Filmkritik

KNIVES OUT: Ein Krimi mit Kultpotential

Ein gruseliges Anwesen, eine garstige Familie und ein rätselhafter Selbstmord: Der umstrittene "Star Wars"-Regisseur Rian Johnson präsentiert mit seinem neuen Film "Knives Out" Krimi der alten Schule in einem ganz neuen Licht.
Knives Out
Mit dieser Familie möchte man nicht tauschen!

Kann man mit einem klassischen Krimi nach alter Schule heute im Kino überhaupt noch bestehen? Und wie man das kann! In einer Zeit, in der der „Tatort“ als Dauerbrenner immer noch im deutschen Fernsehen läuft und sich Romanautoren und -autorinnen jedes Jahr die Finger wundtippen, aber nur noch selten mit wirklich neuen Ideen zu glänzen wissen, wird der Amerikaner Rian Johnson auf den Plan gerufen, der das Genre zu entstauben weiß. Und das, obwohl sein neuer Film ebenfalls zunächst als klassischer Whodunit-Krimi beginnt, also als Geschichte, die sich einzig und allein um die eine Frage dreht:  Wer hat es getan? Wer ist der Verbrecher oder die Verbrecherin? Mit Knives Out gelingt Johnson die fulminante, zeitgemäße Wiederbelebung eines angeblich ausgelutschten Genres. Seine Whodunit-Story führt auf ein finsteres Anwesen, wo sich die dort ansässige Familie genüsslich selbst zerlegt.

Harlan Thrombey (Christopher Plummer), der Familienpatriarch und gefeierte Krimiautor, liegt in seinem eigenen Blut auf einem Kanapee, ausgerechnet nach seiner 85. Geburtstagsfeier. Den Dolch, der ihm die tödliche Halswunde zugefügt hat, hält er noch in seiner Hand. Die zum Todeszeitpunkt anwesenden Familienmitglieder und Hausangestellten wollen natürlich nichts mitbekommen haben und so wird der Tod des alten Mannes zu einem Fall für die Kriminalpolizei. Detektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) nimmt die Ermittlungen auf und gerät in ein Wespennest…

Knives Out
Daniel Craig als Ermittler

Dass Regisseur Rian Johnson eine Vorliebe für Wendungen und unterlaufene Erwartungen hat, verdeutlichte er zuletzt besonders drastisch in seiner Star Wars-Episode Die letzten Jedi, wo kanonische Charakterzüge und zuvor aufgeworfene Fragen mit äußerster Konsequenz über den Haufen geschmissen wurden, was vielen nostalgiebedürftigen Langzeitfans der Reihe gehörig gegen den Strich ging. Vergessen wurde dabei aber häufig, dass hinter dem zunächst schockierenden Abschneiden bisherigen Handlungsfäden nicht nur die Lust am Provozieren, sondern durchaus ein bewusstes Motiv erkennbar wurde, die Geschichte von den alten Motten zu befreien und auf eine neuere Ebene zu heben. Ähnliches gelingt ihm auch in Knives Out. Zurück also zur Ausgangsfrage: Funktioniert dieses Genre noch? Ja, vorausgesetzt, man weiß, den richtigen Mittelweg aus Nostalgie und Fortschritt zu finden.

Neues aus dem Gruselhaus

Johnson siedelt seine Kriminalgeschichte in einem alten Gemäuer an, das zunächst wie das typische Spukhaus aus der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts auf der Leinwand erscheint. Hier erkundet die Kamera in grobkörnigen Bildern die wunderbar ausstaffierten Räume, düsteren Ecken und versteckten Gänge. Überall Puppen, Masken, verstaubte Requisiten. Ein Labyrinth, ein Museum, voller Irrwege und Geheimnisse. Das Altmodische, Verstaubte wird zum bewussten Stilobjekt. Ja, man könnte mitunter kaum sagen, in welcher Zeit die Geschichte überhaupt spielen soll, würde nicht im nächsten Moment ein Smartphone gezückt werden.

