Musik-Highlights: KW19

Live, Leid, Leidenschaft

Trotz Lockerungen verschmelzen langsam die Tage, die Stimmung ist schlecht und die Playlist wird fad? Nicht mit uns! Wir präsentieren euch wieder einmal die spannendsten Releases der Woche gegen den öden Alltagsbrei.
Musikhighlights der Woche - KW19
Musikhighlights der Woche - KW19

Unser Album der Woche kommt von "Car Seat Headrest" und heißt "Making a Door Less Open". Die Rezension dazu findet ihr hier

Hayley Williams – „Petals For Armor“

Album-VÖ: 08.05.2020

Paramore-Frontfrau Hayley Williams ist jetzt auch als Solo-Künstlerin unterwegs. Mit „Petals For Armor“ veröffentlicht sie ihr Debütalbum – und sorgt damit erstmal für Verwirrung. Nicht musikalisch, denn die Platte ist in sich durchaus geschlossen. Es ist mehr Williams’ Releasestrategie, die mehr Fragen stellt, als sie beantwortet: „Petals For Armor“ besteht aus 15 Songs. Die ersten fünf erschienen (in genau derselben Reihenfolge) bereits vorab auf der EP „Petals For Armor I“, die nächsten fünf wiederum auf „Petals For Armor II“. „Petals For Armor III“ wäre der vermeintlich logische Schritt, stattdessen erscheint jetzt aber das vollständige Album – mit lediglich fünf bis dato ungehörten Songs.

Das richtige „Ich bin ja so gespannt aufs Album“-Gefühl bleibt damit aus, da Williams sich irgendwie selbst geleaked hat. Und das ist schade, denn hätte man die Chance „Petals For Armor“ zum ersten Mal (die üblichen drei bis vier Single-Auskopplungen berücksichtigt) als großes Ganzes zu hören, würde es einen vermutlich von den Socken hauen.

Zunächst einmal klingt das Debüt in keiner Sekunde nach dem Paramore-Pop-Punk und zeigt damit den großen Einfallsreichtum und die kreative Bandbreite seiner Künstlerin. Es ist sehr feiner, elektronischer Pop mit vielen spannenden Wendungen. Williams setzt ihre Songs aus oft sanfter Gitarre, Synthies und tänzelndem Schlagzeug zusammen („Sudden Desire“), wird Spezialistin fürs scharfe Ein- und Ausatmen an den richtigen Stellen („Simmer“) und verfeinert Tracks mit der Unterstützung talentierter Freunde (boygenius auf „Roses/Lotus/Violet/Iris“). „Petals For Armor“ funktioniert als Album hervorragend und sollte als solches auch unbedingt konsumiert werden. Auch, wenn Hayley Williams es uns irgendwie anders verkaufen wollte.

Ariane Seidl

Sinead O’Brien – „Roman Ruins“

Single-VÖ: 05.05.2020

Als Kind durfte sie keine Pop-Songs auf dem Klavier spielen und fing an Gedichte zu schreiben, um sich besser ausdrücken zu können. Neben ihrem Mode-Studium in Paris und ihrer Arbeit für Designerin Vivien Westwood, hörte Sinead O’Brien nie auf zu schreiben, veröffentlichte ihre Gedichte und trat mit ihnen auf. Musik war dabei von Anfang an Teil ihrer Performance und im Laufe der letzten Jahre hat sich O’Briens Spoken-Word zu etwas weiterentwickelt, was sich schwer beschreiben lässt: Ihre klaren, gesprochenen Worte werden in ihren Songs mit Post-Punk Gitarren und einem schleppenden Schlagzeug zu einem gewaltigen Gesamtkunstwerk, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Become fixated on the change.
What wouldn’t melt would set.
Salt wouldn’t shake me.
Terra Cotta (sun burnt) planes.
Would not take me away.
What I would not accept could not change me.
Become fixated on the change.

Die Irin hasst Stillstand und so geht es auch in ihrer neuen Single „Roman Ruins“ um den ständigen Drang nach Veränderung. Die Idee für den Text kam ihr, als sie mit 50 anderen Menschen in einem Anwesen in London gewohnt hat und sich über die Geschichte des Hauses und ihrer ehemaligen Bewohner bewusst wurde. „Roman Ruins“ ist ein Vorgeschmack von Sinead O’Briens Debüt-EP „Drowning in Blessings“, die diesen Sommer erscheinen soll. 

