Kulturveranstaltungen trotz Corona

Kulturtipps zum Montag

Die Corona-Krise ließ in den letzten Monaten nahezu den gesamten Kulturbetrieb stillstehen. Dabei haben sich Theater und Kinos aber so Einiges einfallen lassen, um Kunst und Kultur am Leben zu halten. Hier drei Tipps für eure Woche.
Jeden Montag drei Tipps von unserem Kultstatus

#1 „Freiheit ist, wenn du auf den Stühlen tanzt, zwischen denen du eigentlich sitzen sollst

Momentan ist die beste Zeit, um endlich wieder Roman nach Roman zu verschlingen. Ein besonderes Schmankerl ist unsere Leseempfehlung „Oreo“ von Fran Ross.

In der 1974 erstmalig erschienenen und vor ein paar Jahren in den USA wiederentdeckten Geschichte um die sechzehnjährige Christine (alias „Oreo) geht es rasant und voller Witz zu. Die jüdisch-schwarze Heldin begibt sich, auf der Suche nach ihrem Vater, auf eine Reise von Philadelphia bis nach New York und trifft währenddessen so manch obskure Gestalt.

Für seine Übersetzung der Erzählung ins Deutsche ergatterte Pieke Biermann erst kürzlich den Preis der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Die Jury begründete diese Würdigung insbesondere mit der schwierig zu übersetzenden Natur des „temperamentvollen Texts voller jiddischer Anleihen und Südstaaten-Slang. Tatsächlich verlangt der Roman den Leser*innen zwischenzeitlich Einiges an Konzentration ab: es werden Gleichungen aufgestellt und Wörter neu erfunden, sodass es im Großhirn nur so raucht.

Wenn ihr also mal wieder Lust habt auf ein Buch, das die Welt auf den Kopf stellt und gleichzeitig so intelligent und liebenswürdig daherkommt, dann nichts wie hin in den Buchladen eures Vertrauens und drauf losgelesen! Mehr dazu rechts in der Infobox.

#2 Ein Gedicht für dich 

Berlin-Friedrichshain - Die Kamera fährt langsam über das Berliner Engelsbecken, leise Klaviermusik verklingt im Hintergrund. Das Bild einer jungen Frau wird eingeblendet und dann setzt die Stimme ein. Ein Text, der abstrakte Bilder und zugleich persönliche Tiefe erzeugt, verstärkt durch eine absurd wirkende Videoperformance der Künstlerin Hannah Schraven. Insgesamt sind es vier Autor*innen, die in diesem halbstündigen Video ihre Gedichte auf ganz unterschiedlichste Weise präsentieren. Vier von 32 Künstler*innen, denn dieser Clip ist nur der Anfang einer neuen Reihe von Videoprojekten, initiiert durch das Haus der Poesie.

Der Anlass: Das 21. Poesiefestival Berlin, welches bereits seit 2000 zahlreichen Künstler*innen in den unterschiedlichsten Stadtteilen Berlins eine Bühne bietet. Diese Woche der Gedichte muss angesichts der Pandemie nun jedoch online stattfinden. Eine Herausforderung für die Autor*innen. Eine Chance, aber auch außerhalb von Berlin Teil des poetischen Festivals zu werden.

Seit dem 29. Mai lassen nun jeden Abend um 18 Uhr Lyriker*innen aus verschiedensten Stadtteilen Berlins von sich hören und sehen.

Ein Konzept scheint es nicht zu geben und so variiert die Qualität und der Einfallsreichtum der einzelnen Performances. Gedichte, die mit grausiger Tonqualität vor einer weißen Wand schwer zu verstehen sind und wenigen Minuten später berührende Einblicke in die lyrische Lebenswelt eines fremden Menschen. Da kommt schnell das Gefühl auf, ein ganz persönliches Gedicht vorgetragen zu bekommen - ohne Frage eine schöne Ablenkung außerhalb der „Corona-Bubble“.

Filmstill Hannah Schraven

Das Gedichtprojekt ist noch bis zum 04.06. auf der Website des Poesiefestivals https://poesiefestival.org/de/ erlebbar. Ab dem 05.06. startet dann das offizielle Festival mit verschiedenen Videoperformences und Live-Streamings.

#3 Kino für Zuhause

Zum fünften mal die gleiche Empfehlung für eine Netflix-Serie bekommen? Es gibt auch noch andere Möglichkeiten, sich berieseln zu lassen. Es lohnt sich beispielsweise mal bei den Mediatheken der Fernsehsender vorbeizuschauen. Die ZDF-Mediathek bietet zurzeit spannende Dokus. In "Corona-Land von oben" zeigen Luftaufnahmen, wie Deutschland während des strikten Lockdowns aussah. Unbefahrene Straßen, menschenleere Strände, auch das Porsche-Werk in Leipzig, wo die Bänder stillstehen, ist zu sehen. Die Bilder zeigen ganz praktisch, wie Corona unsere Welt verändert hat. Auch Arte zeigt mit "Unterwegs nach Cold Mountain" derzeit einen mehrfach für den Oskar nominierten Film. Daneben gibt es auch ein paar vergessene Klassiker.

Ein anderes interessantes Projekt ist das "we-are-one-festival". Dabei haben sich zahlreiche Filmfestivals, darunter das Filmfestival von Cannes und die Berlinale, zusammengeschlossen und präsentieren Kurzfilme und Interviews mit Filmemacher*innen auf YouTube. Die Filme starten zu einem festen Zeitpunkt, eine gute Möglichkeit also, sich zu verabreden und gemeinsam zu schauen.

 

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Minou Becker, Josephine Kanditt, Judith Schneider
02.06.2020 - 16:03
  Kultur

Zum Roman

„Oreo“ von Fran Ross, erschienen im dtv Literatur, mit einem Nachwort von Max Czollek, aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann, deutsche Erstausgabe, 288 Seiten, ISBN 978-3-423-28197-3, kostet 22 Euro. Hier geht's zum Buch.