Knives Out versprüht allein optisch und inszenatorisch den Geist der alten Krimimeister, genauer gesagt der Meisterin Agatha Christie, die Johnson hier ganz offensichtlich als Vorbild diente. So gibt Daniel Craig als Ermittler einen herrlich grotesken modernen Hercule Poirot ab, der das richtige Maß an Coolness und Eleganz mitbringt, dieses aber zugleich auch mit einer gewissen Tollpatschigkeit selbstironisch zu brechen weiß, ohne dass er dabei zur Parodie verkommt. Generell gelingt der Spagat aus lachhafter Verkehrung und Huldigung der kanonischen Vorbilder bestens.

Großer Star-Auflauf

Dazu sei erwähnt, dass der James Bond-Darsteller nur die Spitze dieses fast unverschämt guten Riesen-Ensembles bildet, das Rian Johnson hier versammelt hat. Hollywood-Star Christopher Plummer glänzt in den Rückblenden als Familienoberhaupt, Scream-Queen Jamie Lee Curtis spielt dessen Tochter, Toni Collette (Hereditary) gesellt sich unter anderem noch dazu, Chris Evans, der Captain America, spielt das wunderbar schmierige schwarze Schaf der Familie oder auch Ana de Armas, die als Bedienstete mit einer ganz besonderen Gabe Licht ins Dunkel bringen könnte: Bei jeder Lüge muss sich die junge Frau übergeben.

Ein All-Star-Ensemble, das weniger als Ensemble gemeinsam glänzt, sondern mitunter eher wie eine tobende Schulklasse wirkt, die die Regie kaum bändigen kann. Tatsächlich tappt Rian Johnson in diese Falle, denn es gibt schlicht zu wenige Momente, in denen alle Stars direkt interagieren können. Wenn die schräge Familie dann mal aufeinandertrifft, geht es allerdings hoch her! Es gab jedenfalls schon eine ganze Weile nicht mehr zu erleben, wie eine Familienzusammenkunft so grotesk aus dem Ruder läuft.

Knives Out
War es doch das Hausmädchen?

Falsche Fährten überall

Knives Out weiß seine Genremechanismen clever und routiniert zu bedienen. Da wird zunächst jede Figur im Verhör eingeführt, alle potentiellen Motive für den Mord werden ausgebreitet. Oder hat sich der Patriarch vielleicht wirklich selbst gerichtet? Des Rätsels Lösung in diesem ebenso spannenden wie humorvollen Whodunit-Fall kommt so überraschend schnell, dass man erst einmal auf die Uhr schauen möchte, um sich zu vergewissern, ob das wirklich schon das Ende sein kann. Nein, natürlich nicht!

Knives Out legt an diesem Punkt erst richtig los und es ist beinahe unmöglich, vorherzusagen, in welche Richtung sich das Verwirrspiel entwickelt. Johnson hat großes Krimi-Kino geschaffen, das sich als Hommage an die Größen des Genres vom bloßen altmodischen Erinnerungsstück zu trennen weiß, mit einem überraschenden Perspektivwechsel gewohnte Krimi-Muster verlässt  und sich zum Schluss sogar in gegenwärtige politische Diskurse stürzt.

Bissige Abrechnung

Die Aufklärung des Vebrechens entwickelt sich nebenbei zur Gesellschaftssatire rund um Fremdheit und Fremdwerden, sowohl mit dem Inneren, mit sich selbst und der Familie, als auch mit der Außenwelt und den Vorbehalten gegenüber dem Unbekannten. "Amerika den Amerikanern!", "die bösen Mexikaner", Links gegen Rechts, Jung gegen Alt, auch in dieser hermetisch abgeriegelten Grusel-Villa debattiert man auf niedrigem Niveau die Politik da draußen, während die Konflikte längst auch innerhalb der Familie toben. Knives Out hat eine bissige, ja, fast radikale, aber zugleich auch augenzwinkernde Antwort auf all seine Fragen in petto. Der deutsche Untertitel lautet „Mord ist Familiensache“. Ja, aber die verbrecherische Angelegenheit im alten Gothic-Gemäuer bleibt nicht nur im Privaten. Sie geht hinaus in die Weltpolitik  und verpasst einem ohnehin schon herausragend geschriebenen Krimi seinen verdienten doppelten Boden.   

 

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Janick Nolting
12.01.2020 - 22:54
  Kultur

KNIVES OUT

Regie und Drehbuch: Rian Johnson

FSK 12

Kinostart: 02.01.2020

Laufzeit: 130 Minuten

Cast: Daniel Craig, Ana de Armas, Toni Collette, Chris Evans und weitere