Gespräche auf dem Roten Sofa

Lieber mit der Eisenbahn fahren

Egal wie viel Eltern erzählen, Kinder müssen stets ihre eigenen Erfahrungen machen. Filipp Piatov kennt seine russische Heimat nur aus Familiengeschichten und begibt sich auf eine Reise in das Land seiner Vorfahren - via Transsib und Couchsurfing.
Fillipp Piatov warnt vor interrussichen Flügen und rät dazu, die Eisenbahn zu nutzen
Fillipp Piatov warnt vor interrussichen Flügen und rät dazu, die Eisenbahn zu nutzen

Als Filipp Piatovs Eltern mit ihm 1992 nach Deutschland auswandern, ist er mit einem Jahr noch zu klein um von seinem Heimatland wirklich etwas mitbekommen zu haben. Russland kennt er nur aus den Geschichten seiner Eltern, den Kriegsgeschichten seiner Großeltern und aus den Kochtöpfen seiner Mutter. Na gut, Russisch sprechen kann er auch und die Politik Wladimir Putins ist ihm sowohl bestens bekannt und als auch nicht geheuer. Er reist nach Sankt Petersburg - seinen Geburtsort -, Moskau und mit der Transsibirischen Eisenbahn bis zum Baikalsee.

Interrussische Flüge möchte ich niemandem empfehlen!

Filipp Piatov - Warum man lieber mit der Eisenbahn fahren sollte

Auf seinem Weg trifft er die homophoben Verwandten, die westlich orientierten Hipster, das beharrlich schweigende Großmütterchen und immer wieder Alkoholiker und "unheimlich aussehende Taxifahrer". Stets auf der Suche nach dem Russland seiner Eltern und dem echten Russland von heute. Aber das Land ist zu groß und zu widersprüchlich um es zu fassen.

200 Seiten Kolumne

Piatovs Schreibstil ist kurzweilig und leicht. Anstelle eines Romans hat man eher das Gefühl eine 200 Seiten lange Kolumne zu lesen. Sein Text ist pointiert, witzig, mit (beinahe zu) vielen bldhaften Vergleichen, dem trotzdem das Streichen von zwei, drei Passagen nicht geschadet hätte. Und obwohl Piatov mit seiner Reise die Geschichten und Anekdoten seiner Familie entmystifizieren wollte, merkt er, dass dies nicht möglich ist. Ferner schafft er mit seinem Debütroman weitere Geschichten und Anekdoten über ein auf eine andere Art mystisches Russland, denen seine Kinder wohl irgendwann auf den Grund gehen wollen.

Wenn ich gesagt bekomme: Wen haben wir denn außer Putin? Dann denke ich mir: Na ja, einer von 140 Millionen wird ja wohl dabei sein.

Filipp Piatov - Über Politik in Russland

Russen sprechen ungerne mit Fremden über Politik

Die russische Politik und Wladimir Putin werden im Westen stark kritisiert. Auf seiner Reise durch Russland, stellte Filipp Piatov fest, dass vielen Menschen, bei denen er unterkam, die Politik egal war. Dabei war der Drang über Politik zu reden auf beiden Seiten gering. Trotzdem ist die Politik in Russland sehr present. Dabei wird häufig der Staatssender geschaut. Der erreiche immerhin mehr als 95% der Bevölkerung. Dort werde vor allem Propaganda gezeigt. Da verwundere es auch nicht, dass wenn man zum Beispiel über die Anti-Homosexuellen-Gesetze gesprochen wird, dass dort häufig mittelalterliche Argumente genutzt würden.

 

Charlotte Schulze im Gespräch mit dem Autor Filipp Piatov über sein Buch "Russland Meschugge".
Charlotte Schulze im Gespräch mit dem Autor Filipp Piatov über sein Buch "Russland Meschugge".

 

 

 

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Filipp Piatov wurde 1991 in Leningrad geboren. Ein Jahr später zog seine Familie nach Deutschland. Jüdische Familie väterlicherseits. Essayist und Kolumnist für z.B. ”Die Welt”. Er schreibt außerdem den Blog für ein Berliner Start up, das sich mit Geldüberweisungen per App beschäftigt. Lebt in Berlin.

Debütroman “Russland meschugge”, dtv premium und als dtv eBook, 200 Seiten, 14,90 €