CD der Woche

Liebe in Zeiten des Internets

Schon lange streiten sich Musiker und Streaming-Dienste a lá Spotify und Apple Music um eine faire Bezahlung für Künstler. Wilco hatten darauf wohl keine Lust. Sie verschenken lieber ihr neuntes Studioalbum unangekündigt über das Internet.
Schon seit über 20 Jahren spielen Wilco zusammen. Grund genug, um die eignen Fans mit einem Überraschungsalbum zu beschenken.

In der Musikbranche muss heutzutage alles immer schnell gehen. Das gilt spätestens seit Spotify, Youtube  und Co. nahezu jeden jemals veröffentlichten Song zum kostenlosen Hören anbieten. Da wird der gemeine Musikkonsument bei so einer immensen Auswahl schon mal wählerisch. Das führte dazu, dass Künstler nicht nur geringer Bezahlung sondern auch einem nie dagewesenen Konkurrenzkampf um Plays und Followern ausgesetzt sind. Nicht zuletzt deswegen verschwinden viele Bands schon nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung. Da schaffen es nur noch wenige sich über einen längeren Zeitraum zu beweisen. Ein Beispiel ist die amerikanische Indie-Band Wilco. Die 6-Köpfige Band aus Chicago macht seit über 20 Jahren gemeinsam Musik. Das darf natürlich gefeiert werden, am besten mit Geschenken. Doch statt, dass es Bouquets und Kristallgläser für die fast 50-Jährigen Bandmitglieder gäbe, verteilen Wilco lieber selbst Geschenke.  Ihr neuntes Studioalbum „Star Wars“ können Fans seit zwei Wochen umsonst auf der Website der Band runterladen.

Die Freude am Verschenken

Die Geste wirft natürlich Fragen auf.  Warum verschenkt eine so erfolgreiche Indieband einfach so ihre neue Platte? Kann das Liebe sein? Oder steckt dahinter eine geniale PR-Kampagne? Fakt ist, dass alle großen Musikblogs und –Zeitschriften völlig überrumpelt waren. Die Band selbst sieht die Sache gelassen. So eine Überraschung mache eben Spaß, einen anderen Grund brauche man nicht.  Wer dahinter ein Misstrauen an die eigene Musik wittert, liegt weit daneben. Musikalisch ist „Star Wars“ ein Höhepunkt  im Schaffen der Band. Mal kreischen die Gitarren als hätten Wilco sie in der heimischen Garage gefoltert.  Zum Beispiel in der Single „Random Name Generator“. Vom Uptempo-Schlagzeug getrieben entfalten sich hier die Detailtreue und kompositorische Raffinesse Wilcos auf kleinstem Raum.

Wilco spielen ihre Single "Random Name Generator" auf dem Pitchfork-Fastival.

 

Wo auf anderen Wilcoalben zwölfminütige Countryrock-Exzesse dem Hörer würdevoll alles abverlangen, kommt die Truppe auf ihrem neuen Album zügig zum Punkt. Kaum ein Song schafft es über drei Minuten. Stattdessen konzentrieren sich Wilco aufs Wesentliche. Sie treffen dabei ins Indie-Opa-Herz, dass nach Songs wie dem glamrockigen „Pickeld Ginger“ oder dem Velvet Underground-artigen „You Satelite“ einen neuen Schrittmacher braucht.

Der Klang der Prärie

Gleichzeitig lässt „Star Wars“ erkennen, warum die Band in den USA auf den größten Konzerten spielt, in Deutschland aber vergleichsweise wenig Beachtung bekommt. Der Sound der Band ist seit jeher stark beeinflusst von Country-Attitüden, die man im Musikjargon auch als Americana kennt.  Also als Sound, der an die Landschaften und Kulturen der Vereinigten Staaten erinnern soll. Den hört man zum Beispiel auf dem Song „The Joke Explained“.  Der Song lebt von ein dylanesquer Gesang a eine Melodie, die entfernt an amerikanische Songkultur erinnert - Mehr America auf zweieinhalb Minuten geht nicht. Zu einer Lobeshymne auf die Heimat lassen sich Wilco allerdings nie hinreißen. Stattdessen geht es auf „Star Wars“ vor allem kryptisch her. Die Single „Random Name Generator” lässt allerdings vermuten, worum es auf der Platte gehen soll.

I kinda like it when I make you cry
A miracle only once in a while
A random name
Random name generator

Wilco - Random Name Generator

Abgrenzung ist das Ziel. Der Sänger der Band Jeff Tweedy versucht sich von blind folgenden Anhängern zu befreien („King Of You“) oder sich in niemals endenden Auseinandersetzungen mit Freund und Feind nicht unterzugehen. Die Bühne gehört dem Ich. Auch wenn es in anderen Songs auf sympathische Weise um scheinbar gescheiterte Beziehungen geht („Taste The Ceiling“). Am Ende will oder muss Tweedy eben immer allein zu sein. Dabei singt er die für Wilco so typischen kryptischen Texte mit einer Leichtigkeit,  wie man sie seit „A Ghost Is Born“, dem Grammy-prämierten Album der Band,  nicht mehr gehört hat.

Fazit

„Star Wars“ ist eine Bereicherung für den sonst so milden musikalischen Sommer. Nicht nur, weil Wilco dank einer gelungenen PR-Kampagne die Debatte um Streaming-Dienste mit Sicherheit bereichern wird. Auch nicht, weil eine der größten Indiebands der USA ihre Fans mit einem kostenlosen Album überrascht. Sondern weil „Star Wars“ ein Album voller musikalischer Raffinesse ist und sich dabei nie in Details verliert.  Wer ein solches Geschenk - das nebenbei bemerkt in so einem schönen Artwork verpackt ist- verteilt, hat einiges verstanden. Wilco zeigen mit „Star Wars“,  was Liebe im 21. Jahrhundert sein kann. 

 

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Lars-Hendrik Setz
03.08.2015 - 00:04
  Kultur

Wilco: Star Wars

Tracklist:

01 EKG
02 More….
03 Random Name Generator*
04 The Joke Explained
05 You Satellite*
06 Taste The Ceiling*
07 Pickled Ginger
08 Where Do I Begin
09 Cold Slope
10 King of You
11 Magnetized*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 16.07.2015
dBpm

Wilco im Web 2.0

"Star Wars" ist noch bis Ende August auf der Homepage der Band erhältlich. Hier geht's zum Download.

 

Wilco-Sänger Jeff Tweedy hat sich mit Pitchfork über die Chicago. Musikszene 90er, die Gründungszeiten der Band und über ihr neues Album unterhalten. Den Podcast gibt es hier.

 

Weil noch immer viele Künstler auf den Verkauf von Platten angewiesen sind, haben Wilco eine Liste ihrer liebsten Alben und Künstler der letzten Jahre veröffentlicht.

 

2011 hat das Pastemagazine die 30 besten Wilco Songs gekürt. Die mephisto 97.6 Empfehlungen der neuen Platte kann man sich ja dazu denken.