Reportagen zur Landtagswahl

"In meinem Land herrscht Krieg"

Über Asyl wird viel diskutiert, Bürger demonstrieren für und gegen die Unterkünfte und auch im Wahlkampf wird Asyl zum Thema gemacht. Was dabei häufig unter den Tisch fällt, ist die Frage: Wer sind denn eigentlich die Menschen, um die es da geht?
Von überall her – im Flur ist die Wand bunt bemalt, am Fenster muss sich jeder melden, der ins Haus will.

Die Fahrt zum Asylbewerberheim in Grünau ist lang. Scheinbar endlos rattert die Straßenbahn durch den Stadtrand von Leipzig. Am Fenster zieht alle zehn Meter ein NPD-Plakat vorbei auch vor einem Haus in der Liliensteinstraße hängt eines. Das Haus liegt zwischen ein paar Bäumen, eine rotbraune Platte, unsaniert. Den Eingangsbereich schmückt ein großes Wandgemälde, trotzdem wirkt das Gebäude trist und heruntergekommen. Doch die Menschen, die hier ein und aus gehen, an das kleine Fenster treten, um von einem Wachmann ins Haus gelassen zu werden, machen einen fröhlichen Eindruck. Die Atmosphäre ist locker und befreit. 

"... bevor ich darüber spreche, was alles so schlimm ist ..."

In seinem Büro, einer ehemahligen Einzimmerwohnung mit einer dünnen Tür aus gepresstem Holz, sitzt Johannes Kömpf und empfängt seine Schützlinge. Er ist der Hausbetreuungsleiter in der Gemeinschaftsunterkunft Liliensteinstraße. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht unterhält er sich mit den Menschen, hört sich ihre Probleme an, kennt ihre Geschichten. Gerade das sei wichtig. Er wünscht sich von den Menschen mehr Offenheit und dass sie die Leute, die hier leben, kennenlernen.

"In jedem Wohnhaus, in dem mehr als 200 Leute untergebracht sind, gibt es normale Probleme. Die gilt es zu bewältigen und das kann man nur, indem man sich ein bisschen öffnet und sagt okay, ich gucke mir das auch erstmal an, bevor ich darüber spreche, was alles so furchtbar schlimm ist und rede vielleicht auch mal mit Leuten, die schon mal in so einem Haus gewohnt haben oder die in so einem Haus wohnen." Johannes Kömpf, Hausbetreuungsleiter in der Gemeinschaftsunterkunft Liliensteinstraße

An die Tür klopft jetzt ein Mann, etwa Mitte 30, mit einem himmelblauen Käppi auf dem Kopf und einem freundlichen Lächeln im Gesicht. "Just come in", ruft ihm Johannes Kömpf zu und der Mann kommt in das Büro und lässt sich auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch fallen. Der Mann kommt aus Libyen, ist ein politischer Flüchtling. Er spricht Arabisch und Englisch, Deutsch bisher nur wenig. Bald wird er aber einen Sprachkurs besuchen. Johannes Kömpf fragt auch ihn, wie es ihm geht, seiner Frau, seinen beiden Töchtern. Gut, lächelt der Mann.

"Ich habe alles zurückgelassen"

Der Mann ist ein Journalist. Er musste aus seiner Heimat Libyen fliehen  weil er im Fernsehen öffentlich den damals herrschenden Diktator Gaddafi unterstützen sollte, sich aber weigerte. Das Regime verfolgte ihn und er flüchtete mit seiner Familie über Tunesien nach Deutschland. In seinem Land weiß niemand, dass er hier politisches Asyl bekommen hat und das soll auch so bleiben. Deshalb möchte er seinen Namen nicht nennen.

"Ich habe alle zurückgelassen: Mein Haus, meinen Job, meine Freunde, meine Familie. Aber es geht nicht anders. Denn in meinem Land herrscht Krieg und hier ist es sicher." Der Journalist aus Libyen

Schon vor seiner Flucht war der Journalist beruflich in Deutschland unterwegs, drehte Reportagen über Land und Leute. Zwei oder drei Mal war er schon hier. Das habe ihm wohl auch bei seinem Asylantrag geholfen. "Die Regierung kannte mich schon", überlegt er. Als er in Deutschland ankam, kam er zuerst in die Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz. Normalerweise verbringen Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, rund sechs bis zwölf Wochen in einer solchen Einrichtung, bevor sie auf die Städte des Bundeslandes verteilt werden. Der Libyer und seine Familie blieben dagegen nur wenige Tage in Chemnitz. Als die Flüchtlinge nach Deutschland kamen, brauchte eine der Töchter eine Operation. Die beste Klinik dafür war in Leipzig daher ging es für die Familie gleich weiter.  

Der Mann erzählt freundlich, lächelt. Mittlerweile leben er und seine Familie nicht mehr in der Liliensteinstraße, sie haben jetzt eine eigene Wohnung. Wenn er an die Zeit in der zentralen Unterbringung in Grünau zurückdenkt, zeigt er sich genügsam. Auch die Menschen im Hausflur wirken zufrieden mit dem, was sie hier haben, obwohl das Gebäude einen heruntergekommenden Eindruck macht. Es sind interessierte Gesichter, die einem hier begegnen. Ein wissbegieriger kleiner Junge legt beim Anblick von Mikrofon und Kamera den Ast  doppelt so groß wie er selbst  mit dem er gespielt hat, beseite und fragt in gebrochenem Deutsch: "Darf ich probieren?"

