Ausstellung: Museum der bildenden Künste

Kreativer Kopf und methodischer Nerd

Eine verstaubte Kiste im Museumsarchiv, darin ungeordnete Zeichnungen. Sie wurden von einem Mann angefertigt, der bisher nur als Wissenschaftler bekannt war - der Kunsthistoriker Albert von Zahn. Seine Werke werden jetzt in einer Ausstellung gezeigt.
Faszinierende Doppelbegabung: Albert von Zahn war Künstler und Kunsthistoriker in einer Person.

Kreativer Künstler trifft auf strukturierten Wissenschaftler – das besitzt Konfliktpotential. Wohl deshalb ist es recht selten, dass sich diese beiden Charaktere in einer Person vereinen. Und doch kommt es vor: Albert von Zahn war eine solche Person. Gleichzeitig war er einer der bedeutendsten Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts und ein begabter Zeichner. Sein künstlerisches Talent war bisher völlig unbekannt – und kam nur zufällig ans Licht.

Detektivarbeit im Museum

Bei einer Recherche im Archiv des Museums der bildenden Künste taucht ein verstaubter Karton auf. Dr. Marcus Hurttig, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum, findet einige ungeordnete Bleistift-Zeichnungen von Landschaften darin. Er betrachtet sie eingehend und erkennt in ihnen die Handschrift eines einzelnen Künstlers. Die Signatur verrät ihm: Die Zeichnungen stammen von Albert von Zahn. Das macht Marcus Hurttig neugierig - er beginnt mit einer Recherche. Seine Ergebnisse: Von Zahn war eigentlich ein Leipziger Kunsthistoriker und, wie der Fund beweist, ein bisher unbekanntes Künstlertalent. Jetzt wird sein Werk bis Januar in der Graphischen Sammlung des Museums der bildendenden Künste ausgestellt

Gutes Bild oder schlechtes Bild?

Wovon macht ein Kunstkritiker eigentlich abhängig, ob ein Bild "gut" ist? Entspricht es seinem Geschmack, ist es ein gutes Bild, gefällt es ihm nicht, ist es eben kein gutes Bild? Lange Zeit war das tatsächlich der Fall. Vor 150 Jahren fand jedoch ein Umbruch statt: Anstelle von subjektivem Schönheitsempfinden entschieden objektive Kriterien – die Wissenschaft der Kunstgeschichte war geboren.

Eine wichtige Rolle dabei spielte der Leipziger Kunsthistoriker Albert von Zahn. Er lieferte Mitte des 19. Jahrhunderts die Lösung für einen Konflikt, der die Kunstkritiker Deutschlands in zwei Lager spaltete: Der sogenannte Holbein-Madonnen-Streit.

In der Dresdner Gemäldegalerie der alten Meister wurde im 19. Jahrhundert ein Marienbild ausgestellt, eines der wichtigsten Werke Hans Holbeins. Holbein wird als einer der bedeutsamsten Künstler der deutschen Renaissance betrachtet - dementsprechend stolz waren die Dresdner auf ihren Besitz. Plötzlich tauchte ein zweites, identisches Gemälde auf dem Kunstmarkt auf. Die Welt der Kunstkritiker stand vor der Frage: Welches ist das Original? Die Antwort brachte von Zahn. Entgegen der Annahme aller war es nicht die ästhetisch gelungenere Madonnendarstellung in Dresden - sondern das neue, künstlerisch weniger hochwertige Gemälde.

Kunstgeschichte an der Universität

Von Zahn urteilte nicht nach subjektivem Eindruck, wie es sonst üblich war. Damals entschieden Kunstkritiker nach dem jeweiligem Schönheitsempfinden der Zeit und persönlichem Geschmack. Von Zahn hingegen macht sein Ergebnis an objektiven Kriterien wie Stilmitteln und Technik fest - ein Schritt für die Kunstkritik zur Wissenschaft.

An den Universitäten wurde das Fach Kunstgeschichte noch nicht gelehrt. Wer sich für dieses Thema interessierte, studierte wie von Zahn Philosophie und Geschichtswissenschaften. Die Lösung des Holbein-Madonnen-Streits war für die Entwicklung des Universitätsfaches Kunstgeschichte von enormer Bedeutung - und somit auch der Leipziger Kunsthistoriker Albert von Zahn.

Nerd und Kreativkopf in einer Person

Seine wissenschaftliche Ausbildung in Leipzig und seine künstlerische Ausbildung an der Kunstakademie in Dresden unterschied Albert von Zahn von anderen Künstlern und Wissenschaftlern seiner Zeit. Um sich für seine Vorlesung an der Universität Leipzig vorzubereiten, reiste er ein Jahr durch Italien und fertigte Bleistift-Zeichungen von Landschaften und Dörfern an. An diesen erkennt man, dass neben dem Künstler auch ein Kunstwissenschaftler in ihm steckt: Jedes Bild datierte er, notierte den Ort seiner Entstehung und beschrieb mit pedantischer Genauigkeit, was das dargestellte Motiv zu bedeuten habe. Im Normalfall überlassen die Künstler diese Arbeit den Kunstwissenschaftlern - Albert von Zahn analysierte seine Werke gleich selbst. 

Wieso ein Kunsthistoriker manchmal wie ein Detektiv arbeitet und weshalb der Holbein-Madonnen-Streit einen fundamentalen Umbruch in der Kunstgeschichte bewirkte, hören Sie hier: 

mephisto 97.6 Redakteurin Lea Schröder über Albert von Zahn und die Ausstellung seiner Werke.
 
 

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Die Werke Albert von Zahns werden noch bis zum 8.1.2017 in einer Kabinettausstellung in der Graphischen Sammlung des Museums der bildenden Künste präsentiert. Der Schwerpunkt liegt auf den im Archiv entdeckten Bleistiftzeichungen seiner Italienreise und auf Werken zum Holbein-Madonnen-Streit.

Seine handgeschriebene Dissertation und andere Nachweise seiner wissenschaftlichen Arbeit findet man in der Bibliotheca Albertina.