Musik-Highlights: KW41

Laut, leise, leer

Musikhighlights, so wechselhaft wie das Herbstwetter: Chet Faker wird wiederbelebt, Machinedrum entführt uns ins große 1x1 der elektronischen Musik und Future Islands haben keinen Bock mehr auf Stress.
MHDW KW41
Die Musikhighlights dieser Woche.

Frisch Gepresst: Unser Album der Woche liefern die Death Valley Girls mit „Under The Spell Of Joy“. Die Rezension gibt’s hier.

Yung Kafa & Kücük Efendi feat. Edo Saiya – „UNANTASTBARES FENG SHUI“

Single-VÖ: 02.10.2020

Knapp einen Monat nach ihrem letzten Single-Release „SUV“ veröffentlicht das Cloud-Rap Duo Yung Kafa & Kücük Efendi einen neuen Track in Kollaboration mit dem Kölner Rapkollegen Edo Saiya.

Dass die Beiden seit Beginn ihrer Deutschrap-Karriere 2017 für einen mächtigen Hype gesorgt haben, liegt nicht zuletzt an ihrem ausgefeilten Gesamtkonzept. Durch ihr Auftreten in Form von anonymisierten Comicfiguren ergibt sich zusammen mit den futuristischen, hochgepitchten Autotune-Sounds ein unverwechselbares Gesamtbild. Dazu gehört auch die vollkommene Verschleierung ihrer Identität: Keine Konzerte, keine Interviews, lediglich kurze Statements mit verfremdeten Stimmen. Und das in einem Umfeld, wo die Vermarktung der eigenen Person großenteils Gang und Gäbe ist. In „UNANTASTBARES FENG SHUI“ offenbaren Kafa und Efendi einen sehr persönlichen Einblick in die Schattenseiten des sonst oft eigens glorifizierten Materialismus. In Edo Saiyas Part heißt es: 

Sechsunddreißig Grad in L.A., mir ist kalt
Jahre zieh'n daher und ich blicke übers Meer
Frag' mich, ob ich das so wollte
Denn ich merk', was ich werd'
Mein Herz wurde leer, seit die Taschen immer voll sind

– Edo Saiya in „UNANTASTBARES FENG SHUI“

Eine dumpfe Melodie und die üblich verschwommenen Stimmen entführen in eine melancholische Traumwelt. Edos Stimme erscheint dabei etwas klarer und tiefer, fügt sich aber trotzdem in die Gesamtstimmung des Songs ein. Ein durchaus gelungenes Feature also. „UNANTASTBARES FENG SHUI“ erscheint zusammen mit „SUV“ auf dem für den 13. November 2020 angekündigten Album „Yin und Yang“.

Nelly Brändle 

Chet Faker – „Low“

Single-VÖ: 02.10.2020

Mit dem anbrechenden Oktober, der Leipzig direkt mit regnerischer Kälte empfangen hat, rollt auch wieder die Jahreszeit der Herbstdepression auf uns zu. Allgemeine Verzweiflung, Mutlosigkeit oder Einsamkeit sind ohne Zweifel – und gerade während der Pandemie – Themen, die bewegen. In seiner neuen Single „Low“ widmet sich Chet Faker genau diesen Gefühlen, allerdings mit aufmunterndem Optimismus:

Just because I feel low, right now
It doesn´t mean all that I´ve got has to run out

– Chet Faker,  „Low“

Um „Chet Faker“ war es seit 2015 erstaunlich ruhig geworden. Zwar veröffentlichte der australische Künstler unter seinem bürgerlichen Namen Nick Murphy weiterhin Tracks, wollte aber vorerst nicht mehr mit seinem Künstlernahmen ins Rampenlicht treten. Nach vier Jahren feiert er nun aber mit seiner neuen Single „Low“ sein Comeback unter seinem Pseudonym Chet Faker. 

Die letzten Freitag erschienene Single hat etwas seltsam Treibendes. Die Mischung aus elektronischen Klängen, die stellenweise an die Synthesizer aus Diskozeiten erinnern und den organischen anmutenden Elementen, gepaart mit der leicht verfremdeten Stimme des Sängers, verleihen dem Song einen fließenden Charakter. Die tiefen Bässe und pulsierenden Beats scheinen den Song zu einem perfekten Begleiter zu machen, um wieder Schwung in die kommenden Herbsttage zu bringen.

Gesa Gärtner

Future Islands – „As Long As You Are“

Album-VÖ: 09.10.2020

Vier Jahre ist es her, seitdem Future Islands durch einen Auftritt in einer Late-Night-Show international bekannt geworden sind. Zahlreiche TV-Auftritte und Tourneen (auch fernab ihrer Heimat Baltimore) sowie ein Album folgten, führten bei der Synthpop-Band aber auch zu jeder Menge psychischem Druck. Den wollen sie mit ihrer neuen Platte endlich hinter sich lassen: 

Am 9. Oktober veröffentlichen die Amerikaner ihr sechstes Album „As Long As You Are“, das gleichzeitig eine Art Befreiungsschlag für die Künstler ist. Statt negative Gefühle thematisiert das Album vor allem Liebe und Vertrauen. Der rasante Erfolg war nicht immer leicht für die Band, weshalb sie unter Burnout-Erscheinungen und Selbstzweifeln litten. Und auch der mediale Druck führte zu immer größeren Erwartungen an die eigene Musik, denen sie auf Dauer nicht gerecht werden konnten. Erst jetzt gelang es der Band, sich von alldem vollständig zu befreien und sich selbst ein wenig besser kennenzulernen:

As an artist, you always have fears that you’re just gonna get old and then people won’t care, but this is what we’re supposed to sound like and, to us, it’s the best we’ve ever sounded. As Long As You Are is another step in defining who Future Islands is, and that’s really important. 

