Stolpersteine

Klein und golden

Nur wer hinsieht, findet sie: Stolpersteine. Sie erzählen individuelle Geschichten, die doch für das Schicksal eines Landes stehen. Sie sollen erinnern und in den Bann ziehen, ohne sich aufzudrängen – und treffen damit den Nerv unserer Zeit.

Das Deutschland des 21. Jahrhunderts steht vor einem Problem. Wie wollen, wie müssen wir heute mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg umgehen, wie seiner Opfer gedenken? Reicht ein Gedenktag im Jahr, ein paar Denkmale, Gedenktafeln? Was tun wir, wenn es erst keine Zeitzeugen mehr gibt, deren Erlebtes viel eindrücklicher und mahnender ist? Wird die Erinnerung an den Holocaust zum Ritual, eingeübt und gedankenlos?

Jeder Stein eine Geschichte

Ein möglicher Ausweg aus den anonymen Gedenkstätten könnten Stolpersteine sein. Initiiert von dem Kölner Bildhauer Gunter Demnig werden seit mittlerweile über zehn Jahren kleine goldene Steine in die Fußwege Europas eingelassen. Sie sollen an jene Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben, deportiert und ermordet wurden. Die Steine liegen in der Regel vor dem letzten frei gewählten Wohnhaus und tragen einen Namen, ein Geburtsdatum und ein Todesdatum. Ebenfalls genannt wird der Ort des Todes – allzu häufig ein Arbeits- oder Konzentrationslager.

Die Gräueltaten der Nationalsozialisten zu begreifen, die schiere Zahl der Opfer  – das fällt schwer. Stolpersteine sind persönlich, sie konfrontieren den Betrachter mit einer Lebensgeschichte, sie sprechen ihn direkt an. Sie brauchen keinen großen Freiraum an einem möglichst öffentlichen Platz, sie sind eingelassen in die Wege, die jeder täglich geht. Sie sind Teil unseres Lebens – genau wie die Geschichte, an die sie erinnern.

Mitwirken

In Leipzig gibt es mittlerweile über 200 Stolpersteine. Organisiert werden sie von der Arbeitsgruppe Stolpersteine Leipzig. Sie begleitet den Prozess von der Recherche bis zur Legung der Steine, engagieren kann sich in dem Projekt aber prinzipiell jeder.

 

Ein Stadtrundgang der besonderen Art

 

29 neue Erinnerungen

Ergänzung vom 9. September 2014

Am Dienstag hat der Künstler Gunter Demnig 29 neue Stolpersteine in Leipzig verlegt. 75 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges befinden sich in Leipzig 265 Stolpersteine und über Europa verteilt rund 48.000. Damit gelten die Stolpersteine als größtes dezentrales Mahnmal weltweit.

Ein Denkmal gesetzt

An der Stelle des alten Wohnhauses der Grünbaums in der Lutherstraße steht nun ein Neubau. Davor haben sich einige Angehörige, Freunde und Initiatoren versammelt, die Stimmung ist gedrückt und festlich zugleich. Shiran Tamary, Enkelin des einzigen Überlebenden des Holocausts, ist aus Israel angereist. Für sie sind die vier kleinen Steine von besonderer Bedeutung: Endlich sei ihren Urgroßeltern, ihrer Großtante und ihrem Großenkel in Denkmal gesetzt und damit ihr Schicksal auch für die Öffentlichkeit greifbar.

Neben Familie Grünbaum wurden auch der Kommunist Alfred Kästner und die jüdische Familie Rosenfeld gewürdigt, sowie andere jüdische Familien und politische Andersdenker.

 

Eine Reportage von Carlotta Jacobi über die neuen Stolpersteine in Leipzig
Stolpersteine

 

 

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Laura Kneer
09.09.2014 - 21:40