Interview: Max Rieger/All diese Gewalt

"Leicht ist es nie"

„Es sind Andere“: mephisto 97.6 hat Max Rieger aka „All diese Gewalt“ anlässlich des Releases seines Albums „Andere“ zum Interview getroffen.
Max Rieger
Max Rieger aka All diese Gewalt

Eine ausführliche Rezension zum neuen All-diese-Gewalt-Album "Andere" findet ihr hier.

Das Datum ist der 7.Oktober, der Ort Berlin-Friedrichshain, die Umstände dystopisch. Es schüttet wie aus Eimern, die Corona-Fälle schießen nicht nur in der Hauptstadt in die Höhe. Trotzdem ist das Setting irgendwie passend, denn das neue Album des Max-Rieger-Soloprojekts „All diese Gewalt“ klingt ein bisschen wie der Tag, an dem wir ihn zum Interview treffen: Düster, schwelend und trotzdem irgendwie groß und mächtig. Ich treffe Max Rieger, seinerseits in knallroter Jacke, auf einem kleinen Balkon. Schnell werden noch die Mikrofone ausgepackt, Honig in den Tee gerührt und Eukalyptus-Bonbons auf den Tisch gelegt. Dann beginnt das Gespräch über verschwundene Drone-Flächen, Pop und meditative „Aaahs“.

 

Scott Heinrichs im Gespräch mit Max Rieger   

Ich würde dich erstmal mit einer Aussage von vor vier Jahren konfrontieren, als du das letzte Mal bei uns im Interview als „All diese Gewalt“ warst.

Im Conne Island, oder?

Genau. Damals hast du über deine Zukunftspläne gesagt, dass du das Drangsal-Album mitproduzierst, das neue „Die Nerven“-Album in Planung ist und dass du schon Material für das nächste „All diese Gewalt“-Album hast. Die anderen zwei Platten sind nun schon ein ganzes Stück draußen – kannst du erklären, warum es mit der Soloplatte ein ganzes Stück länger gedauert hat?

Weil gut Ding Weile haben will. Also es dauert einfach eine ganze Weile, und es hat lang gedauert einen roten Faden in die ganze Angelegenheit zu bringen. Und es hat lang gedauert, meine eigenen Ansprüche selbst zu erreichen oder zu befriedigen.

Im Pressetext steht eben auch, dass dich die Suche nach dem roten Faden lange bewegt hat. Kannst du beschreiben, was dabei das Problem war und was der rote Faden ist, den du jetzt doch noch gefunden hast?

Ich glaube, der Unterschied vor allem zum letzten Album war, dass „Welt in Klammern“ ein Album war, das von vorne bis hinten durchgelaufen ist und das auch so angelegt war. Die Songs waren dort, weil sie in den Kontext reingepasst haben. Wenn ich einen Song hatte, der vielleicht gut ist, aber der nicht in die Tracklist gepasst hat, dann konnte er halt auch nicht aufs Album. Bei „Andere“ ging es erstmal nur um Songs. Ich habe über zwei Jahre nur Songs geschrieben und es wurde einfach kein Album. Ich hatte gute Songs, aber es war kein Album. Ich habe kein zusammenhängendes Element gefunden. Und wenn ich jetzt sage „Ich habe einen roten Faden gefunden“, dann kann ich den auch nicht beschreiben. Irgendwann funktionierte plötzlich eine bestimmte Reihenfolge und Anzahl an Songs hintereinander als eine Melasse und Zusammenfassung der letzten Jahre, in denen ich daran gearbeitet habe. Und dann war es eben plötzlich dann ein Album.

Jetzt gibt es um dich in der Szene einen relativ großen Hype. Hat das irgendwie die Albumentstehung beeinflusst? Hast du dich dadurch zusätzlich unter Druck gesetzt gefühlt?

Nö. Ich spüre auch den Hype nicht, wenn ich ehrlich bin. (lacht)

Die Albumproduktionen mit Ilgen-Nur, Jungstötter oder auch Casper, mit dem du letztens im Studio warst – inwieweit haben die das Material der neuen Platte beeinflusst?