"Hier ist es multikulturell, es gibt viele Kinder. Natürlich ist es dann manchmal laut. Da hat man keinen großen Einfluss drauf. Aber egal: Es gibt keinen anderen Weg, um hierzubleiben." Der Journalist aus Libyen

"Ich will etwas unternehmen, ich will Kontakte aufbauen, ich will lernen"

Während die Familie in Grünau wohnte, hatte sie wenig Kontakt nach außen. Zu einigen Familien aus Libyen, zu den Anwohnern rundherum gar nicht. Das ändert sich jetzt allmählich. Die Töchter des Journalisten gehen in den Kindergarten und lernen Deutsch und auch die Eltern bemühen sich. Der Journalist möchte aber noch mehr Kontakt zu Deutschen. Er wünscht sich Austausch. Das hat nicht zuletzt auch mit seinem Beruf zu tun. Er würde sich gerne mehr über die Situation in seinem Land unterhalten. Denn die Berichterstattung in Deutschland hält er für lückenhaft, teilweise sogar für falsch. Doch Kontakte zu knüpfen ist schwierig. 

"Ich denke, wir brauchen mehr Programme, um Kontakt zwischen Asylbewerbern und Anwohnern herzustellen. Bisher gibt es keine solchen Programme. Wenn du rausgehen willst, ist das okay, wenn du wiederkommen willst, ist das okay. Man kann sein Geld nehmen und bei Kaufland Lebensmittel kaufen, aber ich will etwas lernen! Ich will etwas unternehmen, ich will Kontakte aufbauen, ich will lernen. Gerade kriegen wir Geld und das war’s, aber was ist das Ziel? Was können wir heute und morgen tun? Da ist nichts ..." Der Journalist aus Libyen

Die sprachlichen und kulturellen Unterschiede können nur gemeinsam bewältigt werden. Da sind sich der Journalist und Hausbetreuungsleiter Johannes Kömpf einig. Das Thema Asyl ist deshalb nicht nur relevant für die Politik sondern auch für Sachsens Bürger.

Lantagswahlthemen Asyl: Jane Schmidt und Paula Drope mit einer Reportage über einen politischen Flüchtling aus Libyen.

gesprochen von Jane Schmidt

 
 

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Paula Drope, Jane Schmidt
29.08.2014 - 19:11

Jüngste Aktionen des Landtags zum Thema Asyl

Oktober 2013: Disput zwischen Regierung und Opposition. Angesichts der steigenden Asylbewerberzahlen fordert Innenminister Markus Ulbig von der CDU die Kommunen auf, ausreichend Kapazitäten bereitzustellen. Dabei sollen sie verstärkt dezentrale Lösungen finden. Die Grünen hingegen sehen Ulbig in der Pflicht: Eine Richtlinie des Innenministeriums, die die Unterbringung von Asylsuchenden in Wohnungen erschwere, müsse abgeschafft werden. Außerdem müsse das Land mehr Geld für die Betreuung der Asylbewerber bereitstellen. 

November 2013: Das Land beschließt, als Ausgleich für steigende Asylausgaben noch im laufenden Jahr 15 Millionen Euro zusätzlich an die Kommunen zu zahlen. Für das Jahr 2014 wird der Etat sogar um 20 Millionen Euro erhöht. Außerdem diskutiert das Land über einen Winterabschiebestopp. Die Regierung will „die Fragen des Aufenthaltsrechts nicht von Witterung oder Klima abhängig“ machen, so das Innenministerium. Die Opposition und der Sächsische Flüchtlingsrat protestieren: Viele Familien würden in Elend leben und Schwierigkeiten haben, ihre Kinder bis zum Frühjahr am Leben zu erhalten.Gleichzeitig fordert Innenminister Markus Ulbig, schnellere Entscheidungen bei Asylverfahren. Die Frist müsse von neun auf drei Monate verkürzt werden. Dafür wolle er sich beim Bund einsetzen.

Januar 2014: Das Innenministerium gibt bekannt, neue Erstaufnahmeeinrichtungen einrichten zu wollen – jeweils eine in Dresden und Leipzig, beide mit jeweils 500 Plätzen. Bisher gibt es nur eine dieser Einrichtungen – in Chemnitz – doch die ist überlastet: 2012 kamen dort noch etwa 3.500 neue Asylbewerber an, 2013 waren es schon rund 6.400 

Februar 2014: Das Innenministerium stellt ein mit den Landkreisen und kreisfreien Städten abgesprochenes Konzept vor: Die Unterbringung von Asylbewerbern in Sachsen soll besser werden. Dazu sollen sie vermehrt in kleinen Gruppen dezentral in Wohnungen statt in Asylbewerberheimen untergebracht werden. Auch die soziale Betreuung der Asylbewerber soll sich verbessern: Auf 150 Asylbewerber soll ein Sozialarbeiter kommen. Dieser Punkt wird aber zunächst unter Vorbehalt gestellt – das Innenministerium ist nicht sicher, ob der Plan finanziell umgesetzt werden kann. Ein weiterer Aspekt des Konzepts ist eine bessere Kommunikation mit Anwohnern von Asylbewerberheimen. Die Pläne werden – außer von der rechtsextremen NPD – von allen im Landtag vertretenen Parteien unterstützt

Mai 2014: Ein von der Staatsregierung und den Landkreisen in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem Schluss, dass die bisherige Aufstockung der Mittel nicht ausreicht. Die aktuell vom Land an die Kommunen gezahlte Jahrespauschale von 6.000 Euro pro Flüchtling müsse für 2015 auf mindestens 7.800 Euro angehoben werden, um alle Kosten der Kommunen abzudecken. Danach sei es nötig, die Pauschale weiter regelmäßig an die Preisentwicklung anzupassen.