Jahresrückblick: Kino

Kinorückblick 2020

2020 war kein gutes Jahr für Kinos auf der ganzen Welt. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass keine guten Filme erschienen sind! Die mephisto 97.6-Kinoredaktion spricht ohne besondere Reihenfolge über 10 Filmempfehlungen aus dem Jahr 2020.
Kino-Rückblick 2020
Der Kinocheck Jahresrückblick mit 10 Filmempfehlungen aus dem Jahr 2020

Die Podcastfolge mit unseren Filmhighlights findet ihr hier:

Tenet 

Dass Regisseur Christopher Nolan fasziniert von Zeit ist, zeigte er bereits in Filmen wie "Interstellar" und "Inception". In seinem neuesten Film "Tenet" treibt er diese Faszination nun entgültig auf die Spitze. Denn diesmal wird der Fluss der Zeit umgedreht.

Hinter dieser Idee steckt weit mehr, als man vielleicht vermuten mag. Denn "Tenet" ist kein typischer Zeitreise-Fantasy-Mix wie "Zurück in die Zukunft". Der Film glänzt mit einer der am besten durchdachten Science-Fiction Geschichten der letzten Jahre. Nolan hat es nicht nur geschafft, die komplexe Handlung physikalisch und logisch so stimmig wie möglich zu erzählen, sondern auch einen spannenden Agenten Thriller rund um die Zeit-Thematik zu erzählen.

Vincent Schmitt

Uncut gems - Der schwarze Diamant 

Adam Sandler kennt man sonst eher aus seichten amerikanischen Komödien. In "Uncut gems" darf er hingegen beweisen, dass in ihm doch ein guter Schauspieler steckt. Die Regisseure Josh und Benny Safdie erzählen in der Netflix Produktion die Geschichte eines jüdischen New Yorker Juweliers, der über illegale Wege in den Besitz eines sehr wertvollen schwarzen Opals aus Afrika gerät. Um seine Wettschulden zu tilgen, beginnt er ein Spiel mit verschiedenen mächtigen Parteien. Doch bald scheint das Spiel außer Kontrolle zu geraten und es entspinnt sich ein Thriller, der nicht nur Adam Sandler sondern auch die Nerven der Zuschauer auf eine Zerreißprobe stellt.

"Uncut gems" gelingt es, dem globalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts eine künstlerische Form zu geben. Das Ergebnis ist ein Film, der einen nicht mehr loslässt.

Tim Puls

I'm Thinking of Ending Things

Diese Option ist nur für Bilder möglich.

Mit „I'm Thinking of Ending Things“ ist Charlie Kaufman ein visuelles Meisterwerk gelungen. Eine junge Frau fährt mit ihrem Freund durch einen Schneesturm, um dessen Eltern kennenzulernen. „Ich denke darüber nach, Schluss zu machen“, denkt die Protagonistin währenddessen immer wieder. Die Geschichte des jungen Paares - einer Beziehung im Schwebezustand - wird durch verwirrende Elemente wie wechselnde Identitäten der Figuren und sich überlagernde Zeitebenen zu einem rätselhaft verformten Werk entwickelt.

Der Film bietet eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten und entzieht sich gerade dadurch jedem Versuch einer eindeutigen Interpretation. "I'm Thinking of Ending Things" ist ein faszinierender Film über die menschliche Subjektivität, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Lyuba Boncheva

Undine 

Trailer Undine   

Alte Mythen in die Gegenwart zu holen, ist wahrhaftig keine neue Idee. Doch wenn Christian Petzold es tut, dann lohnt es sich meist, etwas genauer hinzusehen. Der Regisseur von Jerichow (2008), Barbara (2012), oder Transit (2018) widmet sich in seinem jüngsten Film der mythologischen Figur der Undine, einem halbgottähnlichen Wasserwesen. Doch die ist mit einem Fluch belegt: Wird sie von einem Mann verlassen, so ist sie dazu gezwungen, ihn zu töten… Petzolds Undine - gespielt von Paula Beer - ist eine Berliner Stadthistorikerin, die sich gegen den Fluch wehrt und sich prompt in einen Industrietaucher - wunderbar gespielt von Franz Rogowski- verliebt. In fantastisch traumwandlerischen Bildern folgen wir den zwei Verliebten hinab ins kühle Nass - Kitschgefahr nicht ganz ausgeschlossen. Nebenbei wird auch die Geschichte Berlins angerissen, inklusive der Debatte um die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses, aber auch die Gentrifizierung des Stadtteils Mitte.

