Albenrezension: Les Trucs

Körperinneres und Körperäußeres

Nach sechs Jahren Auftragsarbeit an Theaterproduktionen veröffentlichen die Frankfurter Les Trucs wieder ein eigenes Album. Das neue Ding heißt Jardin du Boef und ist ein wunderliches Werk über den menschlichen Körper.
Psychedelische Körperbemalung
Posen auf einem Klavier. Auf den Aufnahmen von Les Trucs sucht man es allerdings vergeblich.

Les Trucs, das sind Charlotte Simon und Toben Piel und eine Menge Synthesizer, Kabel und Computer. Die Gruppe aus dem Rhein-Main-Gebiet macht eigensinnige elektronische Musik mit Text und ist außerdem als musikalische Begleitung in Theaterproduktionen zu finden. Schnelle Rhythmenwechsel und verklausulierter Sprechgesang sind Teil ihrer Musik. Dabei haben sie ein Faible für selbst gebaute Roboter, ausrangierte Gameboys und stotternde Drumcomputer. Das überbordende Equipment stellen sie bei Auftritten wie eine Raumschiffkonsole in die Mitte des Publikums.

„My body is a playground!“

Ihr neues Album heißt Jardin du Boef, französisch für „der (Rind-)Fleischgarten“, und ist am 04. Mai 2018 erschienen. Das Plattencover begegnet einem wie Omas gutbürgerliches Kochbuch. Eine Auswahl aus Schinken liegt da auf einer Schiefertafel und ist fein drapiert wie eine sich öffnende Blume. Dazwischen Melonenscheiben, frische Feigen, Weintrauben und glatte Petersilie. Vielleicht ein ironischer Kommentar zum kulinarischen Zeitgeist der Foodies und Feinschmecker? Dieser wird auf acht Liedern gründlich dekonstruiert. Thematisch bewegt sich das Album in einem engen Rahmen zwischen Körperinnerem und Körperäußerem. Zu Wort kommen Hypochonder, Ekel, Selbstoptimierung und der technischer Fortschritt.

Dark Wave meets Brecht

Man könnte fragen, ob zu diesem Thema nicht schon alles gesagt ist. Doch was Les Trucs besonders macht: sie versuchen nicht intim, authentische Befindlichkeiten auszudrücken. Sie äußern nicht nur Gesellschaftskritik. Stattdessen schlüpfen sie freudig-vergnügt in verschiedenste Rollen. Mit einem sehr eigenwilligen Vokabular, knappen Sätzen und verstelltem Lachen verzerren sie die Rollen zur Unkenntlichkeit - fast wie in einem brechtschen Theaterstück. Diese Entrücktheit ist ebenso in der Musik zu finden.

Der Sound des Albums lehnt sich an eine 80th-Synthie-Ästethik an und ist besonders rhythmisch und minimalistisch gehalten. Einflüsse von Dark Wave, Aerobic-Soundtracks und tropischen Polyrhythmen wechseln sich immer wieder ab. Das klingt mal kühl und metallisch, mal warm wie ein Xylophon. Mal verschiebt sich die gesamte Harmonik, als würde man die Drehgeschwindigkeit einer Schallplatte verstellen. Die holprigen Rhythmen und Breaks verweisen dabei auf den Ursprung der beiden Musiker*innen im Hardcore Punk. Das ist meist sperrig und wirkt manchmal zu erzwungen. Doch immer wieder braucht es nur wenige Töne und alles fließt zu überraschend melodischen und ausdrucksstarken Szenen zusammen.

Ist das ein Geschwür oder was wichtiges?

Die Platte beginnt mit einem düsteren und komplexen Beat, der sagt, dies wird keine leichte Hörlektüre. Es erinnert an die einstürzenden Neubauten; die Perkussion klingt nach PVC-Röhren, Blechtrommeln und Metallwerkzeug. Das geht Hand-in-Hand mit dem Geschehen. Besungen wird ein zynischer Chirurg im „Fachbereich Außen“; sein Plädo – „hab' keine Angst vor der Prothese“. Im zweiten Lied „Die Oberfläche“ wird die Geschwindigkeit um einiges erhöht und lädt damit zum moshen ein. Während es zuvor galt die Haut zu glätten, ist die Oberfläche nun doch zu soft und muss aufgerieben werden. Paradoxien der modernen Welt. Danach folgen die wohl eingängigeren Stücke des Albums. Eine Tuba tapst einen lässigen Beat in „Das vergessene Organ“. Darin stellen sich Organe mit niedlichen Schulhofreimen selber vor. Nebenbei lernt der Hörer ein paar wichtige Infos, um bei der nächsten WG-Party anzugeben. Simons theatrale Stimmführung trifft dabei perfekt einen naiven Ton. Zum Ende erheben sich die Stimmen zu einem fast barocken Kanon. Im vierten Lied „Blut, Eiter, Kot & Insekten“ entsteht eine feuchte Urwald-Atmosphäre. Synthies wabern und vibrieren und ab und an schwirren irgendwelche Geräusche hoch, als wär' eine Libelle auf deiner Schulter.

Fazit

Nach der ersten Hälfte scheint allerdings der Modus des Albums schon durchbuchstabiert und es schleichen sich einige Längen ein. Das Schlusslied „Cryonic Liver“ lässt einen dann aber doch wieder genau hinhören. Mit technoider Stimme besingt eine Leber ihren Wunsch eingefroren zu werden. Sie möchte dem vergifteten Körper entfliehen und in eine bessere Zukunft reisen. Mit ihrer neuen Veröffentlichung bleiben sich Les Trucs treu und bieten ein nicht leicht verdauliches, schräges Album. Es macht sehr viel Spaß zu hören, doch sollte man stressresistent sein und nicht anfällig sein für Herzflimmern. Nach dem Hören bleiben Träumereien von Science-Fiction. Darauf ein Magenbitter.

 

Kommentieren

Martin Roggenbuck
18.05.2018 - 11:34
  Kultur

Les Trucs: Jardin du Boef

Tracklist:

1. Ein Chirurg

2. Die Oberfläche

3. Das vergessene Organ*

4. Blut, Eiter, Kot & Insekten*

5. Harmoniah

6. Langsam wurde er Textil

7. Schrittmacher

8. Cryonic Liver (Emmanuel)*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 05.05.2018
Zeitstrafe/Ichi Ichi
Ab Juni auf Tour [u.a.]:

20.06.18 Chemnitz - Odradek
21.06.18 Berlin - Kantine/Berghain
22.06.18 Erfurt - Frau Korte
23.06.18 Hamburg - MS Stubnitz
29.06.18 Bamberg Festival - Kesselhaus
30.06.18 Leipzig - Pracht