Stadtarchiv

Lesen, wo schon Max Schmeling boxte

Das Stadtarchiv zieht 2019 in den sogenannten sowjetischen Pavillon auf dem Gelände der Alten Messe im Süden Leipzigs. Das Gebäude hat eine reiche Geschichte. Selbst Max Schmeling hat hier schon geboxt. Der Umbau hat vor kurzem begonnen.
NSU
Über 12.000 Regalmeter Akten des Stadtarchivs müssen umziehen

Den Namen "Sowjetischer Pavillon" trägt das Gebäude erst seit den 50ern. Ursprünglich hieß es schlicht Messehalle 12 und wurde in den zwanziger Jahren für Ausstellungen der Maschinenindustrie genutzt. Da die Ausstellungen aber nur selten stattfanden, wurde die graue Halle in der Zwischenzeit für Sportveranstaltungen genutzt. Vor allem Radsportveranstaltungen fanden hier statt. Eigentlich war die grobe Halle mit ihren dicken Säulen im Inneren kaum dafür geeignet. Max Schmeling gewann trotzdem seinen Boxkampf im Jahr 1927 gegen den Kölner Hein Domgörgen. Während der Zeit der Nationalsozialisten wurde die Halle aber kaum genutzt, für Massenveranstaltung, der von ihnen gewünschten Größenordnung, war sie nicht geeignet.

Erst nach Ende des zweiten Weltkrieges kam ihr wieder Bedeutung zu. Im Jahr 1950 wurde die Halle als sowjetischer Pavillon neu geöffnet. In der DDR diente die Halle für Propaganda-Ausstellungen der Sowjetunion. Dafür wurden aber einige Umbauten an dem Gebäude vorgenommen. Das Äußere wurde hell verkleidet und die markante goldene Spitze mit dem Stern angebracht. Peter Leonhardt, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger der Stadt Leipzig, erklärt, dass es noch ein weiteres Vorbild für den Umbau im stalinistischen Stil gab:

Im Inneren, im eigentlichen Hallenraum, da hat man sich doch sehr stark inspirieren lassen von den Metrostationen Moskaus aus den 30er Jahren mit einem großen Glasoberlicht in Tonnenform und einer indirekten Beleuchtung. Das waren sozusagen die Raumvorstellungen Moskauer Art, die man damit verband und die hier realisiert wurden.

Mit Stalins Tod im Jahr 1953 wurde die Halle aber schon wieder verändert. Still und heimlich wurden die Erinnerungen an den verstorbenen Diktator zerstört. Erst im Zuge des aktuellen Umbaus wurden Mosaike zu Ehren Stalins wieder entdeckt, die verputzt worden waren. Laut Peter Leonhardt geschah das alles sehr heimlich:

Wir wissen nicht, wann das Stalin Denkmal verschwunden ist, wann die unlängst aufgefunden Mosaike eigentlich hinter Abdeckungen verschwanden. Wann eigentlich die ganze große Ruhmeshalle, die sich zu Ehren Stalins im Eingang befand, abgebrochen worden ist. Das alles ist sehr heimlich geschehen, ohne dass es in der Öffentlichkeit oder auch nur in unseren Akten irgendeinen Niederschlag gefunden hätte.

Die Mosaike werden derzeit restauriert, um Teil des neuen Stadtarchivs zu werden. Das platzt an seinem jetzigen Standort an der Torgauer Straße fast aus allen Nähten. Daher soll es schon seit längerer Zeit umziehen. Ein geeignetes Gebäude in Leipzig zu finden sei schwer gefallen. Erstens müsse es ein Gebäude im Besitz der Stadt sein und es gebe noch eine zweite wichtige Bedingung, erklärt Beate Berger, die Direktorin des Stadtarchivs:

Die meisten Gebäude bringen diese Voraussetzung nicht mit, das ist nämlich die hohe Deckentraglast. Also von mindestens 1.000 Kilogramm pro Quadratmeter.

Somit wäre eigentlich auch der sowjetische Pavillon nicht geeignet. Denn seine Deckentraglast reicht nicht aus, um alle Dokumente zu tragen. Bis 2019 muss also viel geändert werden an dem historischen Gebäude. Ein Lesesaal sowie Vortragsräume und Büros sollen entstehen. Außerdem soll es gemütliche Arbeitsbereiche für die Besucher und Internetzugang geben. Der Umbau soll im Mai 2018 soweit abgeschlossen sein, sodass der Umzug beginnen kann. Ein kleiner Umzug wird das nicht, denn im Besitz des Stadtarchivs sind über 12.000 Regalmeter Akten, 4.000 Urkunden, 360.000 historische Fotos und 90.000 Karten und Pläne.

Redakteurin Pia Siemer hat hier die wichtigsten Fakten zu dem Umzug des Stadtarchives zusammengetragen:

Pia Siemer über die Geschichte des Sowjetischen Pavillons
Sowjetische Vergangenheit Leipzigs

 

 

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