Oper Leipzig

Liebeswahn in schwelgerischer Atmosphäre

Belcantoopern fristen nach wie vor ein Schattendasein auf deutschen Bühnen. Jetzt hat die Leipziger Oper eine ihrer bekanntesten Vertreterinnen unter der Regie von Katharina Thalbach auf die Bühne gebracht: Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“.
Oper Leipzig, Lucia di Lammermoor
Braut im Wahnsinn: Lucia di Lammermoor (Anna Virovlansky)

Im Zentrum von Donizettis meistgespielter Opera seria steht das junge Paar Lucia und Edgardo, das aufgrund einer Familienfehde nicht zueinanderfinden darf. Ähnlich wie in Shakespeares Romeo und Julia – beziehungsweise dessen Belcantovariante, Vincenzo Bellinis I Capuleti e i Montecchi – entspinnt sich hier vor der Kulisse der schottischen Highlands eine Tragödie mit tödlichem Ausgang für das Liebespaar. Denn Lucia muss nach dem Willen ihres Bruders einen Anderen heiraten, um seine schwindende politische Macht zu stärken. Aus Kummer darüber wird Lucia wahnsinnig und ersticht in der Hochzeitsnacht den ungeliebten Gatten, Edgardo bringt sich daraufhin um.

Schottisches Schauerdrama

Unglückliche Liebenden in Leipziger Lucia di Lammermoor
Unglückliche Liebende: Edgardo (Antonio Poli) und Lucia (Anna Virovlansky)

Das mag sich etwas krude anhören, doch Mitte des 19. Jahrhunderts war Wahnsinn aus Liebeskummer ein sehr beliebter Operntopos. Regelmäßig erlagen dort Heldinnen wie Donizettis Anna Bolena, Maria Stuarda oder Bellinis Elvira (I Puritani) und Immogene (Il Pirata) mindestens zeitweise dem Irrsinn. Insofern war Walter Scotts üppig wucherndes Schauerdrama genau die richtige Vorlage für Donizetti und seinen Librettisten Salvatore Cammarano. Doch Donizettis Werk ist weit mehr als ein bloßes effekthascherisches Primadonnenvehikel: Es beschreibt den langsamen psychischen Zusammenbruch einer unter äußerem und innerem Druck stehenden Frau, die zwischen den Mühlen einer uralten blutigen Clanfehde und den eigenen Wünschen und Sehnsüchten zermahlen wird und deren tragischer Ausbruch schließlich in der Ermordung des eigenen Gatten gipfelt.

Szenische Notlösung als Interpretationsmöglichkeit

Lucia im Rollstuhl
Lucia im Rollstuhl

Kurz vor der Premiere zog sich Anna Virovlansky, die Sängerin der Titelpartie, einen Bänderriss zu, in szenischer Hinsicht ein echtes Problem. Also improvisierte Regisseurin Katharina Thalbach und machte aus der Not eine Tugend: Sie schrieb kurzerhand die stumme Rolle von Lucias toter Mutter, die in der Vorlage gar nicht existiert, in die Oper hinein. Als gespenstische und zugleich mütterliche Gestalt mit schwarzem Schleier begleitete sie Lucia durch den Abend, übernahm hier und da eine ihrer szenischen Interaktionen, hielt sich aber ansonsten im Hintergrund. Dass diese Notlösung tatsächlich aufgeht und überaus stimmig wirkt, liegt zum einen daran, dass die verstorbene Mutter des Öfteren erwähnt und als psychologisches Druckmittel gegen Lucia verwendet wird – und zum anderen daran, dass die Grundstimmung des Stücks ohnehin düster und unheimlich ist: Hexen erscheinen aus dem Nichts, Lucia hat schreckliche Visionen einer ermordeten Ahnin und über all dem schwebt auch noch ein Familienfluch. Dass Lucia an den Rollstuhl gefesselt und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, kann gleichsam als Ausdruck ihrer psychischen Einengung verstanden werden. Selten hat es wohl eine dramaturgisch wie szenisch so harmonische Notlösung gegeben, von der man sich wünscht, dass sie auch in weiteren Vorstellungen beibehalten werden kann.