Marie Jainta

Little Simz - „Drop 6“

EP-VÖ: 06.05.2020

Auf ihrer neuen EP „Drop 6“, setzt sich die britische Rapperin Little Simz mit Prokrastination und kreativer Verzweiflung während der Quarantäne auseinander. Die Künstlerin feierte 2019 mit ihrem Album „GREY Area“ Erfolg und reihte sich damit im britischen Subgenre „Grime“ neben bekannten KünstlerInnen wie Stormzy ein. 

Die fünf neuen Songs, welche Little Simz aka Simbi allesamt in Eigenregie während des britischen Lockdowns produzierte, sind im Vergleich zu vorherigen Werken sehr kurz gehalten - vier von fünf Tracks gerade mal nur ca. zwei Minuten lang - und dennoch keinesfalls enttäuschend. Dabei war der Künstlerin selbst zufolge der Entstehungsprozess der EP alles andere als einfach. Ursprünglich war die Veröffentlichung von "Drop 6" für Ende April angesetzt, aber ihr mentaler Zustand während des Lockdowns machten Simbi einen Strich durch die Rechnung.

After serious procrastination I decided to stop being a lil bitch and cry baby and knuckle down on the EP.

Schlussendlich erschien die EP nun am 06. Mai - und die extra Wartezeit hat sich gelohnt. Denn die zwölf Minuten haben es sowohl musikalisch als auch lyrisch in sich. Auf „Drop 6“ stellt Little Simz Fragen, vor denen zurzeit wohl so einige stehen und kommt damit genau zur richtigen Zeit.

How many naps can I take, how many songs can I write

Little Simz in "you should call mum"

Emma Lübbert

HAIM – „I Know Alone“

Single-VÖ: 29.04.2020

Charmante, minimalistische Choreografien gehören mittlerweile ebenso zur Marke HAIM wie ihr erdiger Pop. Die drei Schwestern Danielle, Alana und Este Haim verschmelzen nicht nur musikalisch, sondern auch auf der Tanzfläche zu einem überaus flüssigen Gesamtbild.

Vergangene Woche erschien mit „I Know Alone“ eine weitere Single aus ihrem bevorstehenden Album „Women in Music Pt. III“. Warme Synthies treffen auf das ernüchternde Gefühl, sich einsam und isoliert zu fühlen. HAIM legen damit den Finger in eine Wunde, die im Moment wohl alle sehr gut nachempfinden können. Aber sie wollen auch, dass „I Know Alone“ uns ablenkt und vielleicht sogar ein bisschen verbindet. Deshalb haben sie beim Release dazu ermutigt, die Choreografie selbst zu lernen, wenn man denn Lust hat. Gemeinsam mit dem Faced-Magazin gaben die drei US-Amerikanerinnen dann auch eine Art Online-Tanzkurs und erklärten mithilfe von Videoclips, wie man die „I Know Alone“-Choreographie zu Hause mittanzen kann. Und noch mehr gute Nachrichten: „Women in Music Pt. III“ sollte eigentlich erst im Laufe des Sommers erscheinen, erblickt jetzt aber schon am 26. Juni das Licht der Welt. HAIM dazu sinngemäß auf Instagram: „Scheiß drauf, so kommt es pünktlich zum Sommer.“

Ariane Seidl

Claire Laffut – „Étrange Mélange“

Video-VÖ: 04.05.2020

Mit ihrer ersten EP „Mojo“ spielte sich die belgische Indie-Pop Künstlerin Claire Laffut vor zwei Jahren in die Herzen der KritikerInnen. Vor kurzem kündigte sie auf ihren Social-Media-Kanälen ihr Debüt-Album an. Die erste Singleauskopplung „Étrange Mélange“ veröffentlichte sie vor drei Wochen, nun ist das dazugehörige Musikvideo erschienen.

Mit „Étrange Mélange“ knüpft Claire Laffut klanglich genau da an, wo sie mit „Mojo“ aufgehört hat – mit einem leichten, groovy Sound, der Sommergefühle erwachen lässt. Der Titel erzählt die Geschichte einer starken Leidenschaft, die nach und nach abklingt und sich in Schmerz verwandelt. Illustriert wird das Ganze durch Bilder wie den Engelsspeichel („salive des anges“) und den Knutschflecken des Teufels („suçon du diable“).

