Frisch gepresst: The National

Leicht zu lieben

Meisterwerk statt Bandpause: Eigentlich wollten die fünf Mitglieder von The National erstmal eine Pause machen. Eine E-Mail hat das verhindert. Wir dürfen uns jetzt über ihr achtes Album freuen.
The National mit Regisseur Mike Mills (Zweiter von links)
The National mit Regisseur Mike Mills (Zweiter von links)

Das Jahr ist 2017 und The National sind fix und fertig. Ihr siebtes Album „Sleep Well Beast“ hat ihre kreativen Köpfe ausgesaugt, die dazugehörige Tour kümmerte sich um den Rest. Und weil die fünf US-Amerikaner nun auch nicht mehr Anfang 20 sind, wollten sie erstmal ein bisschen Pause von der Band machen. Die Mitglieder sind mittlerweile auch außerhalb von The National durch verschiedene Nebenprojekte, als Festivalveranstalter, gefragte Studiomusiker oder Komponisten bekannt. Alles Dinge, für die sie sich neben ihrem Privatleben erstmal mehr Zeit nehmen wollten - so die Theorie. Im September 2017 checkte Leadsänger Matt Berninger seine Mails – wahrscheinlich ohne zu wissen, dass er sich und der Band damit gleich das nächste Großprojekt anlachte.

Ein kurzer Film, ein langes Album

Der Übeltäter: Regisseur Mike Mills („Beginners“, „Jahrhundertfrauen“). Er schlug Berninger eine Zusammenarbeit vor. Seine Idee: Er macht einen Film und The National ein Album, wobei sich beide Parteien in die Arbeit der jeweils anderen einmischen dürfen. Die Band war ganz angetan und sagte zu. „I Am Easy to Find“ ist nun also ein 24-minütiger Kurzfilm, aber auch ein 68-minütiges Album. Dabei soll beides für sich stehen: Der Film ist nicht die visuelle Begleitung des Albums, das Album kein Soundtrack zum Film. Oder, wie Mills es ausdrückt: beide sind „spielerisch verfeindete Geschwister, die es lieben, voneinander zu stehlen“.

Das Kleine wird zum Großen

Der Kurzfilm zeigt das Leben einer Frau. Sie wird geboren, sie wird erwachsen, arbeitet, heiratet, wird Mutter und Großmutter. Dann stirbt sie. Es sind 24 Minuten, in denen augenscheinlich nichts Außerordentliches passiert – und trotzdem rührt der Film zu Tränen. Mills und The National geben selbst den gewöhnlichsten, alltäglichsten Emotionen eine Bühne und spinnen daraus herausragende Erzählungen.

Nicht nur im Film spielen Frauen eine zentrale Rolle. Während sich Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander für Mills in einer makellosen Performance vom Säugling zur Greisin spielt, holen sich The National Verstärkung bei langjährigen Freundinnen, Kolleginnen und ihren Ehefrauen. „I Am Easy to Find“ ist das erste Studioalbum, auf dem The National einen ausdrücklichen Gegenpol zu Berningers Gesang erlauben. Die zahlreichen Gastsängerinnern - darunter Sharon Van Etten, Lisa Hannigan, Kate Staples oder Bryce Dessners Ehefrau Mina Tindle – sind dabei aber alles andere als schmückendes Beiwerk. Sie werden lebendiger Bestandteil des Albums und es ist zweifelsfrei klar, dass ohne ihre Mitarbeit das Album weit weniger prachtvoll wäre.

Ein Geflecht aus Stimmen

Die Gastsängerinnen und Chöre, die auf „I Am Easy to Find“ zu hören sind, haben aber – wie eigentlich alles auf einer The-National-Platte – einen Zweck, der weit über Klangästhetik hinausreicht. In den gewohnt monologartigen Texten Berningers stellen sie auch inhaltlich einen Gegenpol da. Plötzlich ist da jemand, mit dem er Zwiesprache halten kann. Für The-National-Fans sicher eine Überraschung, haben sie sich in den vergangenen Jahren doch an seine Überpräsenz gewöhnt. Berninger selbst erklärt die ungewohnte stimmliche Vielfalt folgendermaßen:

Es singen viele Frauen, aber nicht weil wir dachten ‚Oh, wir brauchen mehr Frauenstimmen‘. Es war eher ‚Wir brauchen ein Geflecht aus der Identität anderer Leute‘. Es wäre besser gewesen, noch andere männliche Sänger dabei zu haben. Aber das ließ mein Ego nicht zu.

- Matt Berninger

Alternative-Rock trifft Kathedrale

Die Streicher und Chöre lassen die Platte imposant und sakral klingen. Um das Ganze nicht zu überladen, stehen ihnen klassische Rock-Elemente gegenüber. Die zitternden E-Gitarren waren besonders auf Vorgänger „Sleep Well Beast“ prominent und das zuverlässige, treibende Schlagzeug fehlt auch auf „I Am Easy to Find“ nicht. Mit „Rylan“ liefern The National nicht nur einen der stärksten Songs der Platte, sondern versöhnen sich auch mit ihren Fans. Zwar ist der bei ihren Konzerten ein Klassiker, bisher drückte sich die Band - sehr zum Leidwesen aller anderen - aber um die Veröffentlichung. Jetzt dürften sie einige verletzte Herzen wieder getaped haben.