Alles, was ich an verschiedenen Projekten arbeite, nehme ich ins nächste mit. Ich mach da keine Unterscheidung.

Ich würde dir mal unterstellen, dass du in fast allen deinen Projekten versuchst, Popmusik zu machen.

Und immer daran scheitere. (lacht)

Ich würde aber auch sagen, dass das neue Album nochmal krasser und mehr „Pop“ ist als alles, was du vorher gemacht hast – auch was Songstrukturen angeht, da sind viele klassische Popstrukturen dabei und weniger Drone-Elemente und Soundflächen als das auf dem letzten Album der Fall war. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich glaube, es war mehr so eine Prozessfrage. Bei „Welt in Klammern“ habe ich die ganzen Songs auf der Grundlage von Drones aufgeschichtet und daraufhin erst geschrieben. Also immer erst eine Fläche, dann die Fläche zwei Stunden auf Loop und irgendwann entstehen neue Sachen darauf. Bei „Andere“ funktionierte das insofern nicht, als dass ich vielleicht mit einem Drone angefangen habe, aber dann hatte ich eine andere Spur und wollte plötzlich einen Akkordwechsel machen, den ich noch nie gemacht hatte. Der hat dann nicht mit dem Drone funktioniert, weil plötzlich etwas dissonant oder die Tonart nicht die Richtige war. Dann musste ich in diesem Akkordwechsel zum Beispiel den Drone ausmachen. Und da dachte ich, dann kann ich ihn ja auch am Anfang ausmachen. Es war sozusagen eine andere Grundlage, auf der ich angefangen habe zu schichten. Weniger Drones, sondern ich habe oft auch mit Rhythmus oder Drums angefangen zu arbeiten.

Trotzdem sind ja bekannte Elemente immer noch in den Songs drin. Wenn man die „Aaah“-Vocalfläche auf „SICH ERGEBEN“ oder die Arpeggios auf „BLIND“ hört, dann sind das Elemente, die es auch schon auf dem letzten Album gab. Ist dir diese Kontinuität wichtig, dass du auch Referenzen zu älteren Projekten drin hast?

Ich bin ja nicht angetreten, um das Rad neu zu erfinden oder dass alles komplett anders sein muss. Das war überhaupt nicht der Anspruch. Es gibt so ein paar Sachen, die mag ich einfach gerne. Ich mag einfach gerne Arpeggios. Das ist auch immer derselbe Sythesizer und ist so ein Sound, den ich gefunden habe und auf den ich stehe. Und ich kenne nicht so viele Musiker und Musikerinnen, die geile Arpeggios machen. Ich habe Spaß daran und deshalb benutze ich das gern. Und diese „Aaahs“ machen vor allem auch viel Spaß aufzunehmen. Wenn man sich selbst so als Chor inszenieren will, dann bedeutet das ja, dass man eine halbe Stunde „Aaah“ macht – das ist dann ein bisschen wie das „Ohm“. Und es macht Spaß, das zu machen.

Ein Song, der mir beim ersten Hördurchgang enorm aufgefallen ist, ist „ERFOLGREICHE LIFE“. Darin nimmst du diese neoliberalen Phrasen und dieses Denken ein bisschen auf die Schippe. Und das ist alles deutlich konkreter, als man das in Texten von dir bisher gewohnt war. Gab es dafür einen Anlass?

Eigentlich gab es dafür keinen Anlass. Ich habe den Song gemacht und ich dachte erst: „Mann, der ist schon bescheuert.“ Aber der hat mich nicht losgelassen. Das war dann irgendwie ein ganz gutes Zeichen dafür, dass ich da irgendwas erspürt hatte, auf dass ich Lust hatte. Ich finde auch, dass der Song auf eine gewisse Art und Weise heraussticht, aber er gehört genauso wie alle anderen Songs in diese Tracklist rein und gibt dem Album nochmal eine andere Farbe. Es ist mir aber auch wichtig: Ich finde nicht, dass ich mich da irgendwie lustig mache in dem Song. Eigentlich finde ich es den bösartigsten Song auf dem Album. So fühlt er sich für mich an, ich weiß nicht, ob Hörer oder Hörerinnen das dann auch so sehen. Aber für mich ist der sehr düster.

