Gespräche auf dem Roten Sofa

Manege frei – Schein und Sein in der DDR

Rolf Bauerdick schreibt über die deutsch-deutsche Vergangenheit eines Menschen, der seine Heimat im Zirkus fand.
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Rolf Bauerdick im Gespräch mit unserer Redakteurin Constanze Gräsche

Das Foto verspricht, Abbild der Realität zu sein: Dort steht ein junger, gut aussehender Pharmazie-Professor neben einer Reihe von adrett in weiße Kittel gekleideten Assistentinnen, denen er einen neuen Impfstoff erklärt. Dieses Foto war in den ersten Auflagen des Buches "Sozialismus – Deine Welt?" zu finden. Und gleichzeitig dient es als Parabel auf den Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion. Denn in dem Reagenzglas befindet sich nur Wasser, die Assistentinnen arbeiten nicht im Labor, sondern sind aus den Reihen der Sekretärinnen ausgesucht worden und der Professor arbeitet schon lange nicht mehr an der Universität, sondern bei der Chemopharm Leipzig.

Täuschungen

Rolf Bauerdick setzt sich in seinem zweiten Roman "Pakete an Frau Blech" mit der Täuschung auseinander – sei es innerhalb der eigenen Familie oder in der Zirkusmanege.

Maik Kleine wird 1964 in Leipzig geboren, sein Vater stirbt früh – angeblich aufgrund eines Laborunfalls. Also zieht Freya ihre drei Kinder alleine groß. Bis eine Katastrophe die Familie ereilt: In der Silvesternacht 1978/1979 ist Maik auf Jugendfreizeit im polnischen Zakopane. Daheim in Leipzig brennt sein Elternhaus nieder, mit ihm sterben seine Schwester Kessryn und sein Bruder Ronny. Da seine Mutter in die Nervenheilanstalt gesteckt wird, übernimmt die Zwillingsschwester seiner Mutter, Vera, seinen Vormund und holt ihn zu sich in den Westen nach Heidelberg.

Jahre später schreitet Maik Kleine hinter einem Elefanten zum Berliner Zentralfriedhof in Friedrichsfelde. Dort wird sein Ziehvater Alberto Bellmonti beigesetzt – einer der wohl bekanntesten Zirkusdirektoren Deutschlands, bei dem er sein Handwerk als Lichtkünstler gelernt hat. Zusammen mit Albina Kurkova, der ehemaligen schwebenden Jungfrau der Show, und Szymbo, dem ehemaligen Kapellmeister, wird Maik dann mit der Vergangenheit seines Ziehvaters und Mentors als Stasi-Spitzel konfrontiert.

Geschickt verflechtet Rolf Bauerdick zwei Geschichten vom Schein und vom Sein: die der DDR-Vergangenheit innerhalb der Familie sowie die Geschichte einer Illusionsshow in der Manege eines Zirkus. Lebhaft erzählt trägt sich hier eine bunte und gut durchdachte Geschichte einer deutsch-deutschen Vergangenheit zu. Alles passt – allein der Schluss mag ein wenig zu kitschig und leider auch überflüssig sein.  

mephisto 97.6-Redakteurin Constanze Gräsche im Gespräch mit Rolf Bauerdick
 

 

 

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