"Die Kamera als Waffe"

Lemberg 1941 – Gewalt in Bildern

Wird man durch Fotografieren automatisch zum Mittäter? Was hat es mit den Bildern von Lemberg vom ersten Juli 1941 auf sich? Diesen Fragen widmete sich Prof. Dr. Paul in seinem Vortrag am Montagabend in der Universitätsbibliothek Albertina.
Wird man als Fotograf automatisch zum Mittäter?

Unter dem Titel "Gewalt im Bild – Bild als Gewalt – Gewalt am Bild" hielt Prof. Dr. Paul am 21. Oktober 2014 einen Vortrag über die Fotografien deutscher Wehrmachtssoldaten, die in ihren Bildern den Pogrom ukrainischer Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung in Lemberg am 01. Juli 1941 festhielten. Durch eine Analyse der Bilder versuchte sich Prof. Dr. Paul der Frage zu nähern, ob die "Kamera zur Waffe" und inwiefern die Wehrmachtssoldaten zu Mittätern wurden.

In einer genauen Bildanalyse wurden die Kameraeinstellung, die Position des Fotografen und die Funktion der Fotografien untersucht. Der Inhalt der Bilder zeugte zwar von einer unheimlichen Brutalität der ukrainischen Nationalsozialisten gegenüber der jüdischen Bevölkerung und die Ohnmacht der Opfer war einem mit jedem Foto bewusst, jedoch sorgte die objektive und neutrale Analyse der Bilder für eine gewisse Distanz zu dem gezeigten Inhalt.

Active Documents of Violence

Schnell kommt Prof. Dr. Paul zu dem Schluss, dass die Wehrmachtssoldaten zu Mittätern wurden. Das Fotografieren der Opfer sei eindeutig mehr als nur passives Beobachten, es sei vielmehr eine Form der Zustimmung. Durch die Fotos wurde "der Opferstatus auf ewig festgehalten". Einige Überlebende des Pogroms sollen später gesagt haben, dass sich "das Klicken der Kamera eingebrannt" habe. Doch wozu wurden nun diese Aufnahmen verwendet? Welchem Sinn und Zweck dienten die Fotografien?

Die Soldaten befanden sich in einem wahrhaften Bildrausch 

Die Fotografien dienten einzig und allein der Propaganda. Den deutschen Wehrmachtssoldaten sollte der Feind vor Augen geführt werden, um sie für den weiteren Verlauf des Krieges zu motivieren. Aus diesem Grund wurde die deutsche Wehrmacht bei ihrem Russlandfeldzug von 60 Kamerateams der "Wochenschau" begleitet, um daheim Propaganda für den Krieg zu machen. Die Gewalt des Dargestellten und die Bilder an sich wurden instrumentalisiert.

Medienoffensive 

In einer anschließenden Diskussion an den Vortrag kritisierte Prof. Dr. Paul den Gebrauch solcher historischer Fotografien in den heutigen Medien aufs Härteste. Die Bilder seien heutzutage unkommentiert abrufbar, sie würden geschnitten in Filmen gezeigt und dienten nur noch als "Eyecatcher". Dabei könne dadurch ein völlig falsches Bild von der Zeit, in der die Bilder gemacht worden sind, entstehen. Besonders, wenn die Fotografien im falschen Kontext verwendet würden. Heute ginge es weniger um "historische Aufklärung" als um "visuelle Aufmacher". Ferner würden im Prozess der Digitalisierung die Bilder gefährlich verändert beziehungsweise "entkontextualisiert". Man dürfe den Gebrauch von Bildern heutzutage nicht unkommentiert stehen lassen. 

mephisto 97.6-Redakteurin Caroline Bernert im Gespräch mit Prof. Dr. Gerhard Paul
 
 

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Caroline Bernert
23.10.2014 - 19:19
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