CD der Woche

Liebe auf den zweiten Blick

„Perpetual Motion People“ ist zwar die sechste Veröffentlichung des 28-Jährigen Ezra Furman aus Chicago, der Durchbruch in Europa lies bisher allerdings auf sich warten. Jetzt wird es höchste Zeit.
Kann einfach alles tragen: Ezra Furman.

Wer Ezra Furman kennt weiß, dass er kein Freund der klassischen Geschlechterrollen ist: am wohlsten fühlt sich der Amerikaner mit Lippenstift und Kleid. Sowieso hat er noch nie viel von Regeln gehalten, weder privat noch musikalisch. Diese Einstellung auch öffentlich zu vertreten ist ihm nicht immer leicht gefallen. Vor allem in der High School empfand er es als leichter sich zwischen Football Stars und Cheerleadern einzureihen und sich Tag für Tag hinter einer konventionellen Fassade zu verstecken. Das brachte letztendlich Depressionen, Selbstmord-Gedanken und einige Stunden beim Psychiater mit sich. Manch einer würde meinen das wäre etwas das man lieber geheim hält. Nicht so Ezra Furman. Er ist mittlerweile ganz er selbst und packt alle diese Dinge und was ihm sonst so im Kopf rumschwirrt in seine Musik.

Von und für „Perpetual Motion People“

Ezra Furman sieht sich selbst als einer dieser „Perpetual Motion People“ – eben jemand der ständig in Bewegung ist und sich nirgendwo auf der Welt richtig zu Hause fühlt. In seinen Texten beschäftigt er sich mit seinen Depressionen, der Suche nach der eigenen Identität, Liebe, Einsamkeit, Politik und der Unbeständigkeit des Lebens. So gibt er sich in „Lousy Connection“ eine sehr gesellschaftskritische Stimme, für die es in einer konservativen Gesellschaft kein Gehör zu geben scheint. In „Body Was Made“ verteidigt er energisch seinen Kampf für die Geschlechterlosigkeit, während er in „Haunted Head“ von seinen Depressionen singt. In „Can I Sleep in Your Brain“ bittet er um eine Auszeit von seinem verwirrenden Gedanken und entschuldigt sich förmlich für seine Offenheit.

Selbstironie statt Selbstmitleid

Anfangs fragt man sich als Hörer wirklich ob man diese Ehrlichkeit und Offenheit 13 Titel lang verkraften kann. Doch Ezra Furman versinkt auf „Perpetual Motion People“ keinesfalls in Selbstmitleid. Vielmehr vermittelt er seine Botschaften mit viel Ironie und Poesie und verpackt den schweren Text in eingängigen Melodien, von denen so gut wie jede zum Ohrwurm taugt.  Ezra Furmans Heimatlosigkeit zeigt sich auch in seiner Musik. Einem bestimmten Genre will er sich nicht unterordnen. Stattdessen treffen Swingendes Saxophon und 50er Jahre DooWop auf Punk Rock und sorgen so eher für eine fröhliche Grundstimmung als für Traurigkeit. Selbst anfangs ruhigere Titel wie der bereits erwähnte „Can I Sleep in Your Brain“ ziehen gegen Ende das Tempo an und werden so zur tanzbaren Rock’n’Roll Nummer. Der Song „Tip of A Match“ rutscht ganz klar in die Punk Rock Schublade und wird in dieser sonst sehr klaren Linie der Genrelosigkeit schnell nervig.

Fazit

Wenn man nicht auf den Text achtet klingt „Perpetual Motion People“ wie ein Album, das Pflichtaufgaben wie Putzen ein bisschen spaßiger werden lässt. Beim genaueren Hinhören merkt man allerdings dass diese Musik viel mehr ist als fröhliches Gedudel das nebenbei läuft. Gerade der Kontrast zwischen lebhafter Melodie und tiefgründigen Texten macht „Perpetual Motion People“ zu einem Kunstwerk, das den Hörer zwar mitreißt aber auch zum Nachdenken bringt.

 

Kommentieren

Isabel Woop
13.07.2015 - 17:06
  Kultur

Ezra Furman: Perpetual Motion People

Tracklist:

1 Restless Year*
2 Lousy Connection*
3 Hark! To the Music
4 Haunted Head*
5 Hour of Deepest Need
6 Wobbly
7 Ordinary Life
8 Tip of a Match
9 Body Was Made
10 Watch You Go By
11 Pot Holes
12 Can I Sleep in Your Brain*
13 One Day I Will Sin No More

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 06.07.2015
Bella Union

Konzerte:

Ezra Furman spielt am 27.10. im Lido in Berlin.