Die Kolumne

Mein linker, stinkender Platz ist frei

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Tobias Schmutzler über niegelnagelneue Straßenbahnen, Musikvideos auf YouTube und gesamtdeutsche Altlasten.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Mein linker, stinkender Platz ist frei – Die Kolumne von Tobias Schmutzler.

Die Fragen stellt Marisa Becker.

Mein linker, stinkender Platz ist frei – Die Kolumne von Tobias Schmutzler.

Ab Januar fahren neue Trams bei der LVB – die sollen technisch tiptop und barrierefrei sein. Über vierzig Stück sollen es in den nächsten fünf Jahren werden. Jede Bahn kostet drei Millionen Euro. Damit sich das lohnt: Was sollte in den neuen Trams besser werden?

Ich empfehle, den neuen Kompetenz-Schwerpunkt auf die Hygiene zu legen. Mit der Pünktlichkeit klappt's ja meist ganz gut in Leipzig. Aber was die optischen und geruchlichen Sensationen angeht – da haben die Trams manchmal Würgereizpotenzial. "Wir sind Leipziger" erzählen einem die Verkehrsbetriebe seit Januar – Ihr seid aber auch verkommen und stinkt! So verranzte Sitze wie in Leipziger Bahnen hab ich sogar in Berlin selten gesehen. Die anfangs himmelblau strahlenden Sitze verwandeln sich mit jedem Hintern-Drauf-Drücker allmählich in eine graubraune modrige Abriebfläche, die den Geruch jedes einzelnen Fahrgasts aufsaugt und konserviert. Naja, Leipzig, Du wolltest ja immer ein kleines Berlin sein. In Deiner Straßenbahn bist Du ein kleines, widerlicheres Berlin.

YouTube und GEMA haben sich endlich geeinigt! Nervige Sperrbilder sind jetzt größtenteils Geschichte. Allerdings muss YouTube die GEMA rückwirkend ab 2009 bezahlen – und das nach dem allgemeinen Verteilungsschlüssel*. Das heißt: Auch die Künstler bekommen Geld, die gar keine Songvideos auf YouTube haben. Ist das noch fair?

Unser Kolumnist wurde diese Woche Zeuge einer schrecklicken Ereigniskette im Café.
Unser Kolumnist wurde diese Woche Zeuge einer schrecklicken Ereigniskette im Café.

Fair, fair – was ist schon fair? Ich kann Dir sagen, was nicht fair ist: Wenn man sich in einer Bar abends eine heiße, leckere Italian Chocolate bestellt. (Das ist neudeutsch für heiße Schokolade mit Amaretto.) Und wenn man dann einmal von dieser unglaublich geilen Italian Chocolate nippt (mmmhhhmmm...) und sich dann mit einer hektischen Handbewegung (zack!) die ganze heiße Soße in den Schoß schüttet! Weißt Du, wie das aussieht, wenn die ganze Hose... BRAUN ist?! Das ist NICHT FAIR! Hab ich diese Woche erlebt; ist zum Glück nicht mir, sondern einer Kollegin passiert. Die Geschichte wollt ich dringend mal loswerden. ... So, jetzt noch schnell zur GEMA: Es gibt ja 0,375 Cent für jeden Song-Abruf. Ich glaube, bei dieser immensen Beitragshöhe kann man sich das Geld dann auch mit allen anderen teilen, oder? Und alle 213 Views gibt’s rechnerisch eine Packung Kaugummis.

* Die Regelungen finden kurz, knackig und übersichtlich hier zusammengefasst.

„Die Nachwendezeit muss auf den Tisch“ – das fordert die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping. Für viele Ostdeutsche habe sich die Situation nach der Wende nicht verbessert. Im Gegenteil: Sie seien ungerecht behandelt und gedemütigt worden. Mit einer neuen Aufarbeitung will Köpping auch rechten Tendenzen entgegenwirken. Glaubst du, das funktioniert?

Ich versuche mal zu schlichten und mit meiner großen gesamtdeutschen Kompetenz zu punkten: Meine Eltern kommen aus der DDR. Ich wurde 1990 zwischen Mauerfall und Einheit in Zwickau geboren. Meine Eltern haben dann kurz nach meiner Geburt wegen des Jobs rübergemacht. Und ich bin dann 19 Jahre lang im Westen großgeworden. Meine Verwandtschaft lebt aber immer noch in Sachsen und in Berlin. Damit habe ich, nach meiner persönlichen Wahrnehmung, vielen voraus, dass ich beide Seiten ganz gut kenne: Ostdeutsche, die in der Wirtschaft der Nachwendezeit keinen Platz mehr hatten – und Westdeutsche, die sich für die neuen Nachbarn nie interessiert haben und auch nie rübergefahren sind. Deswegen finde ich Köppings Vorschlag nicht verkehrt: Die meisten großen Probleme lassen sich mit ganz einfachen Lösungen angehen. Miteinander reden – von Mensch zu Mensch, und nicht in Onlinekommentarspalten – ist eine davon.

Und nächste Woche?

Gewinnt Donald Trump die US-Wahl. Oder doch Hillary Clinton? Ist eigentlich egal: Beide sind Reptilienmenschen, die Menschenblut trinken. Informieren Sie sich da mal!

 

Kommentieren

Tobias Schmutzler
04.11.2016 - 09:19