Neben der Musik ist Claire auch Malerin. Im Video zu „Étrange Mélange“ erwacht ihr Kunstwerk „Mirage de l’amour fini“, eine friedlich tropische Sonnenuntergangs-Szene, zum Leben. Weniger friedlich ist das, was sich darin abspielt: Eine Ameisenkolonie transportiert ein Herz und lässt es fallen – es zerbricht. Eine Schlange schlängelt sich um einen Baum und würgt ein menschliches Herz hervor, und die Person am Strand bekommt dunkle Flecken auf ihrer Haut, die Knutschflecken des Teufels. Das Ergebnis ist ein ästhetisches Gesamtwerk, ein verwelkendes Paradies mit leuchtenden Farben, das die Single passend abbildet. „Étrange Mélange“ – eine seltsame Mischung, beschreibt es also ganz gut.

Lina Kordes

LAYLA – „24/7“

Single-VÖ: 01.05.2020

Die Newcomerin LAYLA ist der neue funkelnde Stern am Hip-Hop Firmament. Die Wahl-Berlinerin macht deutschsprachigen R&B wieder spannend und erschafft in ihren Songs eine enorme Bandbreite von Rap bis Soul. Dabei ist „24/7“ erst LAYLA‘s dritte veröffentlichte Single. Die musikalische Karriere der Künstlerin kam zunächst Anfang 2019 mit kurzen Gesang-Snippets auf Instagram ins Rollen. Im Januar diesen Jahres folgte dann „Choppa“ – die erste offizielle Veröffentlichung der Musikerin mit einer ordentlichen Portion Attitude, Empowerment und Selbstbewusstsein. LAYLA's zweiter Rap-Song „Hustla“ ähnelt stimmungsmäßig dem Debüt-Track und Laila Darboe bringt mit ihren dynamischen Flows ordentlich Energie ins Rap-Game.

Auf „24/7“ zeigt sich die Künstlerin nun von ihrer soften Seite. Der Track ist ein Liebeslied, produziert von AgaJon und KND. LAYLA's sanfte, groovy Stimme passt dabei perfekt zum Text sowie zum souligen Beat. Es geht um tiefe Gefühle und die Offenbarung dieser; darum, was Liebe mit einem macht und wie es sich anfühlt „high vor Liebe“ zu sein. So lässt Laila Darboe ihre Mauern fallen und singt: 

Normalerweise lieb‘ ich mit Bedacht 
doch Baby deine Liebe macht mich schwach.

Für die Künstlerin steckt jedoch noch mehr hinter den Lyrics – für sie ist der Track auch eine Würdigung ihrer selbst. Selbstliebe ist für LAYLA ein großes Thema, wie die Newcomerin zum Beispiel mit dem Musikvideo zu „24/7“ ausdrücken möchte. Im Video sieht man die Musikerin in diversen Outfits posieren und wie LAYLA dem weiblichen Körper samt geöffneter Vagina in einem von ihr gemalten Bild eine künstlerische Form gibt. Auf Instagram beschreibt LAYLA ihre Gedanken dann noch genauer: “Ich drücke Selbstliebe auch über die Liebe zu meinem Körper und meiner Freiheit ihn zu zeigen aus … Ich finde es schade, dass der weibliche Körper so stark sexualisiert wird. [...]”. 

Nele Rebmann

Fontaines D.C. – „A Hero’s Death“

Single-VÖ: 05.05.2020

Mit ihrem Debüt-Album „Dogrel“ haben die Iren von Fontaines D.C. 2019 einen ziemlichen Brocken vorgelegt. Zwar wurden sie dafür von Presse und Publikum mit viel Lob überschüttet; als ein Feuerwerk der guten Laune konnte man den krachigen Post-Punk der fünf Jungs aus Dublin aber kaum bezeichnen.

