammengetragen. Diesmal u.a. dabei: nonbinäre Experimental-Beats, smoothe Protestmusik und schroffer Grunge aus Luxemburg.
MHDW KW26
Musikhighlights der Woche - KW26

Frisch Gepresst: unser Album der Woche ist "Punisher" von Phoebe Bridgers. Die Rezension findet ihr hier.

Arca - "KiCk i"

Album-VÖ: 26.06.20

Bekannt ist sie vor allem seit ihrer Zusammenarbeit mit, Kanye West, auf dessen 2013 erschienen Album Yeezus.  Dass Arca aber am meisten glänzt, wenn sie ihre eigene Musik produziert, hat die venezolanische Künstlerin bereits auf ihrem gleichnamigem, letzten Studioalbum bewiesen. Nun erscheint ihr lang erwartetes viertes Album namens "KiCk i", welches die Wandelbarkeit des Gesamtkunstwerks Arca perfekt illustriert. Das zeigt sich schon beim ersten Track des Albums, mit dem Titel „nonbinary“. Im Alter von 17 Jahren zog Arca allein von Caracas nach New York, um ihren Traum von einer Musikkarriere zu verwirklichen. Dort fand sie sich in ihrer Homosexualität erstmals akzeptiert und outete sich 2018 schließlich als nonbinäre Person mit weiblichen oder geschlechtsneutralen Pronomen. Auf „nonbinary“ zeigt Arca, dass sie gerade wegen ihrer nonbinären Identität grenzenlos facettenreich sein kann.

I can be sexy or I could be sad
Act bad just to be sweet
What a treat
It is to be
Nonbinary

Arcas Musikstil zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Die schrillen, zerschossenen Beats und einprägsam simplen Lyrics sorgen für einen hohen Wiedererkennungswert, der in der Musikszene nicht unbemerkt geblieben ist. So ist es kein Wunder, dass auf "KiCk i" unter anderem Features mit Größen wie Björk oder Rosalía zu finden sind. So ist „KiCk i“ wie ein musikalisches Überraschungsei: jeder Track macht Neugier auf mehr.

Emma Lübbert

 

Becca Mancari – „The Greatest Part“

Album-VÖ: 26.06.2020

Becca Mancari hat es geschafft. Aufgewachsen in einer streng religiösen Familie, die sie selbst als „christlichen Hippie-Kult“ beschreibt, wurde sie von ebendieser sektenartigen Gemeinschaft verstoßen, als sie sich mit 21 als „queer“ outete. Sie zog von Stadt zu Stadt und landete schließlich in Tennessee, Nashville, wo sie durch ihren Job in einem Taco-Laden einige nennenswerte Künstler*innen der dortigen Musikszene traf. Eine von ihnen war Brittany Howard von Alabama Shakes. Gemeinsam gründeten sie die Indie-Folk-Band Bermuda Triangle und gingen zusammen Fliegenfischen, bis Mancari schließlich stadtbekannt war. 2017 erschien ihr erstes Album „Good Woman“. Der Nachfolger „The Greates Part“ klingt weniger nach Folk und mehr nach Dream Pop und beschäftigt sich mit Mancaris Vergangenheit.

Sie erzählt Geschichten davon, wie es ist als queere Person in einer fundamentalistischen Gemeinschaft groß zu werden. In „Hunter“ wird sie von ihrem ehemaligen Pastor mit Drohbriefen gejagt, in „First Time“ erklingen die Zeilen „I remember the first time my dad didn’t hug me back“ nach ihrem Outing und in „Lonely Boy“ erkennt sie ihre eigene Traurigkeit in ihrem Hund wieder.

„The Greatest Part“ ist aber kein wütendes Album. Zwischen leichten, gut gelaunten Melodien versucht Mancari, sich selbst und ihrer Familie zu vergeben und Menschen in ähnlichen Situationen Mut zu machen.

Marie Jainta

Francis of Delirium – “All Change”

EP-VÖ: 26.06.2020

„XY sind eine Gruppe voller Wiedersprüche“ ist zwar ein Satz für’s musikjournalistische Phrasenschwein, trifft auf Francis of Delirium aber perfekt zu. Das Duo besteht aus der 18-jährigen Sängerin/Gitarristin Jana Bahrich aus dem kanadischen Vancouver und dem 48-jährigen Drummer/Produzenten Chris Hewett aus Seattle, die für ihr gemeinsames Bandprojekt aber nach Luxemburg umgezogen sind.

Trotz Wohnsitz im Herzen der EU haben sich die beiden aber den schmuddeligen Sound des pazifischen Nordwestens bewahrt, dem man ihre Vorbilder Nirvana und Joni Mitchell deutlich anhört. Dank eingängiger Melodien und den nachdenklichen Lyrics von Frontfrau Jana, heben sich Francis of Delirium auf ihrer Debüt-EP „All Change“ aber von vergleichbaren Retro-Acts klar ab. Dabei sind ihre Texte auch ziemlich modern, etwa wenn sie im Song „Karen“ den gleichnamigen Internet-Slang  für eingeschnappte, weiße Vorstadtmütter aufgreifen.

