Filmkritik

MARRIAGE STORY: Leiden und leiden lassen

Mit „Marriage Story“ legt Regisseur Noah Baumbach für den Streamingdienst Netflix ein Meisterwerk vor. Sein Scheidungsdrama schaut vom Kleinen ins Große und findet zu einigen der intimsten Momente des Kinojahres.
Marriage STory
Charlie und Nicole stehen vor den Trümmern ihrer Ehe.

Anfangs scheint noch alles friedlich. Die Trennung von Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johansson) soll ohne großen Streit vonstattengehen, doch dieses Unterfangen gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nach zehn Jahren liegt die Ehe des Regisseurs und der Schauspielerin in den Brüchen, die beiden müssen verhandeln, bei welchem Elternteil der gemeinsame Sohn Henry (Azhy Robertson) fortan leben soll. Als die Anwälte eingreifen, beginnt der Rosenkrieg, inszeniert und geschrieben von einem umjubelten Regisseur, der hier den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere abliefert.

Bekanntes Motiv

Diskussionswürdig ist zweifellos, wie sich Noah Baumbach für seine zweite Arbeit für den Streaming-Dienst Netflix bei zahlreichen bekannten Werken der Filmgeschichte bedient. Von „Kramer gegen Kramer“ über „Zwei auf gleichem Weg“ und „Blue Valentine“ bis zu Bergmanns monströsen „Szenen einer Ehe“. Alle setzen sich mit schwierigen Trennungsprozessen, mit dem Sterben der Liebe auseinander, alle jeweils mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten.

Ja, man kann Baumbach die mangelnde Kreativität vorwerfen und Nein, sonderlich viel Neues gibt es in „Marriage Story“ tatsächlich nicht zu sehen, aber hier ist ein Drama entstanden, das mit einer erzählerischen und inszenatorischen Raffinesse aufwartet, die im Kinojahr 2019 auf bemerkenswerte Art und Weise hervorsticht. Es handelt sich um keine Neuinterpretation, sondern vielmehr eine Adaption der bekannten Stoffe für eine neue Generation, die überragend geglückt ist, inklusive netter, zeitgemäßer Spielereien mit den üblichen Rollenbildern. Hier ist es die starke Frau, die ihrem Mann das Einwegglas aufschrauben muss!

Marriage Story
Charlie kämpft um seinen Sohn

Persönliches und Universelles

Der Boulevardjournalismus mag sich nun an Baumbachs persönlichen Hintergründe – die gescheiterte Ehe mit der berühmten Schauspielerin Jennifer Jason Leigh – abarbeiten und natürlich, ein Teil des Erfolgsrezepts dieses großartigen Films liegt darin begründet, dass man zu jeder Zeit spürt, dass hier einer genau weiß, wovon er spricht und was er seinem Publikum zeigen möchte. Und doch sehen wir hier eben nicht Jennifer und Noah auf der Leinwand, sondern Nicole und Charlie. Beide sind in gewisser Weise Charaktermasken. Zwei Figuren, die gerade ein Mindestmaß an Biographie erhalten, die aber niemals mit einer herausstechenden Individualität versehen werden.

Stattdessen erleben wir sie in ihrer Verzahnung mit einem fragwürdigen bürokratischen System, das sie zu überrollen droht. Genau das macht diesen Film so authentisch und universell! Hier sind zwei Menschen auf der Leinwand zu sehen, die so, gefühlt, auch von nebenan aus der Nachbarschaft stammen könnten. Ihr Schicksal scheint kein besonderes, Ja, der Trennungsgrund der beiden sowie der anschließende Kampf um das Sorgerecht sind eigentlich fast schon zu unspektakulär für ein großes Hollywooddrama, doch genau damit gelingt Baumbach ein so lebensnahes Gefühlschaos.

Ganz ohne Kitsch geht´s nicht!

„Marriage Story“ wühlt eine ganze Zeit lang im Privaten, tatsächlich ist dieser erste Akt der erzählerische Schwachpunkt. Etwas generische melodramatische Spitzen haben sich da durchaus eingeschlichen. Wenn sich Scarlett Johansson weinend aufs Bett fallen lässt, dann spielt im Hintergrund die sentimentale Musik groß auf. Später wird – auch hier dudelt es dramatisch auf der Tonspur -  mit großer Geste ein Tor zwischen dem Ehepaar zugeschoben.