Von daher ist zumindest der Text ihres neuesten Songs eine kleine Überraschung: In „A Hero’s Death“, dem Titeltrack ihres zweiten Albums, das am 31. Juli erscheinen soll, nennt die Band wie in einem Selbsthilfehandbuch eine Reihe von Tipps zum Erreichen von Lebensfreude:

Bring your own two cents
Never borrow them from someone else
Buy yourself a flower every hundredth hour
Throw your hair down from your lonely tower

 

So wie Sänger Grian Chatten den Text herausbellt, wirkt das Ganze allerdings doch eher sarkastisch gemeint, besonders wenn er im Refrain die Zeile „Life ain’t always empty“ ständig wiederholt.

Zum schwarzhumorigen Text passt auch das Musikvideo. Darin sieht sich „Game of Thrones“-Fiesling Aidan Gillen als Fernsehmoderator in einer Art Zeitschleife gefangen. Wie in einem Albtraum von David Lynch erlebt er immer wieder dieselben Szenen im Backstage-Bereich, mit zunehmend grotesken Details. Wenn Fontaines D.C. so das Leben im Showbusiness wahrnehmen, könnte ihr kommendes Album womöglich ihr letztes bleiben.

Martin Pfingstl

BHZ – „Nelly“

Single-VÖ: 01.05.2020

Seit der Rap-Crew BHZ kennt sie jeder: Die Apostel-Paulus-Kirche an der Eisenacher Straße - durch die Tracks der Berliner Jungs auch bekannt als die „church“. Hier trifft sich die Clique seit Jahren. Die BHZ Mitglieder Big Pat, Monk, Dead Dawg, Longus Mongus sowie Ion Miles sind schon lange Freunde und bereits seit einiger Zeit im Rap-Game unterwegs. Lange Zeit in Deutschraps Untergrund zu verorten, erzielen die Tracks der Gang mittlerweile durchweg viele Klicks und BHZ hat eine breite Fangemeinde.

Um genau diese Themen dreht sich auch die neue Single „Nelly“. In diesem Track treffen auf schnellen Trap-Beats von KazOnDaBeat liebevolle Referenzen an das Zuhause Schöneberg, die Erfolgsgeschichte der Jungs sowie Einblicke ins Crew-Leben auf den Konsum diverser Substanzen.

Dreizehn Uhr und meine Jungs wieder besoffen 
Eisenacher-Corner, heute Mainstage 
BHZ Familie, häng mit Brüdern und mit Bae

Dabei besonders wichtig für die Jungs: BHZ bleiben sich und ihrer Hood treu. Klar geht es auch bei der Berliner Crew um Geld und Erfolg, doch sinnloses Flexen diverser Marken? Fehlanzeige. Und das ist letztendlich genau das, was die Schöneberger Clique ausmacht. Der Spaß an der gemeinsamen Leidenschaft Hip-Hop steht im Mittelpunkt; zusammen wird gerappt, gefeiert und der Berliner Life-Style gepflegt. Die Single „Nelly“ ist zudem Vorbote für ihr neues Album „Kiezromantik“. Das dritte gemeinsame Album der Rap-Crew wird am 29.05. erscheinen.

Nele Rebmann

Parcels – „Live Vol. 1“

Album-VÖ: 29.04.2020

Mit geschlossenen Augen wippt Jules Crommelin zu den Takten der Musik hin und her. Hier in den Hansa Studios mitten in Berlin, in denen bereits David Bowie und Iggy Pop aufnahmen, entsteht das zweite Studioalbum der australischen Band Parcels – eine Live Version ihrer bisherigen und einigen neuen Songs, ganz ohne Publikum. Gewohnt funky und mitreißend beginnen die fünf Wahl-Berliner, der Beat baut sich immer weiter auf – dann, nach dem Intro „Entry“, gehen sie fast übergangslos in einen ihrer älteren Hits über: „Myenemy“. Und so zieht sich diese entspannte, aber nie langweilig oder auswechselbar klingende Stimmung auch durch ihr zweites Werk. So können Ihre Fans von Zuhause aus mitwippen, mitfühlen. Parcels haben mit dieser Platte erneut bewiesen, wie ihre individuelle Mischung aus Synthesizern, langsamen Klavierklängen und sanften Melodien funktioniert – und das auch live, ohne Publikum. So schiebt sich „Live Vol. 1.“ perfekt zwischen die immer länger andauernden Sonnenstrahlen und ist dabei nicht nur etwas für eingeschweißte Fans der fünf Australier.

Celine Schmock

 

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