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Lehrerinnen wissen alles!

Ein Orientierungsrahmen des sächsischen Kultusministeriums soll Lehrerinnen aufzeigen, wie wichtig es ist im Unterricht eine gendergerechte Sprache zu verwenden, um keine Schülerin zu diskriminieren. Aber wo sollen sie das gelernt haben?
Arbeitsblatt für die Grundschule
Bedenkliches Beispiel: Ein Arbeitsblatt für die Grundschule

Sie gehören zu den Menschen, die unsere Kindheit am meisten geprägt haben: unsere Lehrerinnen. Sie vermitteln nicht nur fachliche Inhalte, sondern sind auch Vertrauenspersonen und Ansprechpartnerinnen für ihre Schülerinnen. Wie sie sich vor der Klasse verhalten, hat einen großen Einfluss auf das Verhalten der Kinder und Jugendlichen.

Ende 2016 hatte das sächsische Kulturministerium einen Orientierungsrahmen für die Familien- und Sexualerziehung veröffentlicht. Darin gab es Lehrerinnen Anweisungen und Hinweise, wie sie sich im Umgang mit Themen wie Sexualität und Gender verhalten sollten. Sie sollen sich bewusst sein, dass sich einige ihrer Schülerinnen vielleicht nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen können oder wollen. Wörter wie „normal“ sollten sie im Zusammenhang mit sexueller Orientierung zum Beispiel generell meiden, da dies auch als Abwertung verstanden werden kann.

Familie wird definiert als das Zusammenleben von Erwachsenen und Kindern, was eine progressive Definition ist.

Stefanie Krüger, RosaLinde Leipzig

Stefanie Krüger arbeitet bei RosaLinde Leipzig. Der Verein setzt sich für Menschen ein, die nicht heterosexuell leben, trans-, intergeschlechtlich oder asexuell sind. Sie sind im neuen Orientierungsrahmen nun mehr berücksichtigt. Laut Krüger sei dieser daher zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn er an vielen Stellen noch zu sehr an getrennten Geschlechterrollen für Mädchen und Jungs festhalte.

Sex und Gender außerhalb vom Biounterricht

Der Orientierungsrahmen betrifft nicht nur den Biologie- oder Ethikunterricht, denn generell spielen Themen wie Sex und Geschlecht in allen Fächern eine Rolle. In Sachaufgaben im Matheunterricht oder in der Literatur im Deutschunterricht können die Themen ebenso auftauchen. Lehrerinnen aller Schulformen und Klassenstufen sollten daher ein Bewusstsein für das Thema entwickeln. Allerdings ist es schwer zu sagen, wie viele Lehrerinnen den Orientierungsrahmen überhaupt kennen.

Lehrerinnen werden nicht vorbereitet

Ein weiteres Problem ist, dass im Orientierungsrahmen Anforderungen und Erwartungen an die Lehrerinnen gestellt werden, die sich in ihrem Studium oder ihrer Ausbildung nicht wiederfinden. In den Universitäten gibt es keine verpflichtenden Module zu dem Thema, sondern nur vereinzelte Seminare, die Studierende freiwillig wählen können. Auch für Lehrerinnen, die bereits im Schuldienst sind, gibt es kaum entsprechende Angebote. Angesichts der Arbeitsbelastung von Lehrerinnen ist es aber problematisch darauf zu zählen, dass sie sich mit zusätzlichen Materialien wie dem Orientierungsrahmen am Wochenende oder nach Feierabend auseinandersetzen.

Wir erleben hier eine Diskrepanz zwischen Realität und pädagogischer Wirklichkeit.

Johannes Nitschke, Universität Leipzig

Johannes Nitschke lehrt an der Universität Leipzig und bietet Seminare zum Thema „Sexualpädagogik der Vielfalt an“. Er weiß zwar, dass er mit einem Seminar längst nicht alle Lehramtsstudierenden an der Uni erreichen kann, es sei aber zumindest ein Anfang.

Den Beitrag von Nele Wieting können Sie an dieser Stelle nachhören: 

Ein Beitrag von Nele Wieting.
 
 

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