Musik-Highlights: KW 40

Kirchenglocken für traurige Cowboys

Neue Musik gibt es auch in dieser Woche wieder. Mit dabei sind Wandl, Goat Girl, Gabriel Garzón-Montano und eine Netflix-Serie!
Musikhighlights
Die Musikhighlights mit Wandl, Goat Girl und Gabriel Garzón-Montano

Frisch Gepresst: Unser Musiktipp der Woche ist das Album "Hyper Romance" von Jadu Heart. Eine ausführliche Rezension gibt es hier.

 

Gabriel Garzón-Montano – "Agüita"

Album-VÖ: 2. Oktober

Mit seinem zweiten Album „Agüita“ will sich der US-Amerikaner mit franko-kolumbianischen Wurzeln, Gabriel Garzón-Montano, vom Schubladen-Denken verabschieden. Über sein neues Werk sagt der New Yorker:

Genre has never been a consideration. The idea of genre uses fear of failure as a baseline. Genre puts the music in a box - This album is anti-genre. Anti-fear. Anti-box.

Als Beschreibung für die starken Gegensätze zwischen den zu hörenden Musikstilen ist dieser Leitspruch passend. Auf dem Album verarbeitet der Multiinstrumentalist tatsächlich so extrem unterschiedliche Stile, wie lateinamerikanische Folk-Musik, R'n'B, Hip-Hop und Reggaeton. Als organische Mischung lässt sich „Agüita“ trotzdem nicht bezeichnen. Das Album läuft hauptsächlich in zwei verschiedenen Modi: zum einen die Mehrheit der melancholischen, englisch-sprachigen Indie/RnB-Songs (z.B. „Tooms“, „Bloom“), auf denen Gabriel mit hoher Stimme im Stil von Thom Yorke oder Moses Sumney schmachtet; zum anderen die tanzbaren, spanischsprachigen Banger, die hauptsächlich von modernem Trap und Reggaeton à la J Balvin beeinflusst scheinen („Muñeca“, „Agüita“). Lediglich der einzige zweisprachige Track („Mira My Look“) bringt die beiden widersprüchlichen Seiten des Künstlers zusammen.

Kohäsion besteht so zwar kaum. Für sich genommen funktionieren jedoch sowohl die schwelgerischen als auch die tanzbaren Stücke hervorragend.

Martin Pfingstl

Wandl - "Womb"

Album-VÖ: 2. Oktober

Das neue Album des österreichischen Sängers und Produzenten Wandl ist ein kurzes, aber großartiges Vergnügen. Die neun Tracks auf „Womb“ sind voll mit bemerkenswerten Songs. Dazu gehören lieb gewonnene Wandl-ismen, wie die verwaschene Soundästhetik und der viele Raum, den die Instrumentals zur Verfügung haben. Dennoch ist „Womb“ keineswegs die simple Fortsetzung des hervorragenden Debüts „It’s All Good Tho“, sondern versucht sich mehr denn je an komplexeren Songstrukturen. Die Vorabsingles „Double Exposure“ oder „Altbautraum“ etwa sind sich ständig weiterentwickelnde Songs. Selten endet ein Track auf der Platte genau so, wie er angefangen hat.

Why do I need your validation?
Under You
Why do I feel so hated?
It's killing me

Song: "Under My Skin"

Zudem klingt Wandl auf der Platte noch selbstbewusster und sich seiner Stärken noch bewusster, als auf dem Vorgänger. „Under My Skin“ ist vielleicht die klarste und beste Gesangsperformance, die der Österreicher bis jetzt abgeliefert hat - und die es so wohl auch nicht auf „It’s All Good Tho“ hätte geben können. Absolutes Highlight ist aber der Albumcloser „Requiem (Erkennung)“. Auf dem Track wird gejodelt, es werden Kirchenglocken gesamplet – und heraus kommt das weirdeste und vielleicht beste Instrumental des Jahres.

Dass Lukas Wandl aber nicht nur herausragender Musiker ist, zeigte er am Mittwoch. Via Bandcamp prereleaste er sein Album. Alle Erlöse kommen den Geflüchteten auf Moria zugute.

Scott Heinrichs

Goat Girl – „Sad Cowboy“

Single-VÖ: 29. September

Schon länger hatte man nichts mehr von der englischen Band gehört. Goat Girl haben 2018 mit ihrem gleichnamigen Debütalbum die Herzen aller Indie-Fans höherschlagen lassen und galten neben Shame als vielversprechende Newcomer aus dem Londoner Süden. Ihre wilder Garage-Punk Sound klang überraschend bissig und die Texte erfrischend ehrlich. „Sad Cowboy“ klingt jetzt allerdings weniger nach dreckiger Garage, sondern eher nach Dancefloor, denn Goat Girl haben eine ganze Schippe Synthesizer draufgelegt. Den leicht psychedelischen Sound erklärt auch der Inhalt den Songs, denn es geht darum, den Sinn für die Realität verloren zu haben.

People pass we exchange a glance,
as the dogs do laugh in a background chant.
Cold air breathes down the cotton sleeves,
oh go back to sleep where the moonlight gleams.

Mit „Sad Cowboy“ haben Goat Girl auch ihr nächstes Album angekündigt. Das wird „On All Fours“ heißen und soll das Bild der Post-Brexit Generation zeichnen und sich mit dessen Folgen beschäftigten. Trotz elektronischem Einschlag bleiben Goat Girl also politisch. Ob sich der neue Sound durchzieht, zeigt sich dann spätestens am 29.01.2021, wenn das Album veröffentlicht wird.

Marie Jainta

„Song Exploder“ auf Netflix

ab 2. Oktober

Und zum Schluss gibt es noch etwas zum Anschauen. Den beliebten Musikpodcast „Song Exploder“ kann man nicht mehr nur hören, seit heute gibt es auch eine Netflixserie mit demselben Namen, die einem ähnlichen Konzept folgt. Seit 2014 lässt Musiker und Komponist Hrishikesh Hirway Musiker*innen ihre Songs auseinandernehmen. 193 Podcast-Episoden sind dabei schon entstanden, unteranderem mit Björk, Metallica und Alt-J. Auch Titelsongs von Serien wie „Downton Abbey“ oder „Stranger Things“ wurden schon besprochen.

Genau wie im Podcast erklären auch in der Netfix-Serie einige bekannte Künstler*innen sowohl die musikalischen als auch inhaltlichen Intentionen hinter einem ihrer Songs. Hirway trifft sich in jeder Folge der Dokuserie mit mehreren Musiker*innen und spricht mit ihnen über ihre Musik. Mit Hilfe von Archivmaterial und rohen Studioaufnahmen sollen die Zuschauer*innen so mehr über die Entstehung von Musik erfahren. Und mit prominenter Besetzung geht es in der ersten Folge „Song Exploder“ schon los: Neben Alicia Keys und Michael Stripe von R E M, werden auch Lin Manuel Miranda („Hamilton“) und Rapper Ty Dolla $ign zu sehen und zu hören sein.

Marie Jainta

 

 

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Marie Jainta, Martin Pfingstl, Scott Heinrichs
02.10.2020 - 13:22
  Kultur

 

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Gabriel Garzón-Montano – "Agüita"

 

Wandl - "Womb"

 

Goat Girl - "Sad Cowboy"