Kulturveranstaltungen trotz Corona

Kulturtipps zum Montag

Pünktlich zum Start des Sommersemesters gibt es von uns wieder eine neue Reihe Kulturtipps! Diese Woche empfehlen wir einen „Corona“-Roman, einen digitalen Theaterbesuch und einen Lieblingsfilm, mit denen es sich gut prokrastinieren lässt.
Jeden Montag gibts 3 Kulturtipps vom Kultstatus!

#1 Buchtipp - My Year of Rest and Relaxation von Ottessa Moshfegh

Als Ottessa Moshfeghs My Year of Rest and Relaxation 2018 erschien, konnte die US-amerikanische Autorin noch nicht ahnen, auf welch tragisch-komische Weise ihr Roman über Selbst-Isolation die Corona-Pandemie vorweg nehmen würde. In ihrem zweiten Roman erzählt Moshfegh die Geschichte einer jungen New Yorkerin, die an schweren Depressionen leidet und beschließt, sich mit Hilfe diverser Psychopharmaka ein Jahr lang in einen künstlichen Schlaf zu versetzen. Moshfegh verortet dabei die individuelle Selbstentfremdung ihrer Protagonistin in der kollektiven Erschöpfung einer neoliberalen und misogynen Leistungsgesellschaft und zeichnet ein zynisches Porträt der USA der frühen 2000er Jahre.

Auch wenn sich die Protagonistin des Romans in keiner globalen Pandemie befindet, die Grundstimmung von My Year of Rest and Relaxation trifft den Nerv unserer Zeit auf eine Weise, die manchmal grotesk, oftmals tragisch und dabei dennoch mit viel (schwarzem) Humor daher kommt. Trotz seiner aktuellen Relevanz bleibt Ottessa Moshfeghs Roman ein zeitloses Buch über die Abgründe einer spätkapitalistischen Welt und macht Moshfegh zu einer der faszinierendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart.

„My Year of Rest and Relaxation“ ist in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ im Liebeskind Verlag erschienen.

#2 Faust am Schauspiel Leipzig

Diese Woche zeigt das Schauspiel Leipzig ihre Faust Inszenierung über das Portal „dringeblieben.de“:

FAUST / Faust I von Enrico Lübbe ist eine Inszenierung des gleichnamigen Klassikers von Johann Wolfgang von Goethe, der seit 2018 Teil des Spielplans ist. Passend zum Frühlingsanfang ist das vielleicht deutscheste aller Theaterstücke am Donnerstag, den 15. April Online zu erleben. Der uralte Konflikt von Faust als altem Wissenschaftler mit dem jungen Faust als Stürmer und Dränger - zwischen Trieben und Moral gefangen – gewinnt in Zeiten der Corona-Pandemie eine völlig neue Dimension. Auch deshalb könnte sich eine Sichtung lohnen.

Weitere Informationen gibt es hier.

#3 Filmtipp der Woche - Laurence Anyways

Mit Laurence Anyways hat der franco-kanadische Regisseur Xavier Dolan eine der bewegendsten Liebesgeschichten des queeren Kinos geschaffen, die auch noch nach knapp zehn Jahren nichts an ihrer politischen Aktualität und einzigartigen Ästhetik eingebüßt hat. Laurence Anyways erzählt die Geschichte von Laurence (Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément), deren Liebesbeziehung auf eine harte Probe gestellt wird als sich Laurence als Transfrau outet. Auch wenn Fred zunächst entschlossen ist, Laurence in ihrem neuen Leben so gut wie möglich zu unterstützen, können sich beide der gewaltvollen Kraft des Wandels nicht entziehen. Laurence und Fred werden vom Strom der Zeit mitgerissen, driften auseinander, nähern sich wieder an und verlieren sich erneut aus den Augen.

Identität und Liebe sind in Laurence Anyways fluide Formen, die sich in stetem Wandel befinden und das Verhältnis zwischen Individuum und Welt immer wieder neu ausloten. Die Handlung des Films umspannt dabei zehn Jahre und zeichnet ein komplexes Bild von Laurence Transitioning und den Auswirkungen, die diese Veränderung auf ihre Umgebung hat. Auch wenn Laurence Anyways eine sehr spezifische Erfahrung, das Coming-Out als Transfrau, zum Thema hat, verhandelt der Film soziale Fragen wie Identität und Marginalisierung auf eine berührend universelle Art und Weise und plädiert für ein selbstbestimmtes Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge.

In intensiven 161 Minuten voll poetischer Bildsprache, herausragender schauspielerischer Leistung und wunderbarem 80er Jahre Soundtrack verdichtet Xavier Dolan seine queere Liebesgeschichte zu einem ästhetischen Gesamtkunstwerk, das niederschmettert und doch Mut macht, sich von der Gewalt der Normalität nicht unterkriegen zu lassen. In diesem Sinne: Vive Laurence!

Laurence Anyways, Regie: Xavier Dolan, Kanada 2012

Hinweis: Für alle, die einen Bibliotheksausweis der Leipziger Städtischen Bibliotheken besitzen, ist "Laurence Anyways" momentan kostenlos auf der Plattform "filmfriend" zum Streamen verfügbar.

 

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#1 Buchtipp

"My Year of Rest and Relaxation" von Ottessa Moshfegh

#2 Online-Theater

"Faust I" am Schauspiel Leipzig

#3 Filmtipp der Woche

"Laurence Anyways"