Es kommt jetzt nicht wie eine Parodie oder wie ein „The Screenshots“-Song rüber.

Puh, gut. Nein, Spaß. (lacht)

Ist die Twitter-Lingo im Titel beabsichtigt?

Das ist keine Twitter-Lingo, sondern von einem Freund, der aus Kanada kommt, erst in Deutschland Deutsch gelernt hat und deswegen Verballhornungen von Sprache und die deutsche Sprache auf freie Weise benutzt. Es gar nicht so twittermäßig codiert gemeint, dass es neue Codes gibt. Sondern es ist so ein freier Umgang mit Sprache, und mich hat dieses „Erfolgreiche Life“ einfach nicht losgelassen.

Du veröffentlichst deine Musik hauptsächlich im Bandkontext, etwa mit „Jauche“ oder „Die Nerven“ und dabei muss man ja immer ein Stück weit Kompromisse eingehen. Hat das die Arbeit am Soloalbum nochmal schwieriger gemacht, weil für dich klar war, dass es dein Album ist und du dich da auch nicht hinter Bandmitgliedern verstecken kannst?

Ja, klar. Anstrengender ist das auf jeden Fall, weil man alles mit sich selbst ausmachen muss. Wenn man zu zweit im Studio ist, irgendwas passiert und beide sind so „Hammer, das ist geil“ – dann gibt es keinen Grund mehr, das zu hinterfragen, weil beide plötzlich darauf resoniert haben und es funktioniert. Und wenn ich aber alleine im Studio bin und mir denke „Geil“, dann habe ich ja gar nichts, woran ich mich festhalten kann. Das macht es zu einem anstrengenderen und deswegen auch langwierigen Prozess, auf jeden Fall.

Von wem holst du dir dann im Zweifelsfall zweite Meinungen ein?

Von einem ausgesuchten Kreis an Leuten, also Familie und Freunde.

„All diese Gewalt“-Shows sind eigentlich dafür bekannt, dass Songs auch neu interpretiert werden und nochmal ganz anders als auf Platte funktionieren. Wie traurig bist du, dass du die neuen Sachen nicht in dem Rahmen live spielen kannst, wie du es dir bei der Albumentstehung vielleicht auch gewünscht hast?

Minus 20%. Weil es eine bewusste Entscheidung war, das Album nicht zu betouren. Wir hatten schon eine Band und Termine gebucht, und dann habe ich irgendwann aber die Reißleine gezogen. Ich will das nicht auf die Bühne bringen, weil es sich nicht richtig anfühlt, so ein Album, das über so einen langen Zeitraum entstanden ist, für die Bühne zu re-enacten. Es ist einfach nicht das Richtige für das Album. Es gibt keinen großen Übereinkunftsmoment, wo Leute zusammen sind und gemeinsam eintauchen können. Vielleicht würde das gehen, aber es ist nicht beabsichtigt. Eigentlich ist „Andere“ ein individuelles Erlebnis und darf auch individuell erfahren werden. Es soll kein Live-Moment sein, denn es ist nicht live.

Bei „Welt in Klammern“ hast du gesagt, dass du an der Albumidee „grandios gescheitert“ bist. Dieses Mal hast du gesagt, du findest das Album „furchtbar“. Fällt es dir schwer, etwas zu produzieren, das dich länger zufriedenstellt als für einen Moment oder ist da auch Übertreibung dabei?

Natürlich ist da auch ein bisschen Übertreibung dabei, aber natürlich ist es schwierig etwas zu machen, was mich länger als einmal hören catcht. Insofern bin ich mit dem Album nicht gescheitert, als dass ich jeden Song inzwischen an die tausend-, zweitausendmal gehört habe und ich immer noch sagen kann: „Das ist richtig alles“. Also ist es natürlich übertrieben und es ist auch polemisch. Aber leicht ist es nie.

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