Literatur

Macht, Gier und Unterdrückung

Samar Yazbeks „Die Fremde im Spiegel“ erzählt von der Syrerin Hanan, die ihren zwei Jahrzehnte älteren Ehemann verabscheut, sich in ihrem gesellschaftlichen System gefangen fühlt und nicht daraus ausbrechen kann.
Ein Roman über die Unterdrückung der syrischen Frauen

Hanan al-Haschimi lebt in einem Villenviertel am Rand von Damaskus. Sie empfindet maßlosen Ekel gegen ihren Ehemann, der gleichzeitig ihr zwanzig Jahre älterer Cousin ist. Hanan nennt ihn nur „das Krokodil“ und wartet darauf, dass er bald stirbt. Die einzige Freude, die sie hat, ist die sexuelle Beziehung zu ihrer Haus-Dienerin Alia.

Doch auch diese Freude verschwindet, als Hanan ihren Mann mit dem Dienstmädchen in flagranti erwischt. Sie wirft Alia aus dem Haus. Das lässt die reiche Frau über ihr Leben nachdenken.

„Alles an Hanans Leben war auf geradezu widerwärtige Weise wohlgeordnet und darauf programmiert, auf einer schnurgeraden Linie zu laufen. Selbst in ihrem größten Kummer wagte sie es nicht, ihrer Familie ihre Gefühle zu offenbaren, denn für diese Schande hätte sie anschließend büßen müssen.“

Dienstmädchen Alia läuft mit ihrem schweren Koffer auf der Straße entlang. Sie fragt sich, wie es soweit kommen konnte. Auf dem Weg durch die Nacht erinnert sie sich an ihr früheres Leben: Alia stammt aus einem Armenviertel in Damaskus. Mit ihren vier Geschwistern und den Eltern wohnt sie in einer Hütte mit Wellblechdach. Ihr Vater ist arbeitslos und versäuft das Geld, das Alias Mutter für die Familie verdient. Er vergewaltigt die Mutter regelmäßig, sodass sie jedes Jahr schwanger wird.

„Er schubste die Mutter in das kleine Badezimmer, das gleichzeitig als Küche diente und in dem gerade einmal zwei Personen Platz hatten. Dort ließ er sie niederknien und bestieg sie für ein paar Minuten, um dann ganz unvermittelt wieder von ihr abzulassen. Meistens weinte sie dabei“

Alia wurde als Kind an die reiche Hanan verkauft. Jahrelang wartet sie darauf, dass ihre Familie sie abholt. Im Laufe der Jahre entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine erotische Beziehung. Doch diese basiert nicht auf Liebe, sondern auf Macht. In Samar Yazbeks Roman sind die Frauen Objekte. Sie müssen sich ihren Männern unterordnen und haben keine Rechte auf eigene Bedürfnisse. Ihre sexuelle Befriedigung erlangen sie nicht durch ihre Männer – von denen sind sie eher angewidert – sondern von jungen Frauen. Schließlich beginnt Alia auch mit Hanans Ehemann ein Verhältnis – und das nur, um nachts die „Königin des Hauses“ zu sein.

„In der ersten Hälfte der Nacht hat Alia nach dem Zepter gegriffen, hat nach der unsichtbaren Krone ihrer Macht getastet, bevor sie in einen kurzen Schlummer fiel…In der zweiten Hälfte hat sie sich in das Zimmer ihres Herrn geschlichen. Sich nackt zu ihm gelegt und mit seinem schlaffen Fleisch gespielt, bevor sie ihn wieder verließ und auf ihr Zimmer zurückkehrte. “

„Die Fremde im Spiegel“ beschreibt in sehr drastischer Art und Weise das System von Macht, Gier und Unterdrückung in Syrien. Schonungslos schildert Samar Yazbek Vergewaltigungs- und Gewaltszenen aus ihrem Heimatland. Ihre Sprache ist sehr direkt und detailliert. Dadurch schafft sie es, die Szenen bildhaft werden zu lassen. Auf der einen Seite gibt es voyeuristische Beschreibungen von Gewaltszenen, die an der Grenze zur Sensationsgeilheit liegen. Andererseits wird die erotische Beziehung zwischen Hanan und Alia geschildert. Diese wirken jedoch platt, fast kitschig und sind gespickt mit Plattitüden.

„Jetzt ist der Zimtgeruch wieder da. Und damit der hagere Körper ihres Dienstmädchen, zu der Zeit, als die reife Hanan auf dem Ozean der Lust die Kapitänin war und Alias Finger leitete, wohin sie wollte, bevor sie im schaumigen heißen Wasser in ihrer Benommenheit versank.“

Das Besondere an „Die Fremde im Spiegel“ ist der Ort Syrien, der aufgrund des arabischen Frühlings und der syrischen Revolution in das öffentliche Interesse gerückt ist. Der Roman gibt tiefe Einblicke in das Leben syrischer Frauen – und nur deswegen ist er lesenswert. 

Die Fremde im Spiegel von Samar Yazbek - eine Rezension von Paula Kautz.
Rezi Literatur
 

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Paula Kautz
30.09.2014 - 12:04

„Die Fremde im Spiegel“ ist im Verlag Nagel und Kimche erschienen und kostet 17,90 Euro.