Der Titelsong „I Am Easy To Find“ reiht sich neben „Light Years“ problemlos unter die stimmungsvollen Klavierballaden, „The Pull Of You“ ist eine mitreißende Reise zwischen der hochschwebenden Stimme Lisa Hannigans und Berningers Brummen und in „Not In Kansas“ wird seinen Zeilen der Raum eingeräumt, die sie verdienen:

My shadow's getting shorter
I'm a child at the border
Oh, godmother you can't ignore us
There isn't anybody else left to love us
I wanted you when I was a child
I raked the leaves and I started fires
Now I'm reading whatever you give me
It's half your fault so half-forgive me

- The National, „Not In Kansas“

Meister der Selbstironie

Was The National an ihrem Sound auch drehen und schrauben, Herzstück der Songs bleiben Berningers Texte. Und da bleibt er sich treu: makaber, ironisch und liebenswert niedergeschlagen. Da schreibt ein kluger Mann, der viel über das Leben nachdenkt und es trotzdem nicht versteht; der liebt, der vermisst und der versucht, seiner Verantwortung als Ehemann, Vater und Mensch generell nachzukommen – und sich die meiste Zeit trotzdem wie ein Trottel fühlt:

I'm not going anywhere
Who do I think I'm kidding?
I'm still standing in the same place
Where you left me standing

- The National, „I Am Easy To Find“

Schon auf früheren The-National-Platten hat Berninger seine Texte gemeinsam mit Ehefrau Carin Besser geschrieben. Dabei zerfleischen die beiden weniger ihre eigene Beziehung, sondern denken sich Figuren und Geschichten aus, in die sie ihre Erfahrungen einfließen lassen. Und so lassen sich in Songs wie „Oblivions“ mit Sicherheit zahllose Interpretationsansätze finden, im Zweifelsfall ist es aber ein komplett unverdorbenes Liebeslied:

You don't know what it's like to be around you
I still got my fear
It's the way you say yes when I ask you to marry me
You don't know what you are doing
Do you think you can carry me over this threshold
Over and over again until oblivion?

- The National, „Oblivions“

Stars ohne Hits

The National sind in Bestform. Und obwohl „I Am Easy to Find“ ein phänomenales Album ist und für sich steht, das Genie der Platte wird deutlicher, wenn man sich die bisherige Diskografie der Band anschaut. Seit über 20 Jahren sind The National nun im Geschäft und haben acht Alben veröffentlicht, in der sie immer wieder ihren Trademark-Sound festigen konnten, sich gleichzeitig aber auch immer weiterentwickelten.

Fakt ist: The National könnten es sich leisten, bequem zu werden. Fakt ist aber auch, dass ihnen das im Traum nicht einfallen würde. Berningers Texte sind zuverlässig genial und berührend wie immer, das Brüderpaar Aaron und Bryce Dessner liefert Höchstleistungen beim schreiben perfekt arrangierter, orchestraler Songs und mit Scott und Bryan Devendorf kann sich die Band über ein starkes, ablieferndes Rückgrat freuen. Ihre Offenheit gegenüber Gaststimmen und die großzügige Aufteilung des Leadgesangs zeigen auch, dass The National durchaus mehr sind als nur Berningers brummender Bariton. Ein großer Hit findet sich auch auf „I Am Easy to Find“ nicht - und ist auch gar nicht nötig. The National schreiben Songs, die vielleicht nicht mit jedem und sicher nicht beim ersten Mal klicken, aber wenn es einmal passiert ist, gibt's so schnell keinen Weg zurück.

Die Rezension zum Nachhören gibt's hier:

Musikredakteurin Ariane Seidl über „I Am Easy to Find“.
Musikredakteurin Ariane Seidl über „I Am Easy to Find“.

 

 

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The National: I Am Easy to Find

Tracklist:

1) You Had Your Soul With You
2) Quiet Light*
3) Roman Holiday
4) Oblivions*
5) The Pull Of You*
6) Hey Rosey
7) I Am Easy To Find*
8) Her Father In The Pool
9) Where Is Her Head
10) Not In Kansas*
11) So Far So Fast
12) Dust Swirls In Strange Light
13) Hairpin Turns
14) Rylan*
15) Underwater
16) Light Years

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 17.05.2019
Beggars / 4AD

The National auf Tour:
Ein paar Monate noch, dann kann gibt's die neuen Songs live auf die Ohren. In folgenden Städten kann man The National in diesem Jahr erleben:

  • 15.07.2019 -  Jahrhunderthalle, Frankfurt
  • 16.07.2019 - Stadtpark, Hamburg
  • 26.11.2019 - Columbiahalle, Berlin
  • 27.11.2019 - Columbiahalle, Berlin
  • 01.12.2019 - RuhrCongress, Bochum
  • 02.12.2019 - Palladium, Köln
  • 04.12.2019 - Zenith, München
  • 05.12.2019 - Porsche-Arena, Stuttgart

Coffee & Flowers:
Wer tiefer in die Welt von The National eintauchen möchte, ist bei Coffee & Flowers an der richtigen Adresse. Christopher Hooton und David Rapson (zwei The-National-Ultras) haben der Band einen Podcast gewidmet. Gemeinsam analysieren die beiden Engländer Zeile für Zeile die Texte Berningers, lassen dabei aber auch Bandmitglieder und Wegbegleiter der Band zu Wort kommen. Die erste Staffeln gibt's seit Anfang des Jahres auf Spotify & Co. - da nehmen Hooton und Rapson mit „Boxer“ das vierte Album der Band unter die Lupe.