Filmkritik

Kopfplatzen: Max Riemelt als Getriebener

"Kopfplatzen" bricht das Tabu und portraitiert einfühlsam den Alltag eines Pädophilen. Nachdem der Kinostart aufgrund der Corona-Krise abgesagt werden musste, erscheint das aufwühlende Drama direkt im Internet.
Kopfplatzen
Markus ist eine tickende Zeitbombe.

Immer wieder kehrt Markus zu einem Gehege im Park zurück. Hinter den Gitterstäben lauert ein Wolf. Die Frage ist nur, was Markus in dem Tier sieht. Den Wunsch nach einer strengen Zähmung oder die Sehnsucht nach einem Ausbruch, nach einem Entfesseln der animalischen Triebe? Mit diesem Bild findet Kopfplatzen eine etwas abgegriffene Metapher für das Innere seiner Hauptfigur, doch man ist fast schon froh über diese kurzen Momente der Ruhe. Savaş Ceviz´ Spielfilmdebüt ist ein Werk, das unter Strom steht, das immer wieder auf den Abgrund zusteuert und so den Stresspegel konstant hochhält.

Markus, die Hauptfigur des Dramas, ist ein angesehener, wohlhabender Architekt. Zu Freunden und Familie hat er zwar ein positives Verhältnis, doch der 29-Jährige bleibt immer auf Distanz. Niemand ahnt von seinem Geheimnis: Markus fühlt sich zu kleinen Jungen hingezogen. Als die Alleinerziehende Jessica gemeinsam mit ihrem Son Arthur in die Nachbarswohnung einzieht, wird die Situation für ihn immer unerträglicher. Markus lässt sich auf eine Affäre mit Jessica ein, während ihn sein eigentliches Verlangen zu Jessicas Sohn immer mehr um den Verstand bringt.   

Finstere helle Szenen

Kopfplatzen wagt sich in finsterste Gefilde, immerhin gilt Pädosexualität immer noch als eines der letzten großen gesellschaftlichen Tabus. Erstaunlich ist dabei, wie es Savaş Ceviz gelingt, ein Worst-Case-Szenario nach dem nächsten aneinanderzureihen, ohne sich dabei jemals der Übertreibung oder bloßen Schockeffekten hinzugeben. Unter den sterilen, eiskalten Bildern von Kamerafrau Anne Bolick brodelt es permanent, auf musikalische Untermalung wird fast ganz verzichtet. Kopfplatzen ist mit einer formalen Strenge inszeniert, die einem die Dringlichkeit dieser filmischen Auseinandersetzung ab den ersten Minuten zu verstehen gibt.

Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Max Riemelt als Hauptdarsteller diesen Leidensweg so facettenreich und subtil verkörpert. Hier wird dem Publikum erfahrbar gemacht, was es heißt, ein solches Versteckspiel tagtäglich durchführen zu müssen. Die begehrenden Blicke im Bus, das wahnhafte Masturbieren zu Hause, die Ausreden gegenüber dem Umfeld. Markus´ Schicksal ist so grausam und unvorstellbar, dass man sich natürlich empört abwenden kann, doch Kopfplatzen macht es sich selbst nicht so leicht.

Kopfplatzen
Markus führt eine Scheinbeziehung   

Der Regisseur versucht in diesen anderthalb Stunden, vollständig in die Gefühlswelt seines Protagonisten abzutauchen und sie nach außen zu kehren. Kopfplatzen verurteilt nicht, schließlich sind die Neigungen von Markus eben keine psychische Krankheit, die behandelt werden kann, wie es auch im Film zur Sprache kommt, sondern eine sexuelle Ausprägung wie Heterosexualität oder Homosexualität, auch wenn die Gesellschaft diesen Fakt gerne ausblendet.

Verstörend ist das zweifellos, wenn diese potentielle Täterfigur vor dem Spiegel die eigene Selbstinszenierung übt, wie er dem Nachbarsjungen am besten begegnen will, wie ein verliebter Teenager vor dem ersten Date. Oder später, wenn er im Schwimmbad erotische Aufnahmen von dem kleinen Arthur macht, und wenn irgendwann Erotik und Todestrieb Hand in Hand gehen. Der Film hätte in solchen Szenen leicht in Voyeurismus oder gar eine unfreiwillige Romantisierung abgleiten können, doch der Regisseur meistert diese Herausforderung mit großer Reife.

Schwächelnder Schlussakt

Savaş Ceviz´ Film ist eine rastlose Annäherung an eine Katastrophe, voller schwer erträglicher Szenen. Momente, die immer wieder changieren zwischen Mitleid und völliger Fassungslosigkeit, gerade weil sie so nüchtern und intensiv beobachtet sind. Er verlangt von seinem Publikum das Einfühlen in ein Szenario, das sich niemand vorstellen will und selbst nach diesem Film wohl immer noch nicht gänzlich vorstellen kann. Natürlich ist die Filmgeschichte voll von Werken über Pädophilie: Lolita, Little Children oder Die Jagd sind da nur einige prominente Titel. Doch kaum ein Film hat sich an einer solch radikalen, sozialrealistischen Charakterstudie versucht, wie es Kopfplatzen gelingt. Dieses Portrait eines Getriebenen, der niemals Erfüllung finden kann und darf, erinnert noch am ehesten an Michael Fassbenders Tour de Force in Shame von Steve McQueen, auch wenn sich beim Thema der Pädosexualität noch einmal eine ganz andere gesellschaftliche Dimension eröffnet.

Gerade an dieser Stelle wäre noch etwas mehr Mut zur Konfrontation zwischen den Figuren wünschenswert gewesen! Der Film scheut besonders in der zweiten Hälfte etwas davor, das schwierige Verhältnis zwischen Innen und Außen zur Sprache zu bringen. Wenn hier der point of no return kommt, geht alles ganz schnell und drastisch vonstatten, wo vorher eigentlich der Dialog gesucht wurde. So steht Kopfplatzen hier und da doch kurz davor, mit seiner dramatischen Zuspitzung etwas zu didaktisch zu werden. Ja, die erzählerischen Auswege, die hier gesucht werden, sind konsequent und naheliegend. Und doch sind sie trotz aller emotionaler Nähe die dramaturgisch simpelste Lösung. Schade, dass dadurch ausgerechnet das erschütternde Schlussbild nach diesem bis dahin herausragenden Film etwas verpufft. 

Fazit

Kopfplatzen ist ein deutscher Film für das internationale Parkett! Auch wenn die ein oder andere Konsequenz etwas mehr Mut zum erzählerischen Ausbruch vertragen könnte: Eine solch aufwühlende und herausfordernde Charakterstudie bekommt man nicht alle Tage zu sehen.

Kopfplatzen sollte ursprünglich am 2. April 2020 in den deutschen Kinos starten. Aufgrund der Corona-Krise wurde der Film direkt online als VoD über Vimeo veröffentlicht.

 

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Janick Nolting
09.04.2020 - 09:50
  Kultur

KOPFPLATZEN

Buch & Regie: Savaş Ceviz

Laufzeit: 99 Minuten 

Kamera: Anne Bolick 

Cast: Max Riemelt, Oskar Netzel, Isabell Gerschke, Luise Heyer und weitere 

Weitere Infos zum Film gibt es auf der Website von Salzgeber