Die fünf Songs auf „All Change“ sind für Francis of Delirium nur ein erster Schritt. Wenn sie in Zukunft mit so viel Emotion und Authentizität weitermachen, könnte ihr Name bald weit über die engen Landesgrenzen Luxemburgs hinweg bekannt sein.

Martin Pfingstl

Anderson .Paak – „Lockdown“

Single-VÖ: 19.06.2020

Anderson .Paak versteht es wie kaum Andere gleichzeitg wortgewaltig und unheimlich smooth zu sein. Auch mit „Lockdown“ gelingt es dem US-Amerikaner, seine Erfahrungen während der Black-Lives-Matter-Demonstrationen in Los Angeles eindrucksvoll wiederzugeben, Kritik an den Vorwürfen gegen die Bewegung zu äußern und das Ganze in der von ihm gewohnten lässig-souligen Manier zu präsentieren. Er singt über den Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen gegen die Protestierenden, von Polizisten, die Undercover unter die Demonstrierenden gemischt sind und rechnet mit der Stille der Mehrheitsgesellschaft ab.

Stayin' quiet when they killin' n*, but you speak loud
When we riot, got opinions comin' from a place of privilege

Unterstützt wird Paak von Jay Rock, der in seinem Part mit Gänsehauteffekt die Missstände, die er erlebt benennt.

Am 19. Juni 1865 wurde in Texas, als letzter Südstaat der USA, das Ende der Sklaverei ausgerufen, darum wird dieser Tag in den USA als „Juneteenth“ gefeiert. Das Release-Datum war mit dem 19 Juni somit sehr bewusst gewählt.

Luis Weidler

Bright Eyes – „Mariana Trench“

Single-VÖ: 22.06.2020

Mittlerweile gibt es keinen Zweifel mehr an der Rückkehr der Bright Eyes. Im März hatte die Band um Conor Oberst ihren ersten Song nach 9 Jahren veröffentlicht. Nun haben sie mit ihrer neuen Single „Mariana Trench“ offiziell ihr zehntes Studio-Album „Down In The Woods, Where The World Once Was“ angekündigt. In Song und Album geht es um die Vergangenheit und den Versuch, darin die guten Momente zu finden – in typisch-trauriger BrightEyes-Manier.

Oh a coward is
What a coward does
I suppose maybe I always was
But I’m sick of it
I’ve had enough
And now I’m ready for the war

Zur Bewältigung von vergangenen Momenten gehört auch die Wiederbelebung der alten Band. In „The Late Show with Stephen Colbert“ traten Conor Oberst, Mike Mogis und Nathaniel Walcott diese Woche das erste Mal seit Beginn ihrer Pause wieder gemeinsam auf.  Und auch das Video zu „Mariana Trench“ setzt die Rückkehr angemessen in Szene: Es wurde über drei Monate hinweg aus 2200 handgemalten Tuschezeichnungen zusammengesetzt.

Marie Jainta

 

Fenne Lily — „Alapathy“

Single–VÖ: 23.06.2020

Die Singer-Songwriterin Fenne Lily erschafft nicht nur Musik, sondern auch ganz neue Worte: Der Titel ihrer neuen Single „Alapathy“ ist ein Kofferwort aus „apathy“(Apathie) und „allopathy“ (Schulmedizin). Damit kritisiert die junge Engländerin die westliche Medizin für ihren Umgang mit psychischen Erkrankungen, greift sich aber auch an die eigene Nase. Denn wie viele Ärzte und Ärztinnen, so sagt sie, behandele sie eher das Symptom als die Ursache der Erkrankung.

Nachdem verschriebene Medikamente ihr nicht weiterhelfen konnten, hatte Lily angefangen, Weed zu rauchen, um so ihr Gehirn abschalten zu können. Musikalisch bringt sie ihre unruhigen, gehetzten Gedanken mit treibenden Percussions zum Ausdruck.

Fenne Lilys reflektierte, beobachtende Art des Songwritings weckt große Hoffnungen für ihr zweites Album „BREACH“, welches im September erscheinen soll. Laut der Künstlerin steht es ganz im Zeichen der intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst — was eben auch bedeutet, die eigenen Schwächen, Ängste und unleidliche Gefühle wie Einsamkeit anzunehmen. Damit beschreitet Fenne Lily einen Weg, der nicht unbedingt Spaß macht, sich aber zweifellos lohnt.

 

 

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Direkt bei Spotify reinhören:

 

Arca - KiCk i:

 

Becca Mancari - The Greatest Part:

 

Francis of Delirium - All Change:

 

Anderson .Paak - Lockdown

 

Bright Eyes - Mariana Trench

 

Fenne Lily - Alapathy

 

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