Prächtige Kulisse

Katharina Thalbach belässt in ihrer Inszenierung das Stück in seiner ursprünglichen Umgebung, den wilden Weiten des schottischen Hochlands. Das gilt ebenso für die Kostüme (Angelika Rieck): die Herren tragen Kilt und Wams, die Damen lange Kleider. Das wandelbare Bühnenbild von Momme Röhrbein schwelgt in düster-romantischen Bildern und wird von wundervoll stimmungsvollen, naturalistischen Landschaften im Hintergrund untermalt. Mit einfühlsamer Personenführung und viel Gespür für das Sängerische lässt die Regisseurin den Darstellern genügend Raum, um sich entfalten zu können, ohne dabei den Fokus auf den tragischen Höhepunkt aus dem Blick zu verlieren. Eine waghalsige Neuinterpretation ist das nicht, doch gerade weil diese Inszenierung weit weg von unschönen Regietheatereskapaden ist und keine zwanghafte Modernisierung anstrebt, die das Stück gewaltsam in ein anderes Korsett presst, sondern natürlich und harmonisch wirkt, ist sie im besten Sinne altmodisch und überzeugt mit ihrer inneren Geschlossenheit.

Lucia di Lammermoor, stimmungsvollesBühnenbild
Lucia wird verheiratet

Theaterredakteurin Eva Hauk im Gespräch mit Moderator Nico von Capelle:

Theaterredakteurin Eva Hauk über die Premiere von "Lucia di Lammermoor" an der Leipziger Oper
Theaterredakteurin Eva Hauk im Gespäch mit Moderator Nico von Capelle

Auf den Flügeln des Belcanto

Einen ganzen Abend lang eine (im wahrsten Sinne) so mörderische Partie wie die Lucia im Sitzen singen zu müssen, ist gesangstechnisch gesehen eine extreme Herausforderung. Doch die Tatsache, dass Anna Virovlansky ihr Rollendebüt größtenteils im Rollstuhl singen muss, scheint kein Hemmnis für ihre Stimmbänder zu sein: Sie meistert diese extrem anspruchsvolle und virtuose Belcantoparaderolle scheinbar mühelos mit glasklarer Stimme, ausgeglichenen Übergängen und brilliert mit flüssigen Koloraturen und intonationssicherer Höhe. Ihr technisches Können zeigt sie vor allem auch in der berühmten Wahnsinnsszene, in der sich Lucia mit ihrem Geliebten glücklich vereint am Traualtar wähnt. Trotz der scheinbaren Beeinträchtigung gelingt ihr die Wandlung von der fragilen, unschuldigen Frau zur blutbefleckten Mörderin, die mit wahnsinnig-verzücktem Lächeln ihre Umgebung mit dem Dolch bedroht. Doch Lucia ist nicht nur ein Bravourstück für Koloratursoprane, sondern bietet in der Tenore di grazia-Rolle des Edgardo ein entsprechendes Gegenstück für Tenöre. Antonio Poli singt einen hervorragenden Edgardo di Ravenswood mit frischer, geschmeidiger Stimme und leidenschaftlichem Auftreten. Seinen intriganten Gegenspieler Enrico Ashton gibt Mathias Hausmann darstellerisch wie sängerisch überzeugend mit kräftigem, zupackendem Bariton. Aber auch die übrigen Rollen sind großartig besetzt: etwa Sejong Chang mit volltönendem Bass als Priester Raimondo, Sandra Janke mit warmem Mezzo als Alisa oder Dan Karlström mit hellem Tenor als Helfershelfer Normanno. Auch der Chor präsentiert sich an diesem Abend spielfreudig und musikalisch bestens aufgestellt. Die virtuos-beseelte Musik Donizettis dirigiert Anthony Bramall mit leichter Hand klar und unsentimental. Mit viel Fingerspitzengefühl und Präzision arbeitet er ohne zähflüssige Verzögerungen sowohl die dramatischen wie auch die lyrischen Szenen heraus und schafft so, passend zum Bühnengeschehen, eine intensive, musikalisch vielschichtige hell-dunkel Interpretation des Belcantoklassikers.

Fazit

Nachdem es bereits 2002 / 2003 einen Belcantozyklus mit wenig gespielten Werken gab, wäre es wünschenswert, wenn die Leipziger Oper diesen Ansatz fortführen würde. Denn die heutige Premiere hat bewiesen, dass Belcanto definitiv nicht verstaubt und altbacken ist, sondern mitreißend und emotional sein kann. Das Publikum war am Ende restlos begeistert und applaudierte lautstark allen Beteiligten. Insbesondere Anna Virovlanskys Glanzleistung wurde mit minutenlangen Standing Ovations und zahlreichen Bravorufen gefeiert. Also: Mut zu Raritäten und bitte mehr davon!

 

 

 

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