Wenn Baumbach zu solch simplen Trennungs-Bildern und -Metaphern greift, dann sind das zum Glück nur kleinere Ausrutscher. Der Rest des erstaunlich langen Dramas kommt ohne künstlich überdramatisierten Kitsch zum Punkt, die bewegendste Sequenz des Films, der große Streit im Wohnzimmer, verzichtet übrigens gänzlich auf musikalische Untermalung, sondern lebt allein von dem überragenden Schauspiel.

Justiz als Theater

Baumbachs Film ist weitaus mehr als eine bloße Romanze, oder sollte man lieber Anti-Romanze sagen? „Marriage Story“ öffnet nach dem ersten Akt den Blick vom privaten Liebeschaos hin zu einem größeren System, sobald die Justiz ins Spiel kommt. Dieses System lässt keine friedvolle Einigung zu, es macht das Paar zu erbitterten Feinden. Es stichelt, es provoziert, es klagt an, es arbeitet mit schmutzigen Mitteln. Draußen führt man freundlichen Smalltalk, im Gerichtssaal wird man zu erbitterten Feinden, ohne dass Noah Baumbach zu einer bloßen Dämonisierung greift.

Vor allem Laura Dern glänzt in diesen Momenten als ebenso kaltblütige wie herzensfreundliche Scheidungsanwältin. „Marriage Story“ entlädt die Spannung, die sich während der ersten Auseinandersetzung vor Gericht aufbaut, in einem erschütternden Streit, danach sind die beiden Hauptfiguren andere. Das Private weicht dem Öffentlichen. Charlie und Nicole dürfen nicht mehr sie selbst sein. Alles ist Maskierung, jede Gefühlsregung, jeder Satz wird geprobt, um das eigene Selbstbild vor den Behörden zu inszenieren oder um das Gegenüber zu schädigen, während der gemeinsame Sohn im Kinderzimmer das Spiel der Eltern noch nicht begreift.

Marriage STory
Laura Dern als Scheidungsanwältin

Zwei riesige Talente

Scarlett Johansson und Adam Driver liefern furiose schauspielerische Leistungen ab. Das subtile Minenspiel, die kleinen Zuneigungen und Abweisungen, der brutale Streit, die Sehnsucht nach einem guten Ende, die Zerbrechlichkeit, die überraschenden Gesangsnummern zum Schluss, all das gelingt unglaublich berührend und facettenreich. „Marriage Story“ ist großes Schauspielkino, das über das Schauspiel im Alltag reflektiert, verpackt in ebenso raue, grobkörnige wie stilsichere 35mm-Bilder. Die Kamera hält sich meist unaufgeregt zurück, lässt die Figuren in den großen Räumlichkeiten bewusst verloren und überfordert wirken und geht dann doch wieder ganz nah heran, um all die vielsagenden Blicke zu erforschen.

Es ist bei all dem Trauern und Kämpfen natürlich kein Zufall, dass Adam Drivers Figur gerade an einer Broadway-Inszenierung von „Elektra“ arbeitet, jener Tragödie über eine verhängnisvolle Affäre, die zu mehreren brutalen Racheakten führt. Doch Noah Baumbach wäre nicht Noah Baumbach, wenn er nicht gekonnt die erzählerischen Erwartungen an einen derartigen Stoff unterlaufen würde. Keine erzwungene Zuspitzung, vielmehr ruhige, zum Teil auch schwelgerische Beobachtung. Eine ergreifende Suche nach Versöhnung und nach Worten, wo es eigentlich nichts mehr zu sagen gibt.

 

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Janick Nolting
05.12.2019 - 14:52
  Kultur

MARRIAGE STORY

Kinostart: 21.11.2019

Veröffentlichung bei Netflix am 6.12.2019

FSK 6

Regie und Drehbuch: Noah Baumbach

Cast: Scarlett Johansson, Adam Driver, Laura Dern, Alan Alda und weitere