– Samuel T. Herring (Leadgesang)

Future Islands bezeichnen ihr neues Album daher auch als „Homecoming-Platte“, da sie es geschafft haben, wirklich anzukommen. Musikalisch kam der Band diese Ruhe und Entschleunigung enorm zugute, da sie viel Zeit hatte, um das Album bin ins kleinste Detail zu planen. Das hört man vor allem an der dominanten Gitarre und kleinen Synthesizer-Sounds im Hintergrund, die genau durchdacht wurden. Zusätzlich bereicherte mit Drummer Mike Lowry ein neues Bandmitglied die Musiker. Der langjähriger Tour-Drummer ist nun ein vollwertiges Mitglied der Future Islands und durfte sich auch auf der neuen Platte kreativ einbringen. Durch Lowry gewann die Platte an rhythmischer Energie, die vor allem in den Upbeat-Songs deutlich zu hören ist.

Dieser harmonische Schaffensprozess und die neugewonnene Freiheit sind auch in der neuen Musik spürbar: So beginnt der Opener „Glada“ mit dem Zwitschern von Vögeln und Möwen-Geräuschen. Auch textlich werden von Beginn an Themen wie die bedingungslose Liebe und das zurückgewonnene Selbstwertgefühl behandelt. „Do I deserve the sea again?“ fragt sich Sänger Samuel T. Herring bereits im Opener. Die positive Ausstrahlung des Albums wird thematisch perfekt abgerundet mit dem finalen Song der Platte: „Hit The Coast“. Die Platte strahlt also eine Leichtigkeit aus, die beim Zuhören Spaß macht. Egal, ob ruhige Balladen oder schnelle Upbeat-Songs – bei „As Long As You Are“ handelt es sich um eine abwechslungsreiche, fröhliche Platte.

Emilia Wernicke

Machinedrum – „A View Of U“

Album-VÖ: 09.10.2020

Der US-amerikanische Produzent Travis Stewart, aka Machinedrum ist seit 20 Jahren musikalisch aktiv und bereits eine seit geraumer Zeit eine feste Größe im Bereich vorwärtsdenkender elektronischer Musik. Dieses große Maß an Erfahrung hört man seinem neuesten Solo-Album „A View of U“ zu jeder Sekunde an. Darauf entführt der experimentierfreudige Genius seine Zuhörer auf eine Reise durch fast alle erdenklichen Spielarten elektronischer Musik.

Allein der Opener „The Relic“, mit Begleitung von RnB-Sängerin Rochelle Jordan, beinhaltet bereits mehr musikalische Ideen als ganze Alben anderer Künstler. Dabei beginnt ein Keyboard zunächst mit harmonischen, Harfen-artigen Klängen, die jedoch schnell eine synthetische, verzerrte Qualität annehmen und über dem stotternden Beat zunehmend nervös wirken. Bis der Track zum Schluss auf einem einigermaßen geordneten Drum and Bass Muster und Geigen-Begleitung zur Ruhe kommt, hat man als Zuhörer durch den krassen Wechsel zwischen hart und sanft schon fast ein Schleudertrauma bekommen.

Die Vielfältigkeit zieht sich durch das gesamte Album. Das musikalische Spektrum reicht von Drum and Bass, Jungle und House bis hin zu von Hiphop- und Trap-inspirierten Beats und sogar Dancehall-mäßigen Klängen („Inner Eye“). Auf der Single „Kane Train“ rappt Gast-Rapper Freddie Gibbs virtuos über eine Tonspur, die klingt wie die Science-Fiction-Version einer Big Band.

Zusammengehalten wird das Album jedoch durch die schiere Opulenz des Sounds. Das Album klingt schimmernd wie ein Diamant, wirkt trotz aller Verzerrung unglaublich clean und weckt konstant geistige Bilder wie bei einer Astral-Reise durchs Universum. Dieser Eindruck ist keineswegs Zufall: Das „U“ in „A View of U“ steht für „Universe“; Produzent Stewart wurde laut eigener Aussage vom Konzept außerkörperlicher Erfahrungen inspiriert. Dank dieser Inspiration und Machinedrums Kreativität und Talent ist ein Album entstanden, dass sowohl unter Kopfhörern als auch auf dem Dancefloor eine starke Sogwirkung entfaltet.

Martin Pfingstl

 

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Fotocredits (von links nach rechts): 

Machinedrum – Bethany Vargas
Chet Faker – Pressefreigabe
Future Islands – Justin Flythe 

Direkt bei Spotify anhören:

 

Yung Kafa & Kücük Efendi:

 

Chet Faker:

 

Future Islands:

 

Machinedrum: