Literatur

Meerjungfrauen und Gesellschaft

Beim Baden im Meer hat man manchmal das Gefühl, im Wasser etwas zu sehen, dass nicht ist wie die anderen Schwimmer. Dann fragt man sich viellicht auch, ob Geschichten über Meerjungfrauen doch stimmten? Der Roman von Imogen Hermes Gowar handelt davon.
Die letzte Reise der Meerjungfrau
Die letzte Reise der Meerjungfrau

Durch das Cover des Buches „Die letzte Reise der Meerjungfrau“  hat man sofort das klassische Bild der Meerjungfrau vor Augen. Eine schöne junge Frau, halb Mensch, halb Fisch. Sie schwimmt durch die Meere und reißt Seeleute ins Verderben oder rettet sie. Aber die Meerjungfrauen in diesem Buch sind irgendwie ganz anders. Es gibt nicht nur eine Art von Meerjungfrauen sondern viele verschiedene. Sehr seltsam ist zum Beispiel die „Meerjungfrau“, die Jonah Hancock bekommt. Sehr zu seinem anfänglichen Missfallen. Es ist das Ende des 18 Jahrhunderts und er fürchtet um seine Reputation und seine Geschäfte. Denn die erworbene „Meerjungfrau“ entspricht so gar nicht den Erzählungen der Seefahrer. Es ist kein Verführerisches Fischweib, sondern ein kleiner, hässlicher, affenhafter Kobold. Trotzdem stellt Jonah Hancock sie schließlich, mit Hilfe seiner Nichte, aus.  Und die Meerjungfrau erzeugt einiges an Aufsehen in der Londoner Gesellschaft.

Geld und viele Leute

Die hässliche Meerjungfrau verschafft dem Kaufmann Jonah Hancock nicht nur ein Vermögen, sondern lässt ihn auch auf die Edelkurtisane Angelica Neal treffen. Diese wünscht sich von Jonah Hancock eine zweite Meerjungfrau. Diese zweite Meerjungfrau stößt allerdings drastische Entwicklungen an.

Neben der Erzählung über Jonah Hancock und seine Meerjungfrau werden noch einige weitere Erzählstränge aufgenommen, so zum Beispiel der über die Kurtisane Angelica Neal. Diese Handlungsstränge werden immer mehr miteinander verknüpft.

Das Buch „Die letzte Reise der Meerjungfrau“ ist ein sehr schön geschriebener, leichter Roman. Imogen Hermes Gowars Art zu schreiben lässt London, seine Werften und Vororte klar vor dem geistigen Auge und eventuell der Nase erscheinen. Zum Beispiel, wenn sie die Umgebung der Londoner Docks beschreibt.

Besonders zu Beginn löst die Beschreibungen von Jonah Hancock eine Art süß-melancholische Stimmung aus. Diese Melancholie schwingt auch bei der Einführung anderer Charaktere mit. Überhaupt ist die Anzahl der handelnden Charaktere ist sehr groß. Einige sind nur von so kurzer Erscheinung, dass sie dem Leser kaum im Gedächtnis bleiben. Bei der Einführung dieser Nebencharaktere stellt sich die Frage: "Kenne ich die Person schon, wie ist sie einzuordnen und muss ich mir den Namen merken?“ Diese Vielfalt an Namen und Charakteren sorgt daher an manchen Stellen für Verwirrung. Aber auf der anderen Seite ist keine der handelnden Personen überflüssig, und alle tragen auf ihre Weise zum Fortlauf des Geschehens bei.

Spannend an der Geschichte ist, dass die Meerjungfrauen ganz anders sind, als man es erwartet. Aber egal wie genau die Meerjungfrauen sind, sie sind immer irgendwie weiblich.

Ein Frauenroman?

„Die letzte Reise der Meerjungfrau“ ist ein guter Roman für nebenbei und kann auch an heißen Strandtagen gut gelesen werden. Wer bei dem Titel allerdings denkt- Das ist bestimmt ein Frauenroman, der hat Recht. Denn es geht um Themen, die klischeehaft Frauen eher ansprechen. Thematisiert werden Dinge wie Liebe, Heirat und die Rolle der Frau in der viktorianischen Gesellschaft. Und auch das Hauptthema der Meerjungfrau springt als Klischeethema für Frauen ins Auge. Aber die Beschreibungen der Gesellschaft, die Abschnitte zu Handel, Wirtschaft oder Bauten fallen aus diesen Klischees wieder raus. Klischees und Gegenbilder sind in diesem Roman ineinander verwoben. Daher sollten sich die Herren nicht abhalten lassen, sich von den seltsamen Meerwesen und Romanfiguren verzaubern zu lassen. Ein leichter schön zu lesender Roman ist es allemal. Und man kann dieses Buch schließlich auch zu zweit lesen.

Die Rezension zum Nachhören finden Sie hier:

"Die letzte Reise der Meerjungfrau"- Rezension von Svenja Tschirner

Moderator: Max Koterba

Rezension zum Roman "Die letzte Reise der Meerjungfrau"
 

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Svenja Tschirner
10.09.2018 - 12:14
  Kultur

Das Buch „Die letzte Reise der Meerjungfrau: Oder wie Jonah Hancock über Nacht zum Reichen Mann wurden“ ist im Lübbe-Verlag erschienen. Der Roman kostet 20,00 Euro.