Klingt zusammenhangslos? Fehlanzeige! Denn hier verbindet sich die Mythologie der Undine mit der sich wiederholenden Geschichte von Aufbau und Zerstörung. Ein Film, der viele Ebenen aufmacht und zwischen surrealen Atmosphären und klarer Erzählung changiert. Eine ausführliche Rezension findet ihr hier.

Josephine Kanditt

1917 

Trailer 1917   

Wie unschwer am Titel zu erkennen ist, handelt es sich bei „1917“ um ein Kriegsdrama, das im ersten Weltkrieg spielt. Regisseur Sam Mendes erzählt die Geschichte der beiden Soldaten Blake und Schofield, die den Befehl erhalten, die Fronteinheit der britischen Armee vor einem deutschen Hinterhalt zu warnen. Um die Nachricht zu überbringen und sich durch die feindlichen Linien zu schlagen, bleiben nur wenige Stunden. Getrieben von der Dringlichkeit ihrer Mission, stellen sich die beiden Soldaten äußersten physischen und psychischen Belastungen.

Neben dem außergewöhnlichen – oft wortlosen – Feingefühl, mit welchem der Film von Mut und Kameradschaft erzählt, macht ihn auch seine technische Finesse besonders. Durch Tricks mit Schnitt und Kamera wird der Anschein erweckt, „1917“ sei in nur einer einzigen Kamerafahrt gedreht worden. Die Folge ist ein Film, dem man sich nur schwer entziehen kann und der auf der großen Leinwand am besten wirkt.

Annalena Gebauer

Small Axe 

Trailer Small Axe   

Wenn man es ganz genau nimmt, ist Small Axe gar kein Film. Und trotzdem gewann die Antologie Mini-Serie bei den "Los Angeles Film Critics Association Awards" den Preis für den besten Film. Und das zu recht! In fünf unabhängigen Filmen erzählt der Oskar prämierte Regisseur Steve McQueen (12 Years a Slave) die Geschichte der Westindischen Gemeinschaft in London zwischen 1969 und 1982.

Beispielsweise zeigt die Folge "Mangrove" den Weg des gleichnamigen Restaurants von einer einfachen Gaststädte hin zum Treffpunkt der Black Panther Bewegung und der ganzen karibischen Gemeinschaft. Dagegen fängt die Folge "Lovers Rock" das Gefühl einer Party ein wie kein zweiter Film.

Mit starken Figuren kämpft die Serie gegen jegliche Art von Rassismus und Ungleichheiten. "Small Axe" kommt genau zum rechten Zeitpunkt in einem Jahr, das gezeigt hat, wie aktuell Themen wie Polizeigewalt und Rassismus immer noch sind.

Vincent Schmitt

Days

Trailer Days   

Die Einsamkeit der Großstadt, verzweifelte Individuen und die Sehnsucht nach Nähe. Tsai Ming-Liang widmet sich in seinem elften Langfilm erneut seinen zentralen Themen.

In "Days" vereint der taiwaneisische Regisseur sein ganzes Können - und treibt es zugleich auf die Spitze. Selten hat jemand die Einsamkeit so intensiv auf Film gebannt. Keine Dialoge. Lange Kameraeinstellungen. Die Handlung auf ein Minimum beschränkt, aber von großer Vielschichtigkeit. Zwei Männer bestreiten ihren tristen Alltag. In einem Hotelzimmer treffen sie sich zu einer der intensivsten Liebesszenen der vergangenen Jahre, bis sich ihre Wege wieder trennen. Eine tragische Beobachtung über gekaufte Liebe, über Oben und Unten. Kapitalistischer Schrecken in traurige wie poetische Bilder gefasst. Bilder, die das Publikum in einen fast meditativen Zustand versetzen. Und zugleich ein Film der Leerstellen, der verlassene Orte zeigt, an denen es nichts mehr zu retten zu geben scheint. Was ist nur aus uns geworden, will man zum Schluss verzweifelt fragen.

"Days" war nicht nur der beste Film der diesjährigen Berlinale, sondern einer, der noch lange nachhallt. 

Janick Nolting

Knives Out 

Trailer Knives Out   

Den wohl unterhaltsamsten Film des Jahres beschert uns Regisseur Rian Johnson mit „Knives Out“ – und beweist erneut, dass er sein Handwerk so geschickt zu meistern weiß wie kaum jemand sonst in Hollywood. Der Ausgangspunkt dieses Films ist simpel: Ein Familienvater wird am Morgen nach seinem Geburtstag tot aufgefunden. Das macht die restlichen Familienmitglieder zu Verdächtigen in einem Mordfall. Lösen will diesen niemand geringeres als Privatdetektiv Benoit Blanc – gespielt von Daniel Craig.

Rian Johnson gelingt es mit einem großen Ensemble-Cast, das „Whodunit“-Genre zu entstauben und verneigt sich gleichzeitig vor großen Krimiautoren wie Agatha Christie und Arthur Conan Doyle - mit einer Liebe zum Detail, die man dem Film in jeder Sekunde anmerkt. Die ausführliche Rezension findet ihr hier.

Tim Puls

Oeconomia  

Trailer OECONOMIA   

Monopoly hat gelogen! In ihrem zweiten abendfüllenden Dokumentarfilm wagt Regisseurin Carmen Losmann einen Erklärungsversuch, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert, warum es zu scheitern droht und wie wenig wir womöglich darüber wissen. Was ist Geld? Was sind Schulden? Und wie hängt beides zusammen?

Simple Fragen, die im Zentrum stehen und nach und nach das Unverständliche und Unsichtbare mit höchster Klarheit durchleuchten. Eine tastende Annäherung, die trotz des vermeintlich trockenen Themas, herausragende Mittel findet, das "Matheheft der Welt", wie es im Film heißt, zu visualisieren.Besorgniserregende Interviews, eine Bildschirmpräsentation, die sich immer weiter verstrickt. Architektur, Gebäude, Machtzentren, in die die kapitalistische Ideologie eingeschrieben ist. Polierte Glasfassaden, die doch keine Einsicht gewähren. Nach "Oeconomia" hat sich das zumindest für kurze Zeit geändert.

Janick Nolting

Niemals Selten Manchmal Immer  

Trailer Niemals Selten Manchmal Immer   

Einfühlsam beleuchtet Regisseurin Eliza Hittman in ihrem Film "Niemals Selten Manchmal Immer" die Reise einer 17-Jährigen vom konservativ geprägten Pennsylvania nach New York, um dort eine Abtreibung durchzuführen. Begleitet wird sie von ihrer loyalen Cousine Skylar.

Es braucht nicht viele Worte um zu vermitteln wie es den beiden dabei geht. Genau mit dieser Stille gelingt es Regisseurin Eliza Hittman jedoch, den Kern der Handlung aufrichtig darzustellen. Sie erzählt eine Geschichte über Abtreibung im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheiten mit einer beobachtenden Perspektive auf ihre Protagonistinnen. So schafft sie einen ehrlichen und dokumentarischen Stil, ohne dabei zu skandalisieren oder moralisch zu werden. 

Wiebke Drescher

 

Kommentieren

Tim Puls, Lyuba Boncheva, Josephine Kanditt, Annalena Gebauer, Janick Nolting, Wiebke Drescher, Vincent Schmitt
31.12.2020 - 11:37
  Kultur

Ihr habt noch nicht genug? 

Hier noch weitere Filmtipps: