Filmrezension: Dunkirk

Kino als Erlebnis

Regisseur Christopher Nolan, bekannt für "The Dark Knight" und "Inception" gilt in Fachkreisen als ein Genie unserer Zeit. Mit seinem neuesten Film "Dunkirk", ist Nolan ein ungewöhnliches Wagnis eingegangen.
Dunkirk (Film) Titelbild
Titelbild von Christopher Nolans neuesten Films

Vom Himmel regnet es Flugblätter. Soldaten laufen durch die Straßen einer beschaulichen französischen Stadt und plündern Proviant. Es fällt ein Schuss, weitere Folgen. Die britischen Infanteristen rennen vom Schussfeuer davon. Erst trifft es nur einen Soldaten. Doch dann fällt fast die ganze Einheit dem Kugelhagel zu Opfer. Regisseur Christopher Nolan macht zum Beginn von Dunkirk klar, worauf sich der Zuschauer eingelassen hat. Denn hier, wartet kein heroischer Kriegsfilm auf einen.

Geschichtsbuch Seite 40

Dunkirk spielt während des Westfeldzuges des Deutschen Reiches im II. Weltkrieg. Die Wehrmacht überrannte die Truppen der Alliierten auf ihrem Weg nach Paris. In der französischen Stadt Dunkerque (im engl. Dunkirk) gelang den Deutschen ein entscheidender Schachzug. Sie konnten die hauptsächlich britischen Truppen einzingeln. Aus bis heute ungeklärten Gründen erhielten die Panzer der Wehrmacht jedoch den Haltebefehl; von Hitler persönlich abgesegnet. Der Befehl nicht vorzurücken, gab den Briten Zeit. Genau hier setzt der Film Dunkirk ein. Bei dem britischen Unternehmen „Operation Dynamo“. Der Evakuierung der eingekesselten alliierten Truppen zu See.

"Die feindlichen Panzer haben angehalten."

"Wieso?"

"Warum kostbare Panzer opfern, wenn sie uns wie Fische im Netz von Oben erwischen können?"

"Es sind vierhunderttausend Mann an diesem Strand."

Erzählerische Besonderheiten

Normalerweise würde der Kinogänger, bei so vielen Schicksalen, eine von Charakteren angetriebene Handlung erwarten. Nolans Filme sind dafür ja auch bekannt. Erinnerungswürdig ist da insbesondere Heath Ledgers Auftritt als Joker in der Batman Trilogie. Doch tiefgründige Charaktere sind in Dunkirk abwesend. Und dennoch gibt es einen Protagonisten. Die Schlacht um Dunkirk selbst.

Mehr zu Regisseur Christopher Nolan können Sie im Erklärstück von Janick Nolting erfahren:

Erklärstück zu Christopher Nolan von Janick Nolting
Erklärstück zu Christopher Nolan

Es braucht keine ausgefuchsten bösen Nazis als Gegner oder patriotische Amis mit großen Knarren. Nolan verzichtet auch auf Hintergrunddialoge. Der Zuschauer erfährt nie, wer die Soldaten sind, was sie antreibt oder wie sie dem Krieg gegenüberstehen. Man sieht den Darstellern ihre Emotionen an, fiebert mit und alles fühlt sich stets beklemmend an. Die Bilder sprechen für sich.

Ein Dessert als Hauptgang

Der renommierte Film „Der Soldat James Ryan“ aus dem Jahr 1998 ist bekannt für eine der besten Kriegsfilmszenen. Gleich zu Beginn des Dramas wurde die Landung am Omahabeach am D-Day nachgestellt. Die raue, explizite und reale Darstellung dieses Ereignisses schockiert Zuschauer noch bis heute.

Dunkirk macht dem nun Konkurrenz. Aber nicht nur mit seiner Anfangsszene, sondern mit dem gesamten Film. Üblicherweise enden viele Kriegsstreifen mit einer actiongeladenen Endschlacht. Aber in Dunkirk ist die Endschlacht der Film.

Wie man seine Fingernägel verliert

Dieser Kniff, gepaart mit dem Mangel an Charakterfokus ist durchaus ein Wagnis, welches nicht jedem Zuschauer gefallen wird. Doch Nolan hat es geschafft, die Spannung stets auf einem hohen Niveau zu halten. Dunkirk hat keine Momente, in denen der Nervenkitzel abwesend ist. Selbst unspektakuläre Szenen, wie sitzende und wartende Soldaten wirken spannungsgeladen. Als Kinobesucher hat man ein andauerndes Gefühl von Nervosität und Ungewissheit. Davon könnte so manch ein moderner Horrorfilm einiges lernen.

Die Schönheit der Realität

Nolan hat alles aus dem Medium Film herausgeholt, damit der Zuschauer dauerhaft an der großen Leinwand klebt. So wurden im Film nur echte Schiffe, Flugzeuge und Drehorte verwendet. Computereffekte sind fast nie verwendet worden. Dadurch wirkt das Meer rau und kühl, währenddessen sich die stählernen Schiffe über das Gewässer schieben. Die Flieger rattern und klappern im Wind, wenn sie sich Luftkämpfe liefern. Und all das wird untermauert von den Geräuschen des Geschehens, die bis ins Knochenmark gehen. Das erzeugt fantastisch reale Bilder. Kino wirkte schon lange nicht mehr so echt.

Eine Symbiose ohne ihresgleichen

Wie für Nolans Filme typisch, wurde der Soundtrack zu Dunkirk wieder von Hans Zimmer komponiert. Was sich zu Beginn nur wie ein Hintergrundgeplänkel anhört, umgarnt im Laufe des Films das Leinwandgeschehen. Die Stücke kommen nicht als melodische Titel daher, sie sind vielmehr eine raffinierte Requisite. Das merkt man an den bereits beschriebenen unspektakulären Szenen. Zimmer schafft es, mit simplen Mitteln, wie dem Ticken einer Uhr, den Puls der Zuschauer in die Höhe zu treiben.

Der Trailer zum Film:

Fazit

Die Erwartungen nach den ersten Bildern zu Dunkirk waren hoch. Unglaublicherweise erfüllt Nolan sie nicht nur, er übertrifft sie obendrein auch noch. Dunkirk ist ein raues, sich echt anfühlendes Kinoerlebnis. Mit bombastischen Inszenierungen, die einen hohen Puls garantieren, einem der bisher raffiniertesten Soundtracks Hans Zimmers und der gelungenen Inszenierung eines historischen Ereignisses. Hier erwartet den Kinobesucher eine wahre Perle des Mediums Film.

Die Rezension zu Dunkirk können Sie im Studiogespräch zwischen Redakteur Philip Fiedler und Moderator Magnus Folten nachhören:

Philip Fiedler im Gespräch mit Magnus Folten
Philip Fiedler im Gespräch mit Magnus Folten
 

Kommentieren