Audio Invasion

Klassik für die Fußballfraktion

Bei der neunten Audio Invasion trifft Klassik auf Pop. Das Event soll junge Menschen ins Gewandhaus locken, die bisher keine klassischen Konzerte besuchen. Dabei leidet das Orchester unter den hippen Partyhoppern.
Emika im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses

Blaues Licht strahlt über den Augustusplatz. Das Deckengemälde von Sighard Gille glänzt nicht wie sonst warm-künstlerisch, sondern mystisch-geheimnisvoll in Unterwasserfarben. Schon von außen kann man erkennen: Das wird kein klassischer Konzertabend im Gewandhaus. Drinnen ist es lauter und voller als sonst.

Klassik und Pop zusammen

Um die Musik soll es gehen bei der Audio Invasion. Um alte und neue, Klassik und Pop, Klavier und Elektro. Das ist der Anspruch: Zu zeigen, dass beides zusammen geht. Gewandhausdirektor Andreas Schulz:

Gewandhaus zur Audio Invasion
Das Gewandhaus erstrahlt in Unterwasserfarben.

Eigentlich ist das Ganze ein Musikvermittlungsprojekt, das in unsere Serie "Impuls" gehört. Wir haben uns vor über zehn Jahren überlegt, wie wir nicht nur an Kinder und Jugendliche in der Musikvermittlung herankommen, sondern auch an junge Erwachsene und haben dieses Projekt gemeinsam mit "emotion works" kreiert: Ganz bewusst einen klassischen Auftakt und dann die angesagtesten Bands und DJs.

Und so geht für die Besucher nur beides: Wer sich für die Künstler im zweiten Teil des Abends interessiert, kauft automatisch auch eine Karte für das Große Concert mit dem Gewandhausorchester. Und so sieht das Publikum dann auch aus: Wie ein Publikum, das zum Pop gekommen ist und dann zwangsläufig noch die Klassik mitnehmen muss.

Publikum zieht Fokus

22 Uhr: Unter der Leitung von Edward Gardner beginnt das Orchester mit dem schmissigen „In London Town“ von Edward Elgar. Im Anschluss folgt Béla Bartóks „Konzert für Orchester“. Die Musik ist herrlich, doch leider kommt man nicht wirklich dazu, sie zu genießen. Vielmehr zieht das Publikum den Fokus auf sich.

Das Gewandhausorchester im großen Saal.

Auf der Empore: Die Fußball-Fraktion. Junge Herren in Jogginganzügen lümmeln gelangweilt in ihren Sesseln. Parkett Reihe drei: Ein Mann Typ „Testosteronüberschuss“ kaut Kaugummi. Schräg dahinter ein Jungspund in roter Hose. Er pfeift Bartóks Stück auf der Bierflasche mit. Die deppern dreinschauende Blondine neben ihm scheint das zu irritieren, sie kichert aber nur angeschickert. Am Ende des zweiten Satzes macht das Pärchen vor mir ein Selfie und küsst sich. Wesentlich zivilisierter ist dagegen die Dame mit den pinkfarbenen Haaren: Spätestens im vierten Satz ist sie eingeschlummert.

Exodus der Partyhopper

Da haben schon einige der Partyhopper den Saal verlassen: Zwischen den Sätzen – wenn natürlich geklatscht wird – findet immer wieder ein kleiner Exodus statt. Der Beginn des vierten wird durch einen klimpernden Kronkorken zu ungekanntem Klang gebracht. Dabei nimmt der Typ „Start Up“ mit Bart und Brille auf der Empore gegenüber der Fußballfraktion noch einen kräftigen Schluck aus seiner grünen Bierflasche. Insgesamt: Auffällig viele Smartphones. Eine Zumutung.

Omar Souleyman
Omar Souleyman

Normkonform verhält sich die Meute dagegen im Popteil des Abends. Im Mendelssohn-Saal spielt Emika. Die Dame trägt eine blonde Bubikopffrisur und berührt gern ihren Torso. Gegen die Melodien des Orchesters wirken ihre dumpfen Bässe doch recht stumpf. Nicht viel besser klingt es im großen Saal bei ATOMTM. Klänge wie aus einem Bergwerk. Die Stimmung ist so lala. Einige gehen richtig ab, der Rest steht eher gepflegt herum.

Souleyman heizt ein, Kohlstedt entspannt

Im Mendelssohn-Saal ist die Stimmung ausgelassener. Der Syrer Omar Souleyman heizt dem Publikum ein. Der Mann im weißen Gewand und mit Kopftuch feuert immer wieder die Menge an. Weite Teile seiner Performance verbringt er damit, mit dem Mikro unterm Arm zu den Beats mitzuklatschen. Dass seine Titel alle ziemlich ähnlich klingen: Geschenkt.

Entspannung bietet ab 1 Uhr Martin Kohlstedt. Allein mit Flügel und Synthesizer. Hier verschmelzen Klassik und Pop tatsächlich statt nur nebeneinander zu stehen. Und hier hält das Publikum auch wirklich inne, um mit sphärischen Klängen in die Nacht zu schweben. Vielleicht auch hin zu den lauten Bässen im Erdgeschoss.

Martin Kohlstedt
Martin Kohlstedt
 

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Die nächste Audio Invasion findet am 12. November 2016 statt. Dann spielt das Gewandhausorchester die deutsche Erstaufführung eines Violinenkonzerts von Wynton Marsalis. Es dirigiert